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Wenn der Historische Verein für die Grafschaft Ravensberg...

... sich mal für eine Veranstaltung aus Bielefeld hinauswagt, dann kann das ziemlich interessant werden. Gestern konnte man das gut beobachten, und zwar in der Remise in Halle. Wolfgang Schindler hielt dort einen Vortrag zum Thema "Handel und Kaufleute in Halle von 1600 bis etwa 1850", in Zusammenarbeit mit den Haller Zeiträumen. Die Remise war auch gut besucht; ich schätze mal, 80 Leute waren es mindestens, die wissen wollten, wer denn die Leute waren, deren Namen man heute noch auf diversen Fachwerkhäusern in unmittelbarer Nähe des Kirchplatzes findet und auch auf den Grabsteinen der Waldbegräbnisse oben am Teuto. Das waren die Familien, die auch über Jahrhunderte lang öffentliche Ämter bekleidet und sich dabei im Grunde abgewechselt haben - man hatte also nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Hinsicht viel zu melden.

Da waren die Brunes, die Abeckes, die Hagedorns, die Kiskers... und ich bin nicht nur baff, was diese Kaufmannsfamilien so alles auf die Beine gestellt haben, sondern auch, was davon anhand noch existierender Akten auch heute noch nachvollzogen werden kann und mit welcher Akribie Wolfgang Schindler das Thema bearbeitet, ohne die großen Zusammenhänge aus dem Blick zu verlieren. Da ziehe ich wirklich meinen Hut. 

Quelle: www.haller-zeitraeume.de
Dank Herrn Schindler ist nun wesentlich mehr über das Halle im 17. bis 19. Jahrhundert bekannt. Und mit "Halle" ist hier tatsächlich mal die Kernstadt gemeint, also die Häuser, die sich damals hauptsächlich an der Langen Straße und der Bahnhofstraße befanden. Viel mehr Wohnstätten gab es noch nicht... aber dafür Zeiten, in denen in mehr als einem Fünftel dieser Häuser Kaufleute wohnten. Schon alleine diese Relation ist ungewöhnlich. Erstaunlich ist aber auch, welchen Umsatz - und Gewinn! - einzelne Kaufleute zu dieser Zeit auch aus so einem kleinen Städtchen im tiefsten Ostwestfalen heraus erwirtschaften konnten: Den Bielefelder Kaufmannskollegen standen sie in nichts nach. 

Die Haller Kaufleute machten ihr Geld im Wesentlichen mit Löwendlinnen, also dem nicht wirklich feinen Leinen. Auch die Verarbeitungsstufen davor brachten Umsatz, nämlich der Handel mit Flachssamen und Garn. Das Löwendlinnen wurde exportiert, meist über Bremen, und zwar auch bis in die USA, und gerne für Säcke oder Sklavenbekleidung verwendet. Und ja, auch darüber wussten die Haller Kaufleute Bescheid - das ist heute noch aktenkundig. 

Als die Industrielle Revolution Einzug hielt, ging es mit dem klassischen Handel mit Löwendlinnen abwärts, auch wenn man zwischenzeitlich teilweise mit dem Verkauf von Segeltuch gute Gewinne machen konnte. Die Bedeutung der Familien schwand langsam... mit einer Ausnahme: Die Kiskers hatten sich im 19. Jahrhundert vielseitiger aufgestellt als viele anderen und setzten auch auf Tabak und - Schnaps! Das hat sich als weise Entscheidung herausgestellt. Den Beweis dafür lieferte der Vortragsort selbst: Das "Bürgerzentrum Remise" war früher Kiskers Remise. 

Ich liebe es ja, wenn sich solche Kreise schließen.


 

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