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Sonntag, 6. November 2022

Die zögerliche Anna von Spee auf Brincke (Schlösser und Burgen in OWL Teil 2)

Es gibt schon merkwürdige Zufälle: Nur ein paar Tage nach meinem Ausflug nach Tatenhausen verschlug es mich nun zum nächsten Schloss, um genauer zu sein: Zum Schloss Brincke in Barnhausen

Dieser Schatten in Form einer Bierflasche, das bin ich. Keine Ahnung, wie ich das hinbekommen habe...

Dieses Mal war ich mit der VHS unterwegs - und mit meiner Mama. Hat auch mal wieder Spass gemacht! 

Brincke ist genauso wie Tatenhausen ein Wasserschloss, nur mit einem doppelten Wassergraben. Erbauer waren die Herren von Brincke, aber ab 1439 übernahmen die Grafen von Kerssenbrock. Die hatten im 18. Jahrhundert ein Problem: Es fehlte ein Erbe. Der letzte "echte" Kerssenbrock, Ferdinand, war - nachdem er weit in Europa herumgekommen war - Dompropst in Osnabrück und verstarb dort auch 1754 kinderlos. Sein Bruder Matthias Caspar war schon 1746 ebenfalls ohne Nachwuchs gestorben. Man wusste also, was kommen würde, und man konnte sich etwas einfallen lassen. Die "Nachbarn" aus Tatenhausen und Verwandten mütterlicherseits, die Korff-Schmisings, sprangen ein, und zwar in Person von Ferdinands Vetter Friedrich Ferdinand. Ab da waren die Brincker Freiherren dann die von Korff-Schmising genannt Kerssenbrock. Später heirateten dann noch die Praschmas ein, ein mährisches Adelsgeschlecht. Damit führen die Brincker nun offiziell den Nachnamen von Korff gen. Schmising-Kerssenbrock-Praschma. Um es mit den Worten der Frau Gräfin, die die Führung übernommen hatte, zu sagen: 

"Wir sind der Albtraum jedes Standesbeamten. Die Formulare sind immer zu kurz."

Sie musste dabei lachen. Fand ich sehr sympathisch. (Und nein, es war nicht dieselbe Gräfin wie in Tatenhausen. Aber irgendwie sind es wohl immer die Frauen, die die Führungen übernehmen. Ob die sich wohl absprechen?)

Ich bin auch schon einmal in Brincke gewesen, aber das ist ungefähr 40 Jahre her. Wandertag mit der Grundschule. An das Anwesen selbst konnte ich mich nicht mehr erinnern, mit einer großen Ausnahme:
 

Abgehackte Tatzen? Pfoten? am Tor des Torhauses. Fand ich damals schon gruselig und - wie ich feststellen konnte - heute auch noch. Als der Familienforschungsmuffel (seines Zeichens Diplom-Biologe mit Jagdschein) das Foto gesehen hat, kam nur ein Kommentar: "Ah, Paarhufer". Okay... aber warum man sich die ans Tor tackern muss, werde ich nie verstehen. 

Der Rest der Anlage wirkt allerdings wesentlich freundlicher; das muss ich jetzt hier mal festhalten. Eingebettet ist das ganze in einen auch heute noch funktionierenden landwirtschaftlichen Betrieb, und das ist auch der erste Eindruck, wenn man auf Brincke zu fährt. Hat man den makaberen Teil hinter sich gebracht, findet man sich in erstmal in einem Innenhof wieder, von dem man dann den Blick auf das eigentliche Schloss hat - und auf die Kapelle. 

Das hier ist das Tor, durch das man in den Innenhof kommt. Keiner weiß, weshalb man das Steingebäude mit Fachwerk weitergebaut hat - oder war es umgekehrt? 

Das hier ist der "lange Jammer". Das "lang" erklärt sich praktisch von selbst, wenn man sich den Grundriss des Gebäudes vor Augen führt. Der "Jammer" dürfte dadurch entstanden sein, dass in früheren Zeiten genau hier der Zehnte abgeliefert werden musste.  
Das Pony hier steht auf dem Weg zur Kapelle.

Am spannendsten fand ich das hier: Es ist der Eingang zum Museum/Archiv. Man sieht es: Das Gebäude rechts ist noch sehr neu, erst ungefähr vier Jahre alt, und damit die neueste Ergänzung des Gebäudeensembles. Das Merkwürdige ist: Es passt nicht nur dahin, es fügt sich auch ein, obwohl es ja nun wesentlich jünger ist als alle anderen Bauwerke auf dem Gelände. Ich mag ja diesen Kontrast von alt und neu. Im Erdgeschoss befindet sich ein kleines Museum, im ersten Stock dann das Archiv. 

Insgesamt ist das ein schönes Beispiel dafür, wie man so eine Schlossanlage weiterentwickeln kann, ohne dass etwas verloren geht. Irgendwie hat man den Eindruck, dass jede Generation etwas hinzufügt. Um wieder Frau Gräfin zu zitieren: 

"Wir denken hier in Generationen." 

Ja, das merkt man. 

Eine, die etwas sehr Markantes hinzugefügt hat, war übrigens Anna, eine geborene von Spee. Ihr haben die Brincker ihre Kapelle St. Marien und St. Nikolaus zu verdanken, die im Gegensatz zu der in Tatenhausen ein eigenständiger und nicht gerade kleiner Bau ist. Auf dem Foto sieht man rechts das Haupthaus, links die Kapelle, und dazwischen findet sich das Museum.

Ja, in der Kapelle waren wir auch, ich habe aber keine Fotos gemacht. 

Um ein Haar hätte es die Kapelle übrigens nicht gegeben, denn die gute Anna von Spee wollte erst gar nicht heiraten. Sie hatte eigentlich für sich geplant, ins Kloster zu gehen, und hat sich ziemlich lange gewunden, bis sie sich zu einer ehelichen Verbindung durchringen konnte. Zwischendurch hatte sie sogar angefragt, ob sich der Herr Graf Franz Xaver denn auch eine rein platonische Ehe vorstellen konnte. Nein, konnte er nicht, und selbst ihr eigener Bruder, ein Pater, musste ihr klarmachen, dass die Sache so nicht laufen würde. Anna hat sich dann doch entschlossen, das Risko einzugehen, aber nur unter der Bedingung, dass man eine Kapelle bauen würde. Hat man. Und in dieser Kapelle wird noch heute jede Woche die Messe gelesen, wenn auch die Anzahl der Teilnehmer inzwischen ziemlich überschaubar geworden ist. 

Anna scheint jedenfalls ihren Frieden mit diesem Arrangement gemacht zu haben - sie und Franz Xaver hatten nach ihrer Heirat insgesamt elf Kinder... 

Mein Fazit: Ein Besuch lohnt sich, aber man sollte auf jeden Fall die Führung mitmachen, damit man die Hintergründe auch versteht. Schon schön zu sehen, welche Kleinode man so in der Nachbarschaft hat.   

Samstag, 22. Oktober 2022

Auf Spurensuche in Tatenhausen (Schlösser und Burgen in OWL Teil 1)

Letztes Jahr hatte ich dieses Foto von meiner Mutter und ihren Eltern hier gepostet, mit der Vermutung, dass es in Tatenhausen entstanden sein dürfte. Nun habe ich die Gelegenheit gehabt, mal nachzuprüfen, ob das denn tatsächlich so war, denn - wenn wir mal ganz ehrlich sind: Sogar Mütter können sich mal irren. 

Aber tatsächlich, Mama hatte Recht. Wie so oft...

An einem wunderbar sonnigen Herbstnachmittag habe ich also zusammen mit ein paar anderen Mitgliedern des Heimat- und Kulturvereins Werther e.V. eine Führung in Tatenhausen mitmachen können. Ja, ich bin schon ein- oder zweimal da gewesen, aber immer nur zum Weihnachtsmarkt, was soviel heißt, dass es immer so voll und mangels Tageslicht so dunkel war, dass man vom Schloss gar nicht mal sooo viel sehen konnte. 

Den Blick hier hat man von der Straße aus. Den Hof selbst betritt man durch das Torhaus, das ist das linke Gebäude mit dem hohen Dach. 

Von Nahem fällt einem auf, dass Tatenhausen im Moment ein bisschen... fleckig aussieht. Kein Wunder, denn Putz fällt nun mal nach einer gewissen Zeit ab. Wie Frau Baronin, die die Führung übernommen hatte, uns erklärte, gibt es da wohl ein paar Unstimmigkeiten mit dem Denkmalschutz, was den neuen Putz angeht. Wenn's nach mir ginge, könnte man auch den Sandstein einfach Sandstein sein lassen, aber erstens geht es nicht nach mir, und zweitens ist Sandstein halt ziemlich anfällig. 

Trotzdem, ich mag halt einfach diesen warmen Farbton, vor allem in Verbindung mit diesem blauen Herbsthimmel. Außerdem finde ich es spannend zu sehen, dass die Fenster mal anders gewesen sein müssen. Man sieht es an den halbrunden Ziegelbögen, die da auf einmal mitten im Sandstein auftauchen. Ich mag es halt, wenn Gebäude nicht perfekt aussehen und sich an ihnen die Geschichte ein bisschen ablesen lässt. Wenn ich Perfektion will, dann fahre ich nach Disneyland. 

Das ganze Schloss steht übrigens auf zwei "Inseln" von Eichenpfählen im Wasser. Quasi wie in Venedig. Das Pflaster im Hof ist noch im Originalzustand. 

Hier ist also das Foto entstanden, das ich während der ganzen Zeit im Kopf hatte. Leider habe ich die Perspektive nicht ganz 100%ig getroffen, aber mann kann es erkennen. Das ist die Treppe, die zur Eingangstür hochgeht. Auf dem alten Foto sieht man, dass sie im 90-Grad-Winkel abknickt und nochmal ein paar Stufen nach oben geht. 

Die Pflanze ist übrigens auch geblieben und noch ein gutes Stück gewachsen; es ist eine Glyzinie (auch Blauregen oder Wysterie genannt), die im Frühjahr und dann noch einmal im Juli/August helllila blüht. Nur leider waren wir da ein paar Wochen zu spät dran. 

Das Innere des Schlosses bekommt man während der Führung leider nicht zu sehen. Das kann ich auch irgendwie nachvollziehen, denn das Schloss ist immer noch bewohnt, und ich fände es auch nicht so toll, wenn ich ständig Leute hier hätte, die durch mein Wohnzimmer laufen. Andererseits leben dort heute nur noch "drei bis vier" Leute, wie Frau Baronin erzählte. Da kommt man doch ein bisschen ins Grübeln. 

Was man dagegen zu sehen bekommt, ist die Kapelle. Sie liegt im Erdgeschoss, von vorne gesehen auf der linken Seite, und man betritt sie vom hinteren Hof aus. Sehr schnuckelig und für eine katholische Kapelle auch recht schlicht gehalten mit weißen Wänden. Ich habe nur keine Fotos gemacht. Wer Bedarf hat: Man kann sich dort auch kirchlich trauen lassen, katholisch oder evangelisch ist egal, Hauptsache christlich. Das Patronat für Stockkämpen hat man 1998 nach über 300 Jahren abgegeben, so dass die Katholische Kirche nun nicht mehr mit Forderungen an die Grafen von Tatenhausen herantreten kann. Die wunderbaren handbestickten Messgewänder sind aber erhalten und liegen auch deshalb in Tatenhausen, weil es von ihren Trägern wohl irgendwann hieß, dass sie "zu warm" wären. Gut, im Sommer ist das sicher ein Argument. Ich nehme mal an, die Angst vor Flecken ist ein anderes. Diese Teile kann man schließlich nicht mal eben in die Waschmaschine packen... 

Mein "Lieblingsteil" von Tatenhausen ist aber wahrscheinlich das Torhaus, auch wenn ich es schade finde, dass es anscheinend im Lauf der Jahre zwei Fenster eingebüßt hat. Ich muss natürlich auch zugeben, dass meiner misanthropischen Seite die Vorstellung gefällt, einfach das Tor (heutzutage per Knopfdruck) zumachen zu können und dann die Welt draußen dank der Gräfte stumpf auszusperren. 
Doch, das würde mich am Schlossleben schon reizen. Aber andererseits... die Verantwortung, so etwas zu erhalten, ist enorm. Darüber, dass so ein Gebäudeensemble erhaltenswert ist, muss man wahrscheinlich nicht streiten. Nur: die Erhaltung kostet natürlich auch. Geheizt wird übrigens mit Gas, und ich bin heilfroh, dass ich nicht diejenige bin, die die nächste Gasrechnung bezahlen muss. Und nochmal andererseits: Irgendwie finde ich (trotz meiner misanthropischen Seite), dass ein Schloss mit Leben gefüllt sein sollte. Nicht nur zum Weihnachtsmarkt. 

Dienstag, 5. Oktober 2021

Tour de Force Teil 3: Omaha Beach

Wenn man das Wort "D-Day" hört, denkt man automatisch an Omaha Beach. Eigentlich gehört der Strand zu einem kleinen Dorf namens Saint Laurent-sur-Mer mit gerade einmal 268 Einwohnern, 22 km von Bayeaux entfernt, wo man den berühmten Wandteppich bestaunen kann. 

Neben Verdun ist das einer der Orte, den ich an bestimmten Tagen in der Geschichte als "Hölle auf Erden" beschreiben würde. 

77 Jahre später stand ich nun da und versuchte, mir vorzustellen, wie die Ereignisse des 6. Juni 1944 damals abgelaufen sind. Klar, mir kam auch die Anfangsszene aus "Der Soldat James Ryan" in den Sinn, aber dazu sollte man vielleicht wissen, dass sie nicht am Originalschauplatz, sondern in Irland gedreht worden ist. Trotzdem, ungefähr so musste es gewesen sein. 

Massensterben. 

Ich habe auf den kleinen Mäuerchen gesessen, aufs Meer geguckt und mich im Stillen bei den Männern bedankt, die ihr Leben dafür gelassen haben, dass Europa von den Nazis befreit worden ist, mit der Konsequenz, dass meine Eltern und ich nicht in einer Diktatur aufwachsen mussten und Krieg etwas ist, dass ich nie selbst erleben musste. Die meisten waren noch so schrecklich jung... 


Wie man sehen kann, waren wir nicht alleine da. Leute gingen mit ihrem Hund spazieren, Kinder buddelten im Sand. Vielleicht hätten wir direkt morgens nach Sonnenaufgang hinfahren sollen und nicht am Nachmittag? Andererseits hat mich diese Normalität aber auch irgendwie beruhigt - trotz allem geht das Leben weiter.  


Ja, es gibt Denkmäler. Ich fand es anrührend, dass dort noch frische Blumen lagen. 

Man sah natürlich auch ziemlich viele Touristen. Es gibt nur ein paar Meter vom Strand entfernt ein relativ großes Museum, das sich mit der Landung am D-Day beschäftigt. Das haben wir uns aber gespart, weil wir uns nicht ganz sicher waren, wie authentisch ein Museum zu einem solchen Thema sein kann, wenn es sich selbst als "child-friendly" bezeichnet. Kann man den Schrecken dieser Tage wirklich deutlich machen, wenn man auch Kinder als Publikum haben will? Abgesehen von diesem gibt es aber noch mehrere Museen, die sich mit dem D-Day befassen, man muss nur ein paar Kilometer fahren. Die Spuren des D-Day sind halt noch allgegenwärtig. 

Montag, 13. September 2021

Tour de Force Teil 2: Batterie Todt

 Am Ärmelkanal in der Nähe von Calais, um genauer zu sein: in einem Örtchen namens Audinghen am Cap Gris-Nez (was soviel wie "Graunase" bedeutet) liegt ein Überbleibsel der Nazis. "Überbleibsel" klingt eigentlich viel zu niedlich, denn die Batterie Todt ist eins der sieben größten Bauwerke, die die Nazis bis heute in Frankreich hinterlassen haben. Früher hieß die Batterie ganz germanisch "Siegfried", aber das hat man 1942 geändert, nachdem Fritz Todt, seines Zeichens "Reichsminister für Bewaffnung und Munition" (wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, bin ich heilfroh, dass wir heute stattdessen ein Verteidigungsministerium haben) bei einem Flugzeugabsturz nahe der Wolfsschanze ums Leben gekommen war.  

Ich weiß bis heute nicht, ob man den Namen "Todt" mit kurzem oder langem "o" spricht. Ist da vielleicht Nomen auch Omen gewesen? 

Jedenfalls war Fritz Todt nicht nur der mit den Autobahnen, sondern der Chef der "Organisation Todt", kurz OT. Das war ein paramilitärischer Bautrupp, der primär dazu da war, die militärischen Projekte der Nazis baulich umzusetzen, und zwar nicht nur am Westwall, sondern quasi überall, wo die Deutschen ungefragt eingefallen waren. Die eigentliche Schufterei beim Bau der verschiedenen Anlagen mussten oft genug Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge übernehmen. Nach Todts Tod wurde Albert Speer sein Nachfolger als Minister, die OT aber blieb unter dem alten Namen bestehen, bis sie im Oktober 1945 vom Alliierten Kontrollrat endlich verboten wurde. 

Von hier aus haben sie ab September 1941 mit vier 38-cm-Schiffsgeschützen "Engeland" beschossen. Oder zumindest einen Teil davon, denn der Ärmelkanal ist an der Stelle ungefähr 30 km breit, und die Geschütze hatten eine Reichweite von bis zu 42 km. Für Dover und Folkestone hat es gereicht, aber für London nicht. Außerdem konnte man deutschen Kriegsschiffen wie der Scharnhorst beim Unternehmen Cerberus Feuerschutz geben. 

Heute ist die Batterie Todt ein Museum, das in privater Hand ist. Wenn man sich ungefähr eineinhalb Stunden Zeit nimmt, kann man sich drinnen und draußen umgucken (bei richtig gutem Wetter kann man auch die Kreidefelsen auf der englischen Seite des Ärmelkanals erkennen). Wir konnten sie höchstens erahnen. 

Weil der Bunker zur Küstenartillerie gehörte, die der Kriegsmarine unterstellt war, waren hier keine Soldaten abgestellt, sondern Matrosen. Die wurden auch nicht in einer Küche bekocht, sondern in einer Kombüse. 

Insgesamt gelingt es ganz gut, das Leben auf der Batterie darzustellen, auch wenn die deutsche Übersetzung manchmal ein bisschen drollig ist. Manche Sachen müssen aber auch gar nicht übersetzt werden, so wie der Briefkasten hier...

Selbst nach der Landung der Alliierten am D-Day ging der Beschuss Englands absurderweise noch weiter. Am 29. September 1944 waren es dann die Kanadier, dem Spuk ein Ende bereiteten. 

Mittwoch, 8. September 2021

Tour de Force Teil 1: Ypern

Es gibt einen Grund, weshalb ich hier ein paar Wochen nichts geschrieben habe - wir waren unterwegs, und zwar zuerst kurz in Belgien und dann in Frankreich, um genauer zu sein: In der Normandie und in der Bretagne. Insgesamt also eher im Norden. Nicht nur eine Tour der France, sondern auch ein bisschen eine Tour de Force: In diese paar Tage haben wir alles reingesteckt, was ging - bis auf die beiden letzten Nächte in Amiens haben wir jede Nacht in einem anderen Hotel verbracht. Ein Roadtrip par Excellence - den ich jederzeit wieder machen würde! 

So ganz kann ich mich im Urlaub aber trotzdem nicht von meinen Interessen verabschieden, und deshalb landen Teile davon als kleiner Reisebericht hier im Blog... 

Über Brüssel (wir wollten uns unbedingt die Banksy-Ausstellung angucken) ging es nach Ypern. Auf Französisch Ypres, auf Niederländisch Ieper. Für einen Städtetrip sehr zu empfehlen. Unser Hotel war mitten im Stadtzentrum, gegenüber vom Marktplatz und dem "In Flanders Fields"-Museum, das sich in der "Lakenhal" (dem alten Gewandhaus, den Tuchhallen) befindet. Als mein Mann das Museum sah, dämmerte es ihm, dass es kein Zufall gewesen sein konnte, dass ich eine Zwischenübernachtung in Ypern vorgeschlagen hatte: "Wie bist Du eigentlich auf Ypern gekommen?" Meine kurze und knappe Antwort: "Sterberegister Werther, 1. Weltkrieg.

Ja, Ypern hat im 1. Weltkrieg stark gelitten. 1916 sah es hier so aus: 
Quelle: wikipedia.org

Im Grunde kann man nur an den Türmen erahnen, dass es tatsächlich dieselbe Stadt ist. Dass die Tuchhallen 1916 so aussahen, ist übrigens einem Herrn Berthold von Deimling, seines Zeichens General der Infanterie, zu "verdanken". Er hatte sie am 04.11.1914 entgegen der ausdrücklichen Weisung seines Oberbefehlshabers Kronprinz Rupprecht von Bayern in Schutt und Asche legen lassen. Ich denke, das sagt einiges über den Charakter dieses Herrn aus. 

Keine zwei Wochen später, am 17.11.14, sind am Ende der 1. Flandernschlacht in Ypern auch mindestens drei Wertheraner gefallen: Erich Gottlieb Christian Harms (Student, 26 Jahre alt, und ironischerweise in England geboren), August Heinrich Schade (Knecht, 27 Jahre alt), und Fritz Karl Kindermann (Zigarrensortierer, 23 Jahre alt). Einen Tag später, am 18.11.1914, ging der Befehl ein, mehr Truppen für die Verwendung an der Ostfront freizustellen, weil die Schlacht um Lodz begonnen hatte und man dort dringend mehr Soldaten brauchte. Das hieß dann auch, dass es aufgrund von Personalmangel erstmal keine Offensivaktionen mehr an der Westfront geben konnte. Zumindest für diese drei Wertheraner kam der Befehl zu spät. 

Ypern hat auch traurige Berühmtheit dadurch erlangt, dass die Deutschen hier zum ersten Mal Chlorgas (22.04.1915 - auch hier hatte Herr von Deimling wieder seine Finger im Spiel) und Senfgas (1917) eingesetzt haben. Senfgas heißt im Französischen deshalb bis heute auch "ypérite". Dass der Herr von Deimling sich in späteren Jahren zum Pazifisten gewandelt haben wollte, haben ihm deshalb viele nicht abgekauft. Ich denke, diese Skepsis ist berechtigt. 

Heute sieht man Ypern auf den ersten Blick nichts mehr von dieser Vergangenheit an. Alles ist wieder aufgebaut. Die Tuchhallen werden auch gerade wieder renoviert, wobei das Museum aber ungestört weiter seinen Betrieb aufrecht erhalten kann. Allein wegen Covid ist die Anzahl der Besucher etwas begrenzt; man sollte sich deshalb im Voraus um Eintrittskarten kümmern. Und falls man etwas Wartezeit hat, dann kann man es so machen wie wir: Auf dem Marktplatz in einem der vielen Restaurants etwas essen und trinken (das örtliche Bier "Ypra" schmeckt sogar mir, und das will was heißen) und die Atmosphäre genießen. Und  sich dann die St.-Maartenskerk (die St.-Martins-Kathedrale) angucken, die direkt hinter den Tuchhallen liegt. Auch sie lag in Trümmern und wurde von 1922 bis 1930 wieder aufgebaut. Hat sich gelohnt! 

Mittwoch, 16. Juni 2021

Das Mädchen mit der wilden Tolle...


 ... wird heute 75! Alles Liebe zum Geburtstag, Mama! 

Heute trägt sie zwar keine knielangen Hängekleidchen mehr, sondern stattdessen lieber Shirts und Pullis (am allerliebsten dunkelblau-weiß gestreift), aber schon damals konnte man sehen, dass dieses Kind einiges an Energie hat. Und die hat sie auch heute noch, was mich unter Umständen an den Rand des Wahnsinns treiben kann :-) To-do-Listen sind nicht ihr Ding, sie legt lieber direkt los. Dazu passt, dass sie ihren Kaffee bis heute schwarz trinkt. Wenn sie nicht gerade ausgedehnte Spaziergänge durch Werther oder von Duhnen zur Kugelbake unternimmt (das Wandern ist, zumindest im Moment, Corona zum Opfer gefallen), dann kann man sie auch oft im Auto antreffen, und zwar relativ zügig unterwegs. Vor allem, wenn sie mit einem Spaghettieis aus der Wertheraner Eisdiele unterwegs zu mir ist. Sie behauptet dann immer mit unschuldiger Miene, sie passe sich nur dem Verkehrsfluss an. Solange ich mich erinnern kann, hat sie immer am Steuer gesessen, und zwar richtig gerne! Ich glaube, das unterscheidet sie - mit Verlaub - von vielen Frauen in ihrem Alter. Sie hatte auch den (Auto-)Führerschein, bevor ihr Vater seinen hatte. Wenn das nicht bezeichnend ist...

Das Foto hier muss Anfang der 50er Jahre entstanden sein, und zwar in Tatenhausen. Ist schon praktisch, wenn man in Halle wohnt und so ein Wasserschloss in der Nähe ist. Das eignet sich wunderbar für einen Familienausflug. Und wenn dann noch jemand eine Kamera dabei hat...

Ich liebe dieses Foto. Nicht nur, weil das Mädchen, das mal meine Mutter werden würde, den Schalk sprichwörtlich im Nacken hat. Auch, weil Opa so liebevoll zu ihr runterguckt, während Oma sich nicht entscheiden kann, ob sie fürs Foto huldvoll lächeln oder sich nicht doch vor Lachen wegschmeißen soll. Dazu kommen dann natürlich noch Opas weite Hosenbeine, in extrem lässiger Art zur Schau gestellt und mit von Oma akkurat gebügelter Falte. Oma fein im schwarzen Blazer. Damals machte man sich für Familienausflüge noch schick! 

Schick ist Mama immer tatsächlich immer noch - aber dabei wesentlich "flotter" als sämtliche Generationen vor ihr. 

Danke, Mama, für alles - ich hab' Dich lieb! 







Freitag, 7. August 2020

Der Soldatenfriedhof von Cambrai (Frankreich, Teil 1)

Im letzten Jahr hatte ich mir ja für Werthers Gedächtnis die Sterberegister aus dem Ersten Weltkrieg vorgenommen. Diese ganzen Ortsnamen, die einem auf Anhieb nicht allzu viel sagen. Valenciennes, Cambrai, Amiens, ... 
Wenn man von OWL aus startet, dann kommt man über Köln und Belgien in unser Nachbarland hinein, und nicht allzu weit hinter der belgisch-französischen Grenze liegen Valenciennes und Cambrai dann an der (französischen) A2. Bis jetzt waren wir auf dem Weg nach Paris nur daran vorbeigefahren, aber dieses Jahr haben wir auch angehalten: An der Route de Solesmes in Cambrai. 

Einen richtigen Parkplatz gibt es zwar nicht, aber am Straßenrand ist genug Platz - zumal wir an diesem warmen Sommerabend die einzigen Besucher auf dem ganzen Gelände waren. 


Die Jahreszahlen täuschen ein bisschen, denn tatsächlich wurde der Friedhof von den deutschen Besatzern erst im März 1917 eingerichtet - der alte Friedhof Porte de Paris in der Stadt Cambrai reichte einfach nicht mehr aus. 

Wenn man zum Haupttor hineingeht, dann läuft man direkt auf ein Mahnmal zu. Viel kann man noch nicht erkennen. 
Man kommt immer näher... 
... und näher... 


... und steht vor einem Zitat von Goethe. Oder eigentlich vor zweien, denn auch wenn mein Französisch wirklich grottig ist (zwei Jahre in der 9. und 10. Klasse, mon dieu), so ist mir doch klar, dass der französische Teil unten keine wörtliche Übersetzung des deutschen Textes oben ist. Ich lese da etwas von großen ewigen und unsterblichen Gesetzen, die den Lauf und das Ende unser aller Existenz bestimmen. Reimt sich zwar nicht so schön wie die deutsche Fassung, aber trotzdem finde ich die französische Variante irgendwie gelungener. Man muss nicht immer Metaphern benühen, um klarzumachen, worum es geht. Rührend fand ich aber das hier. Weil es zeigt, dass es Leute gibt, denen solch ein Ort wichtig ist. Im Innenkreis des Denkmals gibt es so eine Klappe, die man öffnen kann. Neugierig, wie ich bin... Warum hatte ich mir schon so etwas gedacht? Ansonsten sieht man nur Grabsteine. 
Und noch mehr Grabsteine. 
Man sollte ich nicht täuschen lassen - da liegt nicht immer nur einer. Die meisten dieser Steine tragen zwei oder sogar auch drei Namen. Insgesamt sind hier 10.685 deutsche Soldaten begraben. 

Das liegt daran, dass Cambrai seit 1914 von den Deutschen besetzt war, also rund drei Jahre. Hindenburg hatte hier sein Hauptquartier. Cambrai war als Eisenbahnknotenpunkt strategisch wichtig, und das war wohl auch einer der Gründe, weshalb es hier zwischen dem 20.11.1917 und dem 06.12.1917 zur ersten großen Panzerschlacht der Geschichte gekommen ist. 

Ein paar Grabsteine haben keine Kreuzform, sondern sind nach oben hin abgerundet. Hier liegen deutsche Soldaten jüdischen Glaubens. Man konnte damals also sehr wohl Rasse und Religion auseinanderhalten. 
Ich weiß ja, dass auch einige von "meinen" Wertheranern hier liegen. Aber wir sind nicht jede Reihe abgegangen. Es sind einfach zu viele. 
Es gibt auch solche Gräber: Die, bei denen man den Toten nicht mehr identifizieren konnte. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wieviele Jahre die Angehörigen dieser Herren in Ungewissheit gelebt haben, obwohl ihr Vater, Bruder, Sohn oder Ehemann schon längst hier begraben war. 
Quasi "mittendrin" findet man dann auf einmal zwei Reihen mit Holzkreuzen. Hier liegen 192 russische Soldaten, die an der Seite der französischen Armee gekämpft haben. 
Noch ein Stück weiter kommt man dann zu diesen Gräbern, die nochmal etwas anders aussehen: 
Hier ruhen 502 Soldaten des Commonwealth, die meisten aus England. Ihre Grabsteine sind am aufwändigsten gestaltet, mit den Wappen der jeweiligen Regimenter. Schlimm war es, auf die Daten zu gucken: Viele von denen, die hier begraben sind, sind in der letzten Kriegswoche gefallen. Ich habe diverse Steine mit dem Sterbedatum 11.11.1918 gesehen. Da atmet man erstmal tief durch. 
Kann man sich eine solche Inschrift für einen deutschen Soldaten vorstellen? Mit dem Wissen, wie die deutsche Geschichte weiterging, muss man diese Frage wohl verneinen. Aber trotzdem musste ich doch schlucken, als ich den Spruch hier gelesen habe. 

Bei der Schlacht um Cambrai sind aber nicht nur diese 502 Soldaten umgekommen. Nicht weit entfernt in Louverval befindet sich noch eine Kriegsgräberstätte, und da liegen noch einmal 7.048 Briten begraben. 

Bemerkenswert finde ich, dass diese Kriegsgräberstätte von Anfang an als "gemeinsamer Friedhof für Freund und Feind" gedacht war und man sich auch daran gehalten hat, obwohl die Deutschen Cambrai ziemlich verwüstet hinterlassen haben - von den rund 2.500 Gebäuden, die Cambrai bei Kriegsbeginn hatte, waren ungefähr 1.500 am Ende komplett zerstört. Trotzdem, mein erster und mein letzter Gedanke hier war derselbe: 

"Ihr solltet alle nicht hier sein."