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Freitag, 24. Februar 2023

Eine kleine Geschichte von Rotenhagen Nr. 33

Vorab: Als ich damals mit meinen Forschungen angefangen habe, hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm, dass die meisten meiner Vorfahren Bauern waren oder sie zumindest in landwirtschaftlichen Berufen arbeiteten. Um ehrlich zu sein, ich hatte überhaupt keine Vorstellung davon, wie sie ihren Lebensunterhalt sichergestellt haben. Klar, ich wusste, dass die Schwentkers über drei Generationen Maurermeister in Werther waren, aber das war's auch schon. 

Wenn ich von meinem Urgroßvater Hermann Heinrich aus noch zwei Generationen zurückgehe, dann lande ich in Rotenhagen Nr. 33. "Im Nordholz". Das Nordholz hat es tatsächlich geschafft, seinen Namen über die Jahrhunderte zu behalten, und sei es auch nur als Straßenname.  

Meine direkten Vorfahren damals waren Johann Heinrich Panhorst genannt Schwentker und seine Frau Anne Marie Schwentker. Seit seiner Heirat am 30.11.1803 kannte man Johann Heinrich also hauptsächlich unter dem Namen Schwentker (oder Schwenker, je nachdem, wer gerade das Kirchenbuch führte). Der "Panhorst" war aber zumindest zu seinen Lebzeiten nicht ganz vergessen, denn oft genug tauchen Männer, die die Anerbin eines Hofes geheiratet haben, als "X genannt Y" auf, und genauso war es auch hier. Das sind diese typisch westfälischen "Genannt-Namen", die Forscher aus anderen Gegenden und insbesondere Amerikaner so verwirren. Tatsächlich namen diese Herren aber nicht den Namen ihrer Frau an, sondern den des Hofes. Das ist ein Unterschied. 

Die acht Kinder von Johann Heinrich und Anne Marie liefen demzufolge auch alle unter dem Namen Schwentker. Sie wurden zwischen 1804 und 1825 in Rotenhagen Nr. 33 geboren: 

- Anne Margarethe Ilsabein, geb. am 04.09.1804. Sie ist am 22.11.1864 in Winkelshütten Nr. 35 an der Wassersucht gestorben, als Ehefrau des Erbpächters Johann Heinrich Wilhelm Heitmann genannt Bockstruck. Das war ihr zweiter Gatte; der erste war - man kann es sich denken - ein Bockstruck, nämlich Heinrich Wilhelm. Also auch hier ein Genannt-Name.

- Hermann Heinrich, geb. am 08.02.1806. Er war Heuerling und verbrachte den Großteil seines Lebens in Rotenhagen Nr. 33. Dort ist er am 11.11.1871 auch gestorben. Im November 1837 hat er Hanne Friederike Bäumer aus Spenge geheiratet, und das erste ihrer (bisher von mir gefundenen) neun Kinder kam auch in Spenge zur Welt. Die anderen acht finde ich alle wieder in Rotenhagen Nr. 33. 

- Peter Heinrich, geb. am 27.02.1809. Auch er war Heuerling, aber einer, der aber im Vergleich zu seinem älteren Bruder wesentlich mehr herumkam. Er hat öfter den Hof und damit auch seinen Arbeitgeber gewechselt. Am 31.12.1881 hat ihn dann in Rotingdorf 6 der Schlag getroffen. In erster Ehe war er mit Anne Ilsabein Fürstenau verheiratet, in zweiter mit Anne Ilsabein Toelle (Thoel, Tölle, ... die Familie taucht unter ziemlich vielen Schreibweisen auf). 

- Martin Heinrich. Er wurde am 27.10.1811 geboren und starb am 21.02.1889 als Heuerling in Rotenhagen 2. Mit seiner Frau Anne Marie Heermann hatte er acht Kinder. 

- Johann Hermann. Mein direkte Vorfahr. Geboren am 10.05.1816. Der nächste Heuerling in der Familie. Ihn zog es nach Spenge, wo er Catharine Marie Niemeier heiratete, vier Kinder mit ihr bekam und dann am 29.09.1899 in Spenge Nr. 1 starb. Er hat alle seine Geschwister um mehr als 10 Jahre überlebt, auch wenn er selbst es nicht mehr bis ins 20. Jahrhundert geschafft hat. 

- Eine totgeborene Tochter, am 10.05.1820. An Johann Hermanns 4. Geburtstag. 

- Johann Heinrich. Ihn finde ich wirklich nur in Rotenhagen Nr. 33. Sei es bei seiner Geburt am 29.06.1821, bei seiner Hochzeit mit Anne Katharine Ilsabein Sallmann (Salmon) am 21.09.1845 oder bei seinem Tod am 26.04.1881. Das Brustfieber war's. Was ich dagegen bei ihm nicht gefunden habe, waren Kinder... 

- Caspar Heinrich, das Nesthäkchen. Er wurde am 26.02.1825 geboren und blieb wohl auch für immer als das Nesthäkchen in Erinnerung, denn er starb schon am 19.02.1826, auch am Brustfieber. 

Wer bekam nun also bei der ganzen Kinderschar den Hof? 

Auf den ersten Blick könnte man sagen: Klar, Hermann Heinrich, er war der älteste Sohn. Aber halt - wir sind hier in der Grafschaft Ravensberg! Da gab es zwar das Anerbenrecht (soll heißen: einer bekam den Hof und musste seine Geschwister auszahlen), aber im Gegensatz zu vielen anderen Gegenden ging der Hof hier immer an den jüngsten Sohn. Von Töchtern reden wir erst, wenn es überhaupt keine männlichen Erben gibt, Anne Margarethe Ilsabein war also von Anfang an "raus". 

Das jüngste Kind wäre also Nesthäkchen Caspar Heinrich. Der war aber ja schon vor seinen Eltern gestorben und konnte de facto nichts mehr erben. Verflixt. 

Also Johann Heinrich. Genau. Ihn finde ich auch als Neubauer in Rotenhagen 33. Aber wir erinnern uns: Er ist kinderlos gestorben. 1881 musste man sich also wieder Gedanken machen, wer denn nun den Hof weiter bewirtschaftet. 

Wenn wir die totgeborene Tochter jetzt mal beiseite lassen, landen wir bei meinem Ur-Ur-Urgroßvater Johann Hermann. Der hatte aber schon 1841 geheiratet und lebte zum Zeitpunkt des Todes seines jüngeren Bruders schon 40 Jahre in Spenge. Außerdem war er schon 65. Logisch wäre es also gewesen, wenn einer seiner Söhne nach Rotenhagen Nr. 33 gezogen wäre. Das ist aber nicht passiert; wieso nicht, das entzieht sich meiner Kenntnis. Ich glaube, ich muss mir wirklich mal die Grundakte genauer angucken. Nicht, weil ich etwas geerbt haben wollen würde (um Himmels Willen), sondern aus reiner Neugier.

Tatsächlich wurde der Hof dann über Martin Heinrich und seine Linie vererbt und damit über die Linie des viertjüngsten Sohnes. Aber auch danach war es nicht der jüngste Sohn, der sich auf Rotenhagen Nr. 33 wiederfand, sondern mit Johann Heinrich (geb. 1848) der älteste. In der nächsten Generation hat dann der Erste Weltkrieg einiges durcheinander gebracht, und es war der drittjüngste Sohn (der auch gleichzeitig der drittälteste war) Heinrich August Wilhelm, der den Hof bekam. Und weil auch er Söhne hatte, leben dort auch bis heute noch Schwentkers. Irgendwie ein schöner Gedanke.   

Freitag, 6. Januar 2023

Spitzbuben beim Schneidermeister

 Im Haller Kreisblatt vom 22.03.1930 konnte man die folgende Meldung lesen: 

"*Werther, 22. März. Eingebrochen wurde in der vorletzten Nacht bei dem Schneidermeister Schwentker an der Bielefelder Straße. Die Spitzbuben verschafften sich durch Ausschneiden einer Fensterscheibe Eintritt in den Ladenraum. Von den dort aufbewahrten Anzugstoffen wurden für 2000 M gestohlen."

Die Bielefelder Straße, von der hier die Rede ist, ist heute die Alte Bielefelder Straße, und der Schneidermeister Schwentker, bei dem eingebrochen wurde, war der Bruder meines Urgroßvaters Hermann, der Schneidermeister Johann Wilhelm Schwentker. Der war 1877 in Wallenbrück geboren worden und hatte sich 1902 in Werther als Schneider selbstständig gemacht. Es würde mich also nicht wundern, wenn er auch meinem Uropa ein oder zwei Anzüge geschneidert hätte. 

Quelle: Geschichtsportal Werther
Quelle: Geschichtsportal Werther

Das ist die (Alte) Bielefelder Straße um das Jahr 1930 herum, also ziemlich passend. Zur Orientierung, da sich in Werther in den letzten 90 Jahren ja doch etwas verändert hat: Das Foto ist von dort aus aufgenommen, wo sich heute der Parkplatz an der Ecke Engerstraße/Ravensberger Straße befindet, ungefähr da, wo heute der Briefkasten steht. Rechts geht es zur Ampelkreuzung, und das Haus, das man vorne links sieht, wurde inzwischen durch den Neubau der Volksbank ersetzt. 

Man kann aber schön in die Bielefelder Straße hineinsehen. Das Haus direkt vor der Kirche, das ist es. Heute ist es fröhlich gelb gestrichen und im Erdgeschoss gibt es keine Schneiderei mehr, sondern das beste Erdbeereis der Welt: Richtig, da ist jetzt seit knapp 50 Jahren die Eisdiele. 

Damals aber war von Eis noch nicht die Rede. Umgekehrt würde man heute wohl auch wohl kaum jemanden, der nachts in ein Geschäft einbricht und in dem Umfang Waren stieht, als "Spitzbuben" bezeichnen.

Ich hoffe, dass Urgroßonkel einigermaßen gut versichert war. Wenn nicht, dann war das ein ziemlicher Verlust, auch wenn ich mich damit schwertue, die 2000 Mark von damals in Euro umzurechnen. Ich weiß auch nicht, ob man die Einbrecher hat dingfest machen können, aber ich nehme mal an, sie werden danach zumindest gut gekleidet gewesen sein...

Samstag, 13. August 2022

Werther, im August 1962 (Teil 1)

 

Der 13. August wird für viele Familien ein einschneidender Tag gewesen sein, wenn es für die meisten auch der 13. August 1961 gewesen sein muss, der Beginn des Mauerbaus. Bei den Schwentkers und den Gehrings war es dagegen der 13. August 1962, der am meisten in Erinnerung geblieben ist: 

An diesem 13. August 1962 ist meine Großmutter väterlicherseits gestorben, Anna Karoline Anneliese Schwentker geb. Gehring. Das ist heute auf den Tag genau 60 Jahre her. Sie war gerade mal 51 Jahre alt. Drei Jahre älter als ich heute. 

Auf dem Foto hier kann man es noch nicht ahnen, aber mit diesen 51 Jahren hatte sie schon eine lange Krankheitsgeschichte hinter sich und war zum Zeitpunkt ihres Todes auch schon bettlägerig gewesen. Angefangen hatte es wohl mit einer Diphterie-Infektion, von der keiner mehr sagen kann, wann genau das war. Die hat sie noch überstanden, ebenso wie später Herzinfarkt und Schlaganfall. Der dritte war dann aber doch zu viel. 

Mein gerade mal 19jähriger Vater war bei meiner Mutter in Halle, als sein Vetter Walter dort vorbei kam, um ihn zu holen: "Komm' sofort mit nach Hause, deiner Mutter geht's nicht gut!"

Er hat es noch rechtzeitig geschafft. Er war da. 

Gut so. 

(Und nur als Anmerkung zu dem Foto: Die Schuhe würde ich auch heute noch anziehen, wenn ich sie denn jemals gehabt hätte.) 

Sonntag, 8. Mai 2022

Die Spenger Geografie verwirrt mich...

... und zwar nicht zu knapp! 

Ich habe diverse Linien im Stammbaum, die zwischen den Kirchenbüchern von Wallenbrück und Spenge hin- und herpendeln. Sogar meine Schwentkers gehören dazu, denn mein Urgroßvater Hermann Heinrich wurde in Wallenbrück geboren und sein Vater Peter Heinrich in Spenge. Dessen Vater Johann Hermann wurde wiederum in Rotenhagen geboren, hat aber in Spenge geheiratet. Kein Wunder also, dass ich ein gewisses Interesse daran habe, wer wann wo gewohnt hat. 

So ganz leicht macht mir Spenge das nicht. Es ist komisch, ich habe ungefähr zweieinhalb Jahrzehnte direkt nebenan in Werther gewohnt, aber die Male, die ich in Spenge gewesen bin, kann ich an einer Hand abzählen. 

Quelle: wikipedia.org
 

Abgesehen davon, dass ich immer denke, dass Spenge auf einer Landkarte wie eine Hähnchenkeule aussieht, interessieren mich im Moment hauptsächlich die beiden westlichen Ortsteile, Wallenbrück und Bardüttingdorf. Ich glaube, dass die Wertheraner als solche gerne dazu tendieren, diese beiden Begriffe deckungsgleich zu verwenden, was wohl auch einer der Ursprünge meiner Verwirrung ist. In den Kirchenbüchern von Werther taucht nämlich gerne schon mal der Begriff "Wallenbrücker Mark" auf, und die Höfe, die dann gemeint sind, liegen eben nicht in Wallenbrück, sondern in Bardüttingdorf. 

Moment - in Bardüttingdorf oder in Düttingdorf? Das ist nämlich auch nochmal ein Unterschied. Laut wikipedia ist "Bardüttingdorf" nämlich ein Konstrukt aus "Baringdorf" und "Düttingdorf". Aber wo war was? 

Es geht ja noch weiter: Wenn ich mir den Lebenslauf von Peter Heinrich Schwentker so angucke, dann finde ich ihn 1894 in Mantershagen 13 und 1900 in Bardüttingdorf 13. Ich nehme mal stark an, dass das technisch gesehen ein und dieselbe Adresse ist - oder? Und wenn ja, wo ist das heute? 

In den 1880er Jahren finde ich Peter Heinrich "in der Diem[c]ke 44", in den 1870 in Diemke 28 - bzw. in Bardüttingdorf 28. Also gehörten Diemke und Mantershagen auch zu Bardüttingdorf? Oder nur zu Düttingdorf? 

Ganz davon abgesehen: Peter Heinrich war Heuerling, hatte also keinen eigenen Hof. Also hat er mit seiner Familie wohl in einem Kotten dieser Höfe gewohnt. Und ein Kotten musste ja nun nicht unbedingt in direkter Nähe des Hofes stehen. 

Ob ich das noch jemals herausfinden werde? 

 

Sonntag, 24. April 2022

Mit Nadel und Faden

YouTube ist eine Wundertüte, und manchmal findet man auch Kanäle, bei denen man richtig etwas lernen kann. Zum Beispiel den eines Schneiders, der sich auf historische Kleidung spezialisiert hat, und deshalb viel per Hand näht.

Warum ich hier davon berichte? Nun ja - erstens, weil es mir einen ganz neuen Blick auf das Thema eröffnet hat, und zweitens, weil ich - wie ich hier schon einmal geschrieben habe - ziemlich viele Schneider in meinem Stammbaum habe, vor allem bei meinen Sickendieks

Wie also arbeitete so ein Schneider?

Zunächst einmal wurde der Tisch so nah wie möglich ans Fenster gerückt, um das Tageslicht so effektiv wie möglich ausnutzen zu können. Alles andere hätte die Augen auf Dauer zu sehr angestrengt. Ein guter Schneider schaffte immerhin 30 Stiche in der Minute. Aber warum saß man zum Nähen überhaupt auf dem Tisch und nicht auf einem Stuhl oder auf dem Boden? 

Der Boden schied schon aus zwei Gründen aus: erstens war er schwieriger sauber zu halten (was ich mir vor allem dann gut vorstellen kann, wenn der Schneider wie so oft auch noch eine kleine Landwirtschaft betrieb, um die Familie ernähren zu können), und zweitens hatte der Schneider dann das Problem, dass es ihm im wahrsten Sinnes des Wortes "arschkalt" wurde. Keine Ahnung, ob der Begriff so entstanden ist, aber wundern würde es mich nicht. Außerdem hatte man es mitunter mit großen Mengen Stoff zu tun, die man nicht über den Boden schleifen wollte, die aber je nach der Art des Stoffes schwer zu bewegen waren.

Warum aber setzte sich der Schneider dann nicht einfach auf einen Stuhl? Ganz einfach eigentlich - es ist eine Frage der Haltung! 

Sitzt man auf einem Stuhl, fängt man irgendwann an, den Rücken krumm zu machen. Erwischen wir uns nicht alle dabei, wenn wir mal längere Zeit am Schreibtisch verbringen? Ich mich jedenfalls schon. Fehlt einem aber die Lehne, sitzt man aufrechter, und der Rücken wird entlastet. Sicher, es gab immer Schneider, die ein Kissen zwischen den Tisch und ihren Allerwertesten geschoben haben, um es wenigstens etwas bequemer zu haben, denn eine Tischplatte ist nunmal relativ hart. Das ändert aber nichts daran, dass man dann die Lendenwirbelsäule gerade macht und die Schultern nach hinten nimmt, also genau das, wozu einem die Apotheken-Umschau und sämtliche Orthopäden immer raten. 

Trotzdem - ich würde das nicht lange aushalten. Aber ich bin ja auch ungeübt und habe einen bequemen Schreibtischstuhl. Eins ist ist mir aber klar geworden: Auch wenn ein Schneider meist im Schneidersitz  vor sich hinwerkelte, die Schneiderei war tatsächlich verflixt harte körperliche Arbeit! 

In unseren Breiten kamen Nähmaschinen erst in den 1850er Jahren auf, und zwar zunächst als Nachbauten der schon vorhandenen amerikanischen Modelle. Ich denke mal, dass mein Urgroßonkel Johann Wilhelm Schwentker (geboren 1877), der Schneider in Werther war, schon hauptsächlich mit einer Nähmaschine gearbeitet hat, genauso wie mein Ur-Urgroßvater Heinrich Wilhelm Sickendiek (geb. 1863) in Hörste. Das Arbeiten des Schneiders änderte sich damit grundlegend, blieb aber immer noch anstrengend genug. 

Dadurch, dass dank der Industriellen Revolution zunehmend in Fabriken genäht wurde, wurde von denen, die dort arbeiteten, immer mehr Akkordarbeit gefordert, um die Gewinne hochzuschrauben. Damit wurde der Job immer mehr von Frauen gemacht, die klassischen kleinen Schneidereien wurden weniger.

Das hat sich bis heute nicht geändert, nur, dass die Näherei kaum mehr in Deutschland stattfindet. Wir haben das Problem der schlecht bezahlten Akkord-Schufterei schlicht verlagert. Auch wenn ich mit gutem Gewissen behaupten kann, dass ich nie im Leben einen Primark-Laden betreten habe, so wird mir doch mulmig, wenn ich auf den Etiketten sehe, wo meine Kleidung gefertigt wurde. Genau heute vor neun Jahren, am 24.04.2013, ist das Rana Plaza bei Dhaka in Bangladesch eingestürzt, das achtstöckige Gebäude, in dem viele Textilfirmen untergebracht waren und in denen Tausende Näherinnen unter Bedingungen schufteten, die wir als Gesellschaft eigentlich schon längst hinter uns gelassen haben sollten. 1.135 Menschen kamen ums Leben, 2.438 wurden verletzt. 

Es ist ein langer Weg von meinem Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater Erdwien Sickendiek (geb. ca. 1692, gest. Anfang November 1740 in Bockhorst) bis zum Rana Plaza. Ich bin mir aber sicher, dass ein paar entscheidende Unterschiede gibt: Erdwien arbeitete auf eigene Rechnung, und deshalb musste er darauf achten, dass die Kleidungsstücke, die er nähte, qualitativ so gut waren, dass seine Kunden wieder kamen, so dass seine Werke nicht nach dreimaligem Tragen auf einer Müllkippe gelandet sind. 

Vielleicht sollten wir uns in diesem Fall wirklich mal auf die alten Werte rückbesinnen: Qualität statt Quantität. 

Freitag, 7. Januar 2022

An der Chaussee nach Enger

Als mein Urgroßvater Hermann Schwentker in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ein Haus für sich und seine zukünftige Familie baute, lag sein Grundstück noch nicht an der "Engerstraße", sondern an der "Chaussee nach Enger".  Allem Anschein nach schien der Name berechtigt zu sein, denn zumindest zu der Zeit, als diese beiden Fotos hier entstanden sind, gab es dort tatsächlich  noch Bäume!

Heute sieht es hier wesentlich anders aus: Das Kopfsteinpflaster ist genauso verschwunden wie der Baum; das Haus ist auch umgebaut worden. Zwar ist es immer noch rot verklinkert, aber die Fenster und ihre Verzierungen sind beim Ausbau des ersten Stockwerks auf der Strecke geblieben, was ich unheimlich schade finde. Allein vom Äußeren her betrachtet hatte das Haus damals mehr Charakter als heute, auch wenn das natürlich im Auge des jeweiligen Betrachters liegt. Hermann wollte als Maurermeister wohl zeigen, was er konnte. 

Der Blick auf die andere Straßenseite zeigt aber, dass "Werther 203" nicht das einzige Haus war, dem es so erging: 
Ich habe keine Ahnung, wer da mit seinem Rädken so schwungvoll in "unsere" Einfahrt abbiegt, aber damals war das noch möglich. Heute schwebt jeder Radfahrer, der ein solches Unterfangen unternimmt, in mehr oder weniger akuter Lebensgefahr, denn die Straße ist als Ausfallstraße naturgemäß immer stark befahren. Alles, was sich aus Werther in Richtung Häger, Jöllenbeck, Schröttinghausen oder Spenge bewegt, muss im Grunde hier entlang. 

Ganz ungefährlich war es aber auch in den 1950ern nicht: Uropa Hermann hat es geschafft, sich als Fußgänger ungefähr 1955, also nur ein paar Jahre vor seinem Tod, direkt vor dem Haus von einem Auto anfahren zu lassen. Er hatte aber Glück und hat es überlebt. 

Ich weiß nicht, ob die Perspektive täuscht, aber insgesamt wirkt die Straße wesentlich schmaler als heute, obwohl man keine richtigen Bürgersteige erkennen kann, die heute wie selbstverständlich auf beiden Straßenseiten vorhanden sind. Insgesamt wirkt alles heimeliger und gemütlicher als heute, obwohl das Kopfsteinpflaster mit Sicherheit auch seine Tücken hatte. Moderne Häuser und Straßen sind halt oft nur noch auf Funktionalität ausgerichtet; die Optik spielt eine eher untergeordnete Rolle, und "charmant" ist heute kein Neubau mehr. Ich kann das zwar nachvollziehen und erklären, aber schade finde ich es trotzdem. Wahrscheinlich ist das auch einer der Gründe, weshalb so oft von der "guten alten Zeit" erzählt wird... 

Donnerstag, 25. November 2021

Hermann Peter Heinrich Schwentker (1908-1966)

Heute vor genau 55 Jahren, ist mein "anderer" Großvater gestorben, Hermann Peter Heinrich Schwentker. Mein "anderer" Großvater deshalb, weil ich ihn nie kennengelernt habe. Hätte ich aber gerne, denn irgendwie habe ich Probleme, mir eine Vorstellung von ihm zu machen.

Hermann war am 15. Februar 1908 in Werther Nr. 203 geboren worden, als Sohn des Maurermeisters Hermann Heinrich Schwentker und dessen Frau Marie Elisabeth Heidemann. Er war das dritte Kind der beiden und ihr einziger Sohn, also war schon früh vorprogrammiert, dass er einmal das Baugeschäft an der Engerstraße weiterführen sollte. Bis er das alleinige Sagen hatte, musste er allerdings noch bis zum Tod seines alten Herrn im Jahr 1957 warten, denn Uropa Hermann ging auch im hohen Alter abends immer noch durch sämtliche Räumlichkeiten, um zu gucken, dass ja auch alle Lichter aus waren. 

Das hier ist eindeutig mein Lieblingsfoto von ihm, weil er da so dynamisch rüberkommt. Und diese Haare! Ich weiß nicht, warum er sie immer nach oben gekämmt hat, aber das scheint er ja, wenn ich mir das Foto oben so angucke, schon seit seiner Jugend so gemacht zu haben. 

1940, also mit 32 Jahren, hat Hermann das erste Mal geheiratet, und zwar meine zukünftige Großmutter Anneliese Gehring. Die Geschichte wiederholte sich: Auch diese beiden hatten "nur" einen Sohn, der dann auch Maurermeister wurde: Mein Vater. Der hat von seinem Vater - im Gegensatz zu vielen anderen seiner Generation - auch tatsächlich etwas gehabt, denn Hermann hat den Zweiten Weltkrieg lebend überstanden. Wohin genau man ihn abkommandiert hatte, weiß ich allerdings nicht. Es wird Zeit, da noch ein bisschen zu forschen. 

Auch im mittleren Alter - die Frisur saß... 

Mit Annelieses Tod am 13. August 1962 wurde Hermann dann Witwer. Ich weiß nicht, ob er da schon ahnte, dass ihm auch nicht mehr allzu viel Zeit bleiben würde. 

Was ich aber weiß, ist, dass er vorher noch einmal geheiratet hat, nämlich die Frau, die ich als Kind noch als "Tante Erna" kennengelernt habe. In der Familie wurde erzählt, dass man sich auf der Hengstparade in Warendorf näher kennengelernt hatte, aber bestätigen konnte ich diese Annahme bis jetzt noch nicht. Um die genauen Daten dieser zweiten Hochzeit zu erfahren, musste ich auch tatsächlich im Personenstandsregister forschen, denn die beiden sind quasi "durchgebrannt" und haben sich am 14. September 1966 in Langenholzhausen trauen lassen. Angeblich soll ein alter Freund Hermanns dort Standesbeamter gewesen sein. 

Was dann folgte, war wohl eine der kürzesten Ehen in Werthers Geschichte, denn sie dauerte nur genau zwei Monate und 11 Tage. Am 25. November 1966 starb Hermann dort, wo er geboren worden war: Im Haus an der Engerstraße. Nur, dass es nun nicht mehr "Werther Nr. 203" hieß, sondern "Engerstraße 25". Er starb im Sessel sitzend an Herzversagen, mit nur 58 Jahren. 

Donnerstag, 30. September 2021

Cousin Fritz: Zur falschen Zeit am falschen Ort

Der 30. September 1944 war ein schlimmer Tag - Bielefeld wurde von den Alliierten bombardiert, in diesem Fall von den Amerikanern. Quasi die gesamte Altstadt fiel den Bomben - und danach den Flammen - zum Opfer. Hier kann man eine gute Zusammenfassung der Ereignisse lesen: 


Der Bielefelder Stadtkern liegt gerade mal 10 km vom Wertheraner Stadtkern entfernt. Es war also kein Wunder, dass an diesem 30. September auch viele Wertheraner in Bielefeld unterwegs waren. Leute, die Besorgungen machten. Schüler, die die weiterführende Schule besuchten. Alles Menschen, die mit der Kleinbahn von dem Bahnhof an der Herforder Straße aus über Schildesche und Dornberg wieder nach Werther zurück fahren wollten. 

Es kam anders. 

In ihrer Chronik "Werther - 1000 Jahre von "wartera" bis Werther" schrieb Erika Stieghorst

"Waren im Laufe des Krieges auch schon Luftangriffe auf Bielefeld geflogen worden, so brach mit dem Großangriff vom 30. September 1944 ein unvorstellbares Inferno über die Menschen und die Stadt herein.  
Um die Mittagszeit heulten die Sirenen, auch in Werther, um die Feuerwehr und den Luftschutz zu alarmieren. Schon bald wurde dann bekannt, der Kleinbahnhof in Bielefeld an der Herforder Straße sei durch Bombentreffer in Schutt und Asche gelegt worden. Jedermann wußte, daß auch Wertheraner, vor allem Schüler, dort gewartet haben mußten, um mit dem Mittagszug zurückzufahren. In großer Angst und Sorge machten sich die Angehörigen auf den Weg nach Bielefeld, um die Kinder zu suchen. Sie erwartete eine schreckliche Gewißheit.  
Nur wenige der jungen Menschen waren mit dem Schrecken davon gekommen. 12 Schülerinnen und Schüler mußten den Luftangriff mit ihrem Leben bezahlen, dazu weitere 14 Wertheraner." 

Diese 26 Wertheraner müssten eigentlich im Bielefelder Sterberegister von 1944 zu finden sein, weil sie als Zivilisten am Ort ihres Todes eingetragen werden mussten. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir das Sterberegister selbst mal anzugucken, habe hier aber ein Buch namens "Die Kriegsopfer des Amtes Werther 1939-1948", herausgegeben im Jahr 1958 vom "Krieger-Verein Werther", in dem auch die Opfer der Bombardierung vermerkt sind. Man erkennt sie am Sterbedatum. Danach komme ich auf "nur" 24 Wertheraner, die an diesem Tag in Bielefeld geblieben sind. Den Unterschied von zwei Personen kann ich mir noch nicht erklären. Aber zurück zu Erika Stieghorst: 

"Niemals standen vor dem Altar in der Werther Kirche so viele Särge wie bei der Trauerfeier für diese 26 Opfer, und die Kirche konnte die von Kummer und Leid erfüllten Menschen kaum fassen.  
Zuvor hatte es sogar noch eine Auseinandersetzung mit Vertretern der Partei gegeben, nach deren Willen die Trauerfeier in der Turnhalle abgehalten werden sollte. Die Bevölkerung war damit jedoch nicht einverstanden. Der energische Ausspruch einer Mutter, die ihre 14-jährige Tochter, das 3. Kriegsopfer der Familie, verloren hatte, beendete die Differenzen. Sie erklärte: "Die Partei kann die Särge in die Turnhalle bringen, die Trauergäste aber werden in der Kirche sein." 

Auch hier kann ich nicht sagen, ob diese Geschichte 100 %ig stimmt, denn ich habe zwar bis jetzt zwei 15jährige, aber kein 14jähriges Mädchen unter den Opfern gefunden. Wenn der Ausspruch aber tatsächlich so gefallen sein sollte, dann hat diese Frau auch heute noch meinen höchsten Respekt. Die Trauerfeier aber fand tatsächlich in der Kirche statt. 

Ich weiß auch nicht, wer von meiner Familie dabei war, aber dass sie auch betroffen waren, obwohl sich keine Schwentkers in dem Buch des Kriegervereins finden, steht fest: 

Am 16. August 1940 hatte meine Großtante Marie Schwentker, die älteste Schwester meines Großvaters Hermann, den Monteur Franz Friedrich Reich aus Sodeiken im Kreis Gumbinnen geheiratet. Für sie war es mit ihren immerhin auch schon 36 Jahren die erste Ehe, für ihn nicht, denn er war schon 1926 in Bielefeld mit Caroline Lahaye vor den Traualtar getreten, die aber schon 1937 gestorben war. Aus dieser Ehe brachte Franz zwei Kinder mit in die Ehe, einen Sohn und eine Tochter. Marie wurde damit zur zweifachen Stiefmutter. Die Tochter lebt auch heute noch, wir telefonieren ab und an. Der Sohn, Fritz, wollte an jenem 30. September 1944 vom Bielefelder Kleinbahnhof nach der Schule nach Hause fahren. Zu Hause, das war das Haus in der Engerstaße, in dem die fünf Reichs (im Dezember 1941 hatte auch Marie noch einen Jungen geboren) damals zusammen mit den Schwentkers wohnten. Fritz  kehrte nicht mehr dorthin zurück. Er war 16. Wenn man so will der "angeheiratete" Cousin meines Vaters. 

Ich nehme also an, dass zumindest Marie und Franz an diesem Tag in der Kirche waren. Zusammen mit sehr vielen anderen. 




Donnerstag, 12. August 2021

Die oftmals unterschätzte Kunst der Ad-hoc-Hochzeit: Auch eine Familientradition!

Ich weiß noch genau, was ich heute vor fünf Jahren gemacht habe: "Ja" gesagt, im Haller Standesamt, mit ganz wenigen Leuten dabei und einem großen Hund. Ich weiß auch noch genau, wo ich gestern vor fünf Jahren war: Auch im Standesamt. Zur Vorbesprechung. Wir waren da etwas kurzentschlossen. Und als die Standesbeamtin sagte, dass sie nur noch am nächsten Tag da wäre und danach erstmal für diverse Wochen im Urlaub, da war es klar: "Ach, morgen passt. Elf Uhr ist in Ordnung!" 

Wir sind heute noch froh, dass wir es so gemacht haben, wie wir es gemacht haben. Kein Ins-Kleid-Hungern, keine Platzkärtchen, und keine Bedenken, ob unser Musikgeschmack denn auch mit dem unserer Verwandtschaft übereinstimmt. Über meinen Ehering habe ich hier ja schon einmal was erzählt. Und der befindet sich bis heute nicht ohne Grund an meinem Finger. 

Wenn ich aber so in meiner Familie über die Generationen zurückgucke, dann bin ich nicht die einzige, die Knall auf Fall geheiratet hat. Eine gewisse Tradition gibt es da in meiner Mütterlinie, wenn auch mit anderen Vorzeichen als bei mir. Die einzige, die eine "klassische" Hochzeit im weißen Kleid hatte, war wohl meine Mutter. In den Generationen vor ihr war es anders... 

Meine Großmutter: Martha Sickendiek geb. Hauffe

Ich hatte hier schon einmal etwas über Marthas Hochzeit mit Wilhelm geschrieben. Man schrieb das Jahr 1940, und Wilhelm war Soldat auf Heimaturlaub. Es musste also schnell gehen mit der Organisation. 

Wenn ich sie gewesen wäre, dann hätte ich wohl genau dasselbe gemacht: Nägel mit Köpfen. Wenn die äußeren Umstände schlimm sind, dann weiß man, was - und vor allem: wen - man festhalten will. Da akzeptiert man zur Not auch, dass der Mensch neben einem Uniform und Stiefel trägt. 

Bei den beiden hat es geklappt: Ehedauer 45 Jahre. 


Meine Urgroßmutter: Lina Hauffe geb. Ortmeyer 

Wieder ein Krieg, der bei der Hochzeit eine Rolle spielt, aber dieses mal der 1. Weltkrieg. Aber immerhin hat dieser Krieg erst ermöglicht, dass Lina ihren Willy kennengelernt hat. Ich glaube nämlich nicht, dass es ihn ansonsten aus Burg bei Magdeburg ausgerechnet nach Halle (Westf.) verschlagen hätte. 


Ich kann aber immer noch nicht genau sagen, wie und wann Willy nach Halle gekommen ist. Gesichert ist, dass er im zivilen Leben Kutscher war; diese Angabe findet man sowohl in seinem standesamtlichen Heiratseintrag als auch im kirchlichen. Was ich aber sagen kann ist, dass Willy im Januar oder Februar 1918 in Halle gewesen sein muss, denn Lina wurde am 25.10.1918 Mutter ihrer gemeinsamen Tochter, eben meiner Oma Martha. 

Die Heirat selbst gestaltete sich wohl etwas komplizierter, denn Willy war nach der Zeugung meiner zukünftigen Großmutter eben nicht in Halle geblieben. Die Familienlegende sagt, dass Lina sich deshalb nach Berlin aufmachte, um Willy zu finden. Der wirklich delikate Teil der Familienlegende sagt, dass die ganze Truppe antreten musste, damit Lina den "Missetäter" identifizieren konnte, weil sie seinen Nachnamen nicht kannte (und "Willy" bzw. Wilhelm waren zur Kaisers Zeiten ja wirklich sehr verbreitete Namen). Was an diesem Teil der Geschichte dran ist, kann ich beim besten Willen heute nicht mehr sagen. Ich kann mir die Szene aber lebhaft vorstellen... 

Fakt ist jedenfalls, dass Willy "rechtzeitig" wieder in Halle war: Am 4. September wurde geheiratet, sowohl standesamtlich als auch kirchlich. Im Traueintrag beim Standesamt hat Willy auch angegeben, "zur Zeit" in der Langen Str. 16 zu wohnen, also bei Lina und ihren Eltern. Das Hochzeitsfoto habe ich leider nicht, aber darauf hätte der Babybauch eigentlich ganz gut zu sehen sein müssen - so im 8. Monat... 

Willy war damals 22, Lina 23 Jahre alt. Ehedauer: 51 Jahre. 

Meine Ur-Ur-Großmutter: Minna Ortmeyer geb. Torweihe

Minna war aus meiner Sicht eigentlich diejenige, die in Sachen "Timing" den Vogel abgeschossen hat: 

Am 22.11.1892 wurde sie 24 Jahre alt. 

Am 25.11.1892 hat sie meinen zukünftigen Ur-Ur-Großvater Wilhelm Ortmeyer geheiratet. 

Am 27.11.1892 hat sie meine zukünftige Urgroßtante Martha zur Welt gebracht. 

Ein straffes Programm für eine Woche, oder? Zwischen Kirche und Kindbett kann sie nicht allzuviel Zeit gehabt haben. Und auch hier hätte ich liebend gerne mal ein Hochzeitsfoto gesehen. 

Wilhelm war zu diesem Zeitpunkt übrigens 25 Jahre alt. Ehedauer: 37 Jahre. 

Und was sagt mir das? 

Nun ja, zum einen, dass ich statistisch gesehen eine lange Ehedauer zu erwarten hätte. Wenn ich die Ehen meiner vier direkten Vorfahrinnen als Durchschnitt nehme, komme ich immerhin auf 45,75 Jahre. Allerdings waren meine Vorfahrinnen zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung im Schnitt auch erst 22 Jahre alt. Ich war 42 ;-) Mit den 45,75 Jahren könnte es also allein schon deshalb knapp werden. Andererseits: Ich hatte das Glück, mit meinem Mann schon vor dem Gang zum Standesamt 20 Jahre ohne Trauschein verbringen zu können, ohne dass uns jemand schief angeguckt hätte. Damit relativiert sich wieder so einiges. 

Was aber auch auffällt ist die Tatsache, dass hier fünf Frauen in einer Linie stehen, deren Hochzeiten unter komplett unterschiedlichen äußeren Umständen stattfanden. Klar, bei zweien spielten Kriege eine Rolle, bei zweien voreheliche  Schwangerschaften. Trotzdem sind die Geschichten andere. Mal kannte man sich nur kurz, mal über 20 Jahre. Und wahrscheinlich könnte keine von uns fünfen behaupten, dass unsere Umwelt, seien es die Menschen, seien es die allgemeinen Lebensumstände, nicht irgendeine Auswirkung auf unser "Wann und Wie" gehabt hätten. 

Da schließt sich der Kreis wieder. Ein Kreis, in dem ich mich gut aufgehoben fühle.