Der Holocaust-Gedenktag war ja nun schon gestern, in Deutschland Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus, und heute finden sich dann auch die Artikel über die verschiedenen Gedenkveranstaltungen in der Zeitung. Genauso wie übrigens jedes Jahr im November. Und wie jedes Jahr kommt in mir der Gedanke auf, dass es im Grunde immer wieder dieselben Leute sind, die dort hingehen - Schüler und Leute aus verschiedenen Arbeitskreisen, von denen aber die meisten schon in Rente sind.
(Nein, das soll hier jetzt kein Boomer-Bashing werden. Liegt mir fern, komplette Generationen zu verurteilen, obwohl ich heilfroh bin, dass ich mich zur Generation X zählen kann. Nicht nur, weil wir Grunge hatten, sondern vor allem, weil wir als "Generation dazwischen" sowohl digital als auch analog können. Aber zurück zum Thema.)
Vielleicht würden mehr Leute zu den - immer noch richtigen und wichtigen! - Gedenkveranstaltungen kommen, wenn sie nicht immer mitten in der Arbeitszeit eines großen Teils der Bevölkerung liegen würden. Warum macht man sowas immer morgens um halb elf oder 11? Der einzige Grund, der mir dafür einfällt ist, dass man dann auch die Schüler dahin bekommt, die das Ganze vielleicht auch noch als nette Abwechselung zur ungeliebten Mathe-Stunde sehen. Was ich ihnen übrigens auch nicht verübeln könnte. Und mal im Ernst - in Zeiten, in denen unser Bundeskanzler uns mehr oder weniger freundlich darauf hinweist, dass wir doch alle zu wenig arbeiteten, nimmt sich keiner frei, um zu einer Gedenkveranstaltung zu erscheinen (*Ironie off*). Dass viele Leute für einen guten Zweck auf die Straße gehen, das hat man auch hier in den ostwestfälischen Kleinstädten in den letzten Jahren gut beobachten können. Deshalb als Anregung: Vielleicht sollte man einfach mal die Uhrzeit ändern und so etwas am frühen Abend ansetzen. Die Schüler, denen etwas daran liegt, werden auch dann erscheinen. Genauso wie die, die ein paar Stunden vorher noch bei der Arbeit waren.
Das bringt mich zu einem zweiten Gedanken:
Ein Gedenken kann doch eigentlich nur dann aufrichtig sein, wenn es ohne Zwang geschieht. Ohne Druck von außen. Ohne, dass in Arbeitskreisen Emails rumgeschickt werden, die wenn auch nur nebenbei, aber dafür explizit erwähnen, wer denn nun da war und wer nicht, mit einem zumindest gefühlt passiv-aggressiven Unterton, dass die anderen ja nun nicht erschienen sind. Ohne dass man dabei gesehen werden muss.
Gedenken muss aus einem selbst heraus kommen, und es gibt nun mal unheimlich viele Menschen, die lieber für sich ihren Gedanken nachgehen als in der Öffentlichkeit. Ich gedenke nicht weniger, wenn ich in meinem Schreibtischstuhl oder meinem Sessel sitze anstatt bei waagerecht wehendem Schnee an einem Gedenkstein zu stehen. Wichtig ist das "Ob" und nicht das "Wie".
Jeder so, wie er will. Hauptsache, man macht sich überhaupt seine Gedanken. Und am besten nicht nur an Gedenktagen.
Jeder, der sich die Mühe macht, nachzufragen, was die eigene Familiengeschichte zu dem Thema her gibt, gedenkt zum Beispiel mehr als derjenige, der sich einfach nur zurücklehnt.
Soll heißen: Indem wir unsere Familiengeschichte aufarbeiten und erzählen, in welcher Form auch immer, leisten wir einen wichtigen Beitrag - wir wollen wissen, wie es damals war, wir kämpfen gegen das Vergessen an.
Und darum geht es doch beim Gedenken, oder?
PS: Die Transkribierung der Haller Ausländerkartei in Zusammenarbeit mit den Arolsen Archives läuft immer noch, inzwischen mit vereinfachter Eingabemaske. Wer also etwas Praktisches zum Gedenken tun möchte... hier ist der Link.



