Samstag, 13. August 2022

Werther, im August 1962 (Teil 1)

 

Der 13. August wird für viele Familien ein einschneidender Tag gewesen sein, wenn es für die meisten auch der 13. August 1961 gewesen sein muss, der Beginn des Mauerbaus. Bei den Schwentkers und den Gehrings war es dagegen der 13. August 1962, der am meisten in Erinnerung geblieben ist: 

An diesem 13. August 1962 ist meine Großmutter väterlicherseits gestorben, Anna Karoline Anneliese Schwentker geb. Gehring. Das ist heute auf den Tag genau 60 Jahre her. Sie war gerade mal 51 Jahre alt. Drei Jahre älter als ich heute. 

Auf dem Foto hier kann man es noch nicht ahnen, aber mit diesen 51 Jahren hatte sie schon eine lange Krankheitsgeschichte hinter sich und war zum Zeitpunkt ihres Todes auch schon bettlägerig gewesen. Angefangen hatte es wohl mit einer Diphterie-Infektion, von der keiner mehr sagen kann, wann genau das war. Die hat sie noch überstanden, ebenso wie später Herzinfarkt und Schlaganfall. Der dritte war dann aber doch zu viel. 

Mein gerade mal 19jähriger Vater war bei meiner Mutter in Halle, als sein Vetter Walter dort vorbei kam, um ihn zu holen: "Komm' sofort mit nach Hause, deiner Mutter geht's nicht gut!"

Er hat es noch rechtzeitig geschafft. Er war da. 

Gut so. 

(Und nur als Anmerkung zu dem Foto: Die Schuhe würde ich auch heute noch anziehen, wenn ich sie denn jemals gehabt hätte.) 

Freitag, 12. August 2022

Kennenlerngeschichten

Unser 6. Hochzeitstag - ab heute gehen wir offiziell ins sprichwörtliche verflixte siebte Jahr. Obwohl... zählt das eigentlich, wenn man vor der Ehe schon zwanzig Jahre zusammen war? 

In der Tageszeitung lese ich immer gerne die Artikel über die Gold- und Gnadenhochzeiten, weil da meist auch drinsteht, wie sich die Leute kennengelernt haben. Einen solchen Artikel wird es altersbedingt bei uns wohl nicht geben, aber wenn es ihn gäbe, dann würde der geneigte Leser erfahren, dass wir uns auf dem Brockhagener Dorfgemeinschaftsfest über den Weg gelaufen sind, und zwar 1992. Drei Jahre später waren wir dann zusammen. Das Ironische an der Sache ist: Auch vor 1992 habe ich meinen jetzigen Göttergatten schon sehr oft gesehen, denn wir waren auf derselben Schule, dem KGH. Kreisgymnasium Halle (Westf.). Er eine Stufe über mir. Vom Sehen kannte ich ihn schon, als ich 10 Jahre alt war. Wir hatten aber einen unterschiedlichen Freundeskreis und überhaupt nichts miteinander zu tun. 

Wenn ich über meinen Forschungen sitze, dann frage ich mich immer mal wieder, wie diese ganzen Paare eigentlich aufeinander getroffen sind. Bei meinen Eltern weiß ich ungefähr, wie sie sich kennengelernt haben, aber schon bei meinen Großeltern kann ich nur spekulieren. Bei denen, die in einer Stadt gewohnt haben, kann man sich denken, dass man sich mal irgendwo über den Weg gelaufen ist. Vielleicht stand man ja mal beim Bäcker nebeneinander in der Warteschlange? Oder saß in der Kirche nebeneinander? Und was ist mit den anderen? Vor allem in der Zeit, als man noch nicht mobil war und jede Ortsveränderung von auch nur 10 Kilometern eine größere Planung erfolgte? Gab es eigentlich eine Art "Heiratsmarkt" für Colonsöhne und -töchter? Dass es gerade in diesem Segment nicht immer Liebes-, sondern oft erstmal Zweckehen waren, ist mir klar, warum also das ganze nicht systematisch angehen? 

Aber was ist mit meinen ganzen Heuerlingen, den Arbeitern und den Selbstständigen? Die waren in der Wahl ihrer Ehegatten zumindest etwas freier. Aber auch die müssen sich ja mal irgendwo kennengelernt haben. Meine Vermutung ist, dass sich viele schon als Kinder gekannt haben. Über Ur-Opa und Ur-Oma habe ich zum Beispiel hier ja schon ziemlich ausführlich berichtet. 

Schön ist es natürlich, wenn nicht nur Ahnungen oder Spekulationen aufweisen kann, sondern auch Quellen. Das können Tagebücher sein, so sie denn die Zeit überdauert haben, oder eben auch diese Zeitungsartikel, die ich oben schon erwähnt habe. Auch die älteren Leute wissen noch ziemlich viel, wenn auch oft nicht mehr alle Details. Vielleicht finden sich aber auch andere Verbindungen, die nicht ganz so offensichtlich sind. Vielleicht hatte ja der Bruder der Braut zusammen mit dem Bräutigam gedient? Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang nicht nur das einzelne Individuum zu betrachten, sondern auch seinen Umkreis. Auch wenn es mehr Mühe macht. 

Deshalb: 

Wenn man weiß, wie sich zwei Leute getroffen haben, dann sollten wir Forscher es auch für die Nachwelt festhalten, und sei die Geschichte auch noch so trivial. Es macht die Lebensläufe einfach runder. 

Montag, 8. August 2022

Werthers Gedächtnis: Nachnamen, die mit G beginnen

Nach F kommt logischerweise G - hier sind also die Familiennamen, für die ich in Werthers Gedächtnis Dateien angelegt habe und die mit dem Buchstaben G beginnen: 

Gabriel, Gärner, Gaertner, Gallinat, Gnsler, Gante, Gartemann, Gartner, Gartschmidt, Gassoran, Gauer, 

Gebauer, Geerding, Geffert, Gehner, Gehring, Gehrke, Gehrs, Geise, Geisler, Gelhot, Genat, Generotzky, Genuit, Genzel, Geppert, Gercke, Gerdes, Gerding, Gerhardt, Gerlach, Gerling, Germer, Gertitschke, Gertloff, Gesing, Gestermann, 

Giese, Gieseler, Giesselmann, Giesselmeier, Giffey, Giljohann, Gillo, 

Glaser, Glaubitz, Glied, Gliemann, Glomb, Glösenkamp, 

Gnegler, Gnoth, 

Godejohann, Godt, Göbel, Göcker, Gödecke, Göding, Gödinghaus, Göhner, Goeke, Göking, Göller, Göllner, Goerres, Görtz, Görze, Gössling, Götting, Götz, Goldbeck, Goldmann, Goldschmidt, Goldstein, Gollnick, Goltz, Gorges, Gosebrink, Goesslinghoff, 

Grabe, Grabemann, Graes, Grafahrend, vom Grafen, Graff, Grantz, Grasekamp, Grebenstein, Greeff, Grenzel, Greßhöner, Greve, Griesbach, Griese, Grieß, Grieswelle, Groenegrese, Grohmann, Grone, Gronemeyer, Groppe, Groppel, Grosse Butenuth, Grosse-Benne, Grossegödinghaus, Grossenheider, Grosser, Großewächter, Grossjohann, Grossmann, Grote, Grotendiek, Groth, Grothaus, Grube, Grübel, Grünhoff, Grünkemeyer, Grützmacher, Grundmann, Grunecke, 

Gültert, Günther, Gütster, Guhe, Guntelmann, Guntenhöner, Guszahn. 

Bearbeitungsstand: 08.08.22. 

Wie immer: Auch mal phonetisch und/oder um die Ecke denken... 

Sonntag, 31. Juli 2022

"Kommen Sie zum Sterben nach Werther!"

Auch, wenn es makaber klingt - manchmal denke ich, dass die Stadt Werther in den 1950ern und 1960ern mit diesem Spruch hätte Werbung machen können. Und wenn nicht die Stadt, dann zumindest das Krankenhaus, das damals anscheinend einen ziemlich guten Ruf hatte. Leider (jedenfalls aus meinerForscherinnensicht) wurden die Todesursachen später nicht mehr festgehalten, sonst könnte ich das wahrscheinlich noch etwas konkretisieren.

Nur mal als Beispiel: 

Ich bin heute mit den Sterbeeinträgen von 1967 fertig geworden. Ja, ich erfasse in Werthers Gedächtnis auch diejenigen, die nicht in Werther gewohnt haben, sondern "nur" in Werther gestorben sind. Die gehören für mich auch dazu.

Insgesamt sind in Werther im Jahr 1967 immerhin 159 Menschen gestorben. Davon waren 75 männlich und 84 weiblich, was mich nicht weiter überrascht hat, denn immerhin war das noch die Zeit, als man die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs (und des entsprechenden Männermangels, wenn man es denn so ausdrücken will) spüren konnte. 

In einem zweiten Schritt habe ich mir angeguckt, wo die Leute denn gewohnt haben, also ob in Werther (mit Häger, Arrode, Isingdorf, Theenhausen, Schröttinghausen, Rotingdorf und Rotenhagen) oder woanders. Und siehe mal an: 86 wohnten in Werther, 73 nicht. Dabei erstaunt mich immer wieder der große Einzugskreis der Orte, in denen die Menschen wohnten, die in diesem doch eigentlich ziemlich kleinen Krankenhaus gestorben sind: Nicht nur Bardüttingdorf oder Halle, also die Orte, die quasi in der Nachbarschaft liegen, sondern ich finde auch viele Leute aus der Bielefelder Innenstadt, aus Spenge und aus Jöllenbeck. Im Grunde kann ich eigentlich nur jedem, dem ein Verwandter aus diesen Orten "abgängig" ist, empfehlen, einfach mal in Werther nachzugucken. Vereinzelt finde ich auch Leute aus Brackwede, Senne I, Brockhagen und Isselhorst. In einer Zeit, in der längst noch nicht jeder Haushalt über ein Auto verfügte, ist das eigentlich ziemlich erstaunlich.

Und noch ein dritter kleiner Beitrag zur Statistik: Schon beim Einarbeiten war mir aufgefallen, dass unheimlich viele Leute nicht nur außerhalb wohnten, sondern auch außerhalb geboren sind. Von den 159 Gestorbenen waren tatsächlich nur 33 in Werther geboren, und da habe ich schon die vier Totgeburten im Wertheraner Krankenhaus eingerechnet. Im Gegenzug dazu hatten gleich 126 Gestorbene einen anderen Geburtsort! Das ist fast ein Verhältnis von 1 zu 4...

Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, aber es verwundert mich auch nicht unbedingt. Ich habe jetzt die genauen Geburtsorte nicht weiter aufgeschlüsselt, aber so Pi mal Daumen würde ich sagen, dass die eine Hälfte hier aus dem näheren Umkreis kam, also beispielsweise aus Bielefeld, Neuenkirchen oder Jöllenbeck, und die andere Hälfte praktisch aus allen Ecken des ehemaligen Deutschen Reiches, vor allem aber aus den den ehemaligen Ostprovinzen. Logisch, wenn man sich die Geschichte anguckt. Spontan würde ich sagen, dass Schlesien stärker vertreten ist als zum Beispiel Ostpreußen. Ich hätte das ja gerne noch ein bisschen genauer untersucht, aber zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass nicht immer dabei stand, in welchem Kreis oder in welcher Provinz ein Ort lag, so dass das eine ziemliche Aufgabe ist.

Insgesamt kann man sagen, dass sich Werther zu dem Zeitpunkt im Vergleich zu der Zeit vor dem 2. Weltkrieg schon ziemlich verändert hatte. Man sieht es an den Menschen, die dort wohnten - man war zum größten Teil wohl nicht mehr zusammen aufgewachsen, und man war einfach mobiler geworden, sowohl beim Hinziehen nach Werther als auch beim Wegziehen. Man sieht es aber auch an den Adressen, wo gewohnt wurde. Der Teil der Wertheraner Innenstadt, der in der Arrode liegt, hatte inzwischen auch seine Straßennamen bekommen, was auch mir die Zuordnung der einzelnen Häuser wesentlich leichter macht. Und Werther war größer geworden in dem Sinne, dass man mehr Wohnraum geschaffen hatte - was ja auch dringend notwendig war. Vor allem nach Südosten hatte sich die Innenstadt erweitert, und auch die Straßennamen, die man nun in der Nähe des Schwarzen Weges findet, erzählen die Geschichte ihrer Bewohner teilweise mit - Breslauer und Waldenburger Straße, Schlesierweg. Im Grunde hatte Werther damit die Ausdehnung, das es auch in meiner Kindheit hatte. 

Oha, jetzt komme ich mir irgendwie alt vor.

Dienstag, 26. Juli 2022

Wenn ich nochmal mit der Forschung anfangen müsste...

 ... was würde ich dann anders machen? Würde ich überhaupt etwas anders machen? 

Warum denke ich überhaupt darüber nach? Ganz einfach: Die Wundertüte namens YouTube hat mir ein Video ausgespuckt mit dem wunderbaren Titel "If I Had to Do My Family Tree Over Again", auf einem Kanal namens Genealogy TV. Ich gehöre zu denen, die YouTube gerne mal im Hintergrund laufen lassen, wenn sie eigentlich etwas völlig anderes machen (so wie andere Leute, die Radio hören), und plötzlich war es da. Und ich hörte Dinge wie, "Ich würde mich sofort bei Ancestry anmelden" oder "Ich würde mir direkt ein DNA-Testkit im Sonderangebot holen, am besten mehrere". Und ich dachte, 

"Nein, wenn ich nochmal neu mit meinem Stammbaum anfangen müsste, dann würde ich vieles wieder genauso machen." 

Nicht alles, aber vieles. 

Ich würde immer noch mit dem anfangen, was ich habe, vorzugsweise schriftlich. Ich würde mir immer noch als allererstes das Familienbuch meiner Eltern schnappen und, soweit es denn vorhanden ist, auch das meiner Großeltern. Und von da aus würde ich dann weiter gucken, ob ich noch in der "Standesamt-Zeit" bin oder ob ich auf die Kirchenbücher angewiesen bin. Und ich würde weiterhin jedes Original-Dokument, sei es als Papierversion direkt vor mir oder als Scan, jedem Online-Stammbaum vorziehen. 

Was würde ich denn nun tatsächlich anders machen? 

Ich würde mir direkt für jede Person - oder zumindest für jede Familie - ein eigenes Word-Dokument anlegen, in dem wirklich alle Informationen enthalten sind, die ich über diese Familie habe. Samt Quellen! Wozu gibt es schließlich Fußnoten? So eine Zusammenfassung erleichtert das Forscherleben ungemein, und selbst heute bin ich noch dabei, an den Dateien für meine direkten Vorfahren zu arbeiten. Ein Stammbaum auf dem Rechner ist zwar schön, aber manchmal brauche ich halt ganz altmodisch etwas zum Blättern und nicht zum Klicken und Scrollen. 

Ich würde mehr mit den älteren Leuten in der Familie sprechen, oder mit Leuten, die meine Familie gekannt haben. "Erzählt mir von früher. Wie war das?" Ich hatte nun das Glück, ziemlich jung zu sein, als ich mit der Forschung anfing, aber trotzdem waren meine Großeltern damals schon allesamt tot, was leider nicht unbedingt für die Langlebigkeit in der Familie spricht. Trotzdem gab es noch diverse Großonkel und Großtanten, die mir wahrscheinlich Vieles hätten erzählen können, wenn ich sie denn nur rechtzeitig gefragt hätte. Das ist unendlich schade, lässt sich aber nicht mehr ändern. 

Ich hätte mich eher in den Standesamtsregistern vergraben. Schon alleine, um die noch lebenden Verwandten und Bekannten nach denen befragen zu können, die ich da gefunden hätte. Wenn ich eins aus der Forschung gelernt habe, dann die Tatsache, wie kurz das menschliche Gedächtnis ist. Und wie selektiv. Wie viele Nicht-Forscher kennen noch die Namen ihrer Urgroßeltern? Dank des deutschen Datenschutzes gehören die letzten 100 Jahre tatsächlich zu den schwierigsten, obwohl ich nie verstanden habe, was daran so geheimnisvoll sein soll, wann man geboren oder gestorben ist und wer die Eltern sind oder waren. 

Ich würde mir mehr Notizen machen. Ich hätte immer ein kleines Notizbuch bei mir, und jedes Mal, wenn mir jemand etwas erzählt, das auch nur ansatzweise für meine Familiengeschichte interessant ist, dann würde ich es mir direkt aufschreiben. Und es dann abends oder in einer ruhigen Minute direkt in meinen Stammbaum eintragen. Und sei es auch nur als Frage, Aufgabe oder Anmerkung. 

Ich würde noch mehr in die Breite forschen. Es ist ja schön, wenn man 20 Generationen mit Namen benennen kann, aber wirklich mit Leben füllen kann man eine Familiengeschichte doch erst dann, wenn man die Umstände kennt, unter denen diese Menschen, die wahrscheinlich gar nicht mal so großartig anders waren als wir heute, gelebt haben. Einfach nur Name-Geburtsdatum-Sterbedatum, das reicht mir nicht. Ich möchte mehr wissen! Soll heißen: Unter anderem hätte ich mir gewünscht, dass ich damals Geschichtslehrer gehabt hätte, die mir nahe gebracht hätten, dass "Geschichte" auch die Geschichte meiner Familie ist, wenigstens bis zu einem gewissen Grad. 

Also... keine Rede von Ancestry und Familysearch, sondern von guter alter Handarbeit und Wissensaneignung. Das mag auch daran liegen, dass es damals in grauer Vorzeit, als ich angefangen habe, Ancestry noch gar nicht gab und familysearch zusammen mit dem ganzen Netz noch in den Kinderschuhen steckte. Vielleicht liegt es auch mit daran, dass ich älter werde ("Wir hatten noch gar kein Ancestry! Aber an drei Samstagen im Monat Schule!")? Nein. Ich glaube einfach nur, dass man sich das "Grundgerüst", das man zum Forschen braucht, nicht einfach so im Netz aneignen kann. Nur die eigentliche Informationsbeschaffung ist mit Archion und Co. und wesentlich einfacher geworden. Und was ich dort nicht finde, das findet sich - heute wie damals - halt ganz klassisch im Archiv.