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Samstag, 8. Juni 2024

Tant' Liesbeth

Eine ist hier im Blog bis jetzt definitiv zu kurz gekommen: Tante Liesbet. Das "e" bei der Tante fällt irgendwie immer der Umgangssprache zum Opfer. 

Liesbeths voller Name war Anna Auguste Elisabeth Schwentker, und diesen Namen hat sie auch nie geändert. Sie hatte auch keinen Grund dazu, denn sie hat nie geheiratet. 

Liesbeth war eine der jüngeren Schwestern meines Großvaters. Sie wurde am 30.01.1912 im Haus Engerstraße 25 (damals Werther Nr. 203, heute Engerstraße 57) in Werther geboren, und in Werther ist sie am 27.07.1968 auch gestorben. 

Böse Zungen könnten nun behaupten, dass Liesbeth nicht weit gekommen sei, aber bei genauerem Hingucken merkt man, dass das nicht der Fall ist. 

Ganz abgesehen davon, dass wir heute wissen, dass es kein Makel ist, wenn eine Frau nicht heiratet: Sie musste es auch gar nicht. Und sie musste es nicht, weil sie - im Gegensatz zu ihren Schwestern und den meisten anderen Frauen ihrer Generation - einen Job hatte, der sie ernähren konnte. Was eine potenzielle Ehe angeht: Es gabe wohl Angebote, aber mein Vater, der sie ja im Gegensatz zu mir noch gekannt hat, erzählte immer, dass sie ihre (ältere!) Schwester Luise nicht allein lassen wollte, mit der sie in ihrem Haus in der Neuen Straße zusammengewohnt hat. So ganz hat das am Ende nicht geklappt, denn Luise hat sie überlebt.

Liesbeth hat bei Poppe und Potthoff gearbeitet, in Werther immer nur kurz P&P genannt. Bei uns in der Familie wird erzählt, sie sei praktisch die Privatsekretärin von Anneliese Potthoff gewesen, der Gattin des Chefs Hermann Potthoff. Es gab zwar auch noch den "anderen" Chef, Friedrich Poppe, aber soweit ich weiß, war der mit seiner Familie nie wirklich in Werther ansässig. Korrekturen an dieser Stelle nehme ich aber immer gerne entgegen. Herrn Poppe findet man heute noch nichtmal mehr in der englischen Übersetzung der P&P-Homepage.

Die Herrn Poppe und Potthoff haben im Jahr 1928 einen "Spezial-Betrieb für die Erzeugung von kaltgezogenen Präzisions-Stahlrohren in nahtloser und autogen geschweißter Ausführung" gegründet; so steht es zumindest auf ihrer Homepage. Die Firma und auch einen Großteil des Firmengeländes gibt es in Werther immer noch auf dem Grundstück zwischen Engerstraße, Nordstraße, Speckfeld und Wiesenstraße. Zur Arbeit hatte Liesbeth also nun wirklich nicht weit: 250 Meter Luftlinie.

Viel mehr gibt die Homepage inzwischen nicht mehr her; leider findet man zur Geschichte des Unternehmens nur noch einen relativ kurzen Text, der ziemlich nichtssagend ist, und ein paar Bilder von den akquirierten Unternehmen und Fertigungsstätten im Ausland und den aktuellen Produkten, die eben nicht mehr in Werther gefertigt werden . Vor ein paar Jahren war das noch anders. Ich kann mich daran erinnern, dass ich in einer Mußestunde mal ein bisschen im Netz unterwegs war und per Zufall auf der Seite gelandet bin. Und da habe ich auch die folgenden beiden Fotos gefunden: 

Da ist Liesbeth, direkt in der Mitte. Nicht die mit den Zöpfen, sondern die etwas Kernige rechts daneben, die dem adrett gekleideten jungen Mann, der sie halb verdeckt, über die gepolsterte Schulter seines Zweireihers guckt.
Auf diesem Foto scheint sie dann schon ein bisschen älter zu sein, Und auch ihre Ausstrahlung hat sich wesentlich verändert. Nicht nur, dass sie nicht einfach eine weiße Bluse oder ein weißes Kleid trägt wie auf dem ersten Bild, nein - Liesbeth trägt jetzt einen auf Taille geschnittenen Blazer mit prominentem Kragen und kombiniert eine auffällige Kette dazu. Auch die Art, wie sie da steht - so aufrecht, die Hände auf dem Rücken zusammengenommen - spricht für ein ruhiges, gesundes Selbstbewusstsein. Sie scheint auch kein Problem damit zu haben, in der ersten Reihe zu stehen und in die Kamera zu lächeln... 

Leider hat P&P diese historischen Fotos wieder aus dem Netz genommen, so dass ich nicht mehr nachvollziehen kann, in welchen Jahren und in welchem Zusammenhang sie jeweils entstanden sind. Ich hätte es mir aufschreiben sollen, habe es damals aber gelassen, weil ich wusste, wo ich die Infos finden würde. Flötepiepe, wie man so schön sagt. Aber immerhin habe ich sie mir damals abfotografiert, weil ich sie aus irgendeinem Grunde nicht speichern konnte, was auch die schlechte Qualität der Bilder erklärt. Wieder 'ne Lektion gelernt. 

Gerade, wenn ich dieses zweites Foto sehe, dann finde ich es unheimlich schade, dass ich Liesbeth auf dieser Welt verpasst habe. Sie ist leider nicht alt geworden, nur 56, aber mit Ausnahme ihrer älteren Schwester Marie waren alle Schwentker-Kinder in dieser Generation leider nicht sonderlich langlebig, weshalb auch immer. Ihr ging es den Erzählungen nach übrigens ähnlich wie mir, sie hatte schon Babysachen für mich gekauft, in der Hoffnung, dass ich mich irgendwann mal ankündige. Augenscheinlich in einer neutralen Farbe, denn die Strampler hat mein Großcousin bekommen - der war halt schneller als ich...
 

Freitag, 20. Oktober 2023

Krupps Mariechen

Katharine Marie Schwentker, geboren am 18.07.1867 in Wallenbrück Nr. 33, war die älteste Schwester meines Urgroßvaters Hermann Heinrich Schwentker. Zwischen den beiden lagen ungefähr fünfeinhalb Jahre, und während die Erinnerung an Uropa Schwentker zumindest bei meinem Vater noch ziemlich lebendig war, ist Marie im Laufe der Jahre zumindest in unserem Zweig der Familie in Vergessenheit geraten. Es ist also an der Zeit, das zu ändern. 

Als Marie am 9. Juni 1894 in Wallenbrück den Fabrikarbeiter Peter Heinrich Rottmann aus Bardüttingdorf heiratete, wohnten die Schwentkers schon nicht mehr in Wallenbrück Nr. 33, sondern in Bardüttingdorf Nr. 13. Als Beruf ist bei Marie "Dienstmagd" angegegeben. Bei beidem sollte es nach der Heirat nicht bleiben. 

Heinrich Rottmann lebte bereits 1894 als Fabrikarbeiter in Essen, und dorthin zog dann nach der Hochzeit auch Marie. Die beiden lebten im Stadtteil Segeroth in der Schlenhofstraße Nr. 64

Das ist eine Adresse, die heute nicht mehr existiert, auch wenn es die Schlenhofstraße als solche noch gibt. Heute liegt sie in direkter Nähe der Universität Duisburg-Essen und läuft parallel zur Gladbecker Straße. Damals aber war das eine Gegend, in der die Mietskasernen ungeordnet wie Pilze aus dem Boden schossen, um die ganzen Zuwanderer, die durch die immer weiter fortschreitende Industrialisierung nach Essen kamen, irgendwie unterzubringen. Die Belegung wurde immer dichter. Auf der Homepage der Stadt Essen finde ich die Angabe, dass im Segeroth 1886 ungefähr 8.000 Menschen lebten, 1930 waren es schon 40.000. Diese Enge kann man sich heute kaum noch vorstellen. In vielen dieser Mietskasernen - von denen ein guter Teil von Krupp gebaut worden war -, wohnten Arbeiter, die dann auch in der Kruppschen Gusstahlfabrik beschäftigt waren, die den Segeroth nach Westen begrenzte. Schon Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten bei Krupp über 20.000 Menschen. Im Norden des Segeroth lag der Friedhof. Bei wikipedia finde ich die folgende Beschreibung: 

"Segeroth bot den Vorteil des nahen Arbeitsplatzes, eine billige Wohngelegenheit und vermied Auseinandersetzungen mit der angestammten, eher kleinstädtischen Bevölkerung, da man hier unter sich war. Bei meist herrschendem Westwind kamen Ruß und Staub der nahen Gussstahlfabrik direkt ins Viertel, was die Wohnqualität massiv beeinträchtigte. Auch wenn die Miete günstig war, mussten einige Mieter diese mit der Aufnahme von Schlaf- und Kostgängern aufbringen. Naturgemäß war die Mehrzahl der Zuwanderer ledige Männer, was in Folge die Prostitution im Viertel begünstigte."

Was für ein Unterschied zum beschaulichen Wallenbrück!

Der Segeroth am Güterbahnhof um 1930, gefunden auf der Homepage des HV Essen, (c) Amt für Geoinformationen, Vermessung und Kataster der Stadt Essen
 

Marie muss ziemlich direkt nach der Hochzeit schwanger geworden sein. Das weiß ich, weil sie am 28.03.1895 mittags um halb 12 von einem totgeborenen Sohn entbunden wurde. 

Es sollte noch schlimmer kommen: Marie hat die Geburt nicht überstanden; sie starb nur fünf 1/4 Stunden später, und zwar laut ihrem Eintrag im Essener Sterberegister im "Krupp'schen Lazareth"

Im Jahr 1870 hatte Alfred Krupp in direkter Nähe seines Firmengeländes ein Barackenlazarett errichtet, in dem nicht nur seine Belegschaft behandelt werden konnte, sondern auch Verwundete des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871. 1872 erteilte die Preußische Regierung dann die offizielle Konzession zum Betrieb eines Krankenhauses für Kruppschen Arbeiter in den Gebäuden dieses ehemaligen Lazaretts. Im Dezember 1886 wurde die Konzession noch einmal erweitert; in zwei kurz danach errichteten Pavillons konnten nun auch Frauen und Kinder aufgenommen werden. Es gab 52 Betten, und einem dieser Betten starb Marie. Sie wurde nur 27 Jahre alt.

Das sind die Gründe, weshalb ich sie als "Krupps Mariechen" im Kopf habe. Ich nehme stark an, dass Heinrich bei Krupp gearbeitet hat, obwohl ich das (noch) nicht belegen kann, aber alle Indizien sprechen nun einmal dafür. Hat schon mal jemand Erfahrungen mit dem Kruppschen Firmenarchiv gesammelt?  

Samstag, 24. Juni 2023

Kurz und knapp und ohne Gedöns

Wenn man ein eigenes Geschäft hat, dann muss man dafür sorgen, dass die Leute auch wissen, dass man etwas zu bieten und zu verkaufen hat. Das war vor 100 Jahren nicht anders als heute, wenn sich vielleicht auch der Stil ein wenig geändert hat... 

Diese Anzeige hier hat mein Uropa Schwentker in der Festschrift zum 25. Bestehen des Turnvereins Werther geschaltet: 

Einfach und auf den Punkt. Der Ostwestfale macht keine unnötigen Worte.

Etwas erstaunt bin ich allerdings, dass keine Adresse dabei steht. Aber andererseits... so groß war Werther nun auch nicht. Wer etwas brauchte, der wusste, wo sie Uropa (und Opa) und "sämtliche Baumaterialien" finden konnten. Da konnte man sich die "Engerstraße 25" auch sparen...
 

Freitag, 14. April 2023

Kopfwasser?

Ich hatte ja schon in der letzten Woche erwähnt, dass ich im Moment mal wieder an den Wertheraner Sterbeeinträgen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sitze und mich insbesondere mit Pastor Tzschabrans Schrift quäle. Ich bin auch immer noch nicht fertig damit. 

Eine Todesursache ist mir dabei aufgefallen, weil sie mir ständig über den Weg läuft und ich ziemlich wenig damit anfangen kann. 

Kopfwasser. 

Am häufigsten waren kleine Kinder betroffen, und zwar Pi mal Daumen eins auf jeder Doppelseite im Kirchenbuch. Oft genug finde ich aber auch zwei oder drei "Kopfwasser-Einträge" hintereinander. Das erscheint mir doch ziemlich viel. 

Aber was bitte schön soll "Kopfwasser" sein? 

Dass es sich um eine Flüssigkeitsansammlung im Kopf handelte, die so auffällig gewesen sein muss, dass sie auch ohne die heutzutage relativ problemlos verfügbaren bildgebenden Verfahren diagnostiziert werden konnte, liegt auf der Hand. Dass der Schädel eines Kleinkindes noch weicher und formbarer ist als der eines Erwachsenen, auch. Was mich so umtreibt, ist vor allem die Frage der Häufigkeit, also der Prävalenz. Die führt dann natürlich wiederum zu der Frage nach den Ursachen.,,

Ich habe versucht, es zu googeln. Erst als Einzelbegriff, aber Google hält mich für blöd und zeigt mir dann nur Suchergebnisse für Haarwasser an, ausgerechnet.

Also die Variante in Verbindung mit "historische Krankheitsbezeichnung". Dann bekomme ich aber nur Ergebnisse zu "Wasserkopf", also den berühmten Hydrocephalus. Dafür taucht das Kopfwasser in den Kirchenbüchern aber eigentlich ein bisschen zu oft auf. Wenn Kopfwasser und Wasserkopf identisch sind, dann sind, mit Verlaub, damals ziemlich viele "wasserköpfige" Kinder in Werther unterwegs gewesen. (Irgendwie habe ich gerade Probleme, das politisch korrekt zu formulieren.)

Deshalb nun meine wirklich schlecht formulierte Frage an die Schwarmintelligenz: Hat man einen Wasserkopf, wenn man Kopfwasser hat? 

Dieses "Kopfwasser-Phänomen" war übrigens nicht auf Werther beschränkt. In meiner Familie hat es auch ein paar Kinder mit Kopfwasser gegeben, die alle keine sechs Jahre alt geworden sind. 

Eines dieser Kinder war eine Schwester meiner Ur-Ur-Großmutter Anna Marie Schwentker geb. Schumacher. Ihre ältere Schwester Johanne Marie Schuhmacher ist 1836 im Alter von zweieinhalb Jahren an Kopfwasser gestorben, und zwar in Wallenbrück Nr. 13 und noch bevor Anna Marie überhaupt auf der Welt war, denn sie wurde erst 1845 geboren. Die Eltern der beiden Schwestern waren meine 3fach-Urgroßeltern Caspar Heinrich Schuhmacher und Anne Marie Törner.   

Freitag, 3. Februar 2023

Die Letzte meiner Linie

Vor ein paar Tagen, um genauer zu sein am 22. Januar, war der 150. Geburtstag meines Urgroßvaters Hermann Heinrich Schwentker. Ich hätte es fast übersehen, wenn meine Mutter mich nicht daran erinnert hätte, und selbst sie hat ihn schon nicht mehr gekannt, weil er schon 1957 gestorben ist. 

Es ist schon irgendwie merkwürdig: Hermann und seine Frau Marie Heidemann hatten insgesamt sechs Kinder, so dass man doch eigentlich meinen könnte, dass da heute noch eine gewisse Anzahl an Nachkommen vorhanden sein sollte... 

Dem ist aber nicht wirklich so, und das liegt hauptsächlich an der Tatsache, dass gleich vier meiner fünf Großtanten unverheiratet gestorben sind, zwei schon im Kindesalter und zwei dann später als "alte Jungfern", wie man damals noch so charmant sagte. Nur eine der fünf Schwestern, auch eine Marie (die auch die älteste war) hat geheiratet und sich fortgepflanzt. Da leben noch zwei Enkel- und zwei Urenkelkinder. Weil Tante Marie aber bei der Heirat ihren Namen geändert hat, heißt von ihnen niemand mehr Schwentker. 

Bleibt also nur noch mein Großvater, Hermann Peter Heinrich. Der hat zwar zweimal geheiratet, aber eben nur ein Kind gehabt - meinen Vater. Das lag wohl zum einen daran, dass Hermann und Anneliese 1940 geheiratet haben, was nicht unbedingt eine günstige Zeit war, um Kinder zu zeugen. Als der Krieg dann vorbei war, war Anneliese auch "schon" 34...  

Und weil ich nun mal ein Einzelkind bin, bin ich nun auch die letzte aus dieser Schwentker-Linie, die noch denselben Nachnamen trägt wie ihr Urgroßvater. Und das wird auch so bleiben, denn ich habe mich genauso wenig fortgepflanzt wie meine Großtanten Elisabeth und Luise. Nur, dass ich zwischendurch geheiratet, aber meinen Namen behalten habe. Und zwar mit voller Absicht, sowohl das eine als auch das andere. 

Zusammengefasst heißt das, dass Uropa Hermann und Uroma Marie insgesamt 13 Abkömmlinge haben (jedenfalls ist das der Stand jetzt im Februar 2023), von denen noch fünf leben, drei in der Enkelgeneration und zwei in der Urenkelgeneration. Und wenn ich irgendwann nicht mehr bin, dann stirbt unser Nachname zumindest in dieser Linie mit mir aus. 

Irgendwie ein komisches Gefühl. Aber keins, das mir nachts den Schlaf rauben würde... da müssen dann halt die anderen Schwentker-Linien einspringen ;-)

 

Donnerstag, 19. Mai 2022

Sooo viele Schwentkers...

In den letzten Wochen war ich wieder verstärkt in Neuenkirchen unterwegs. Also nicht in Neuenkirchen selbst, sondern in den Kirchenbüchern. Da werde ich auch in Zukunft noch einiges zu tun haben, nicht nur, was meinen eigenen Stammbaum betrifft, sondern auch, was den meines Neffen angeht. Der hat über seine Speckmann-Vorfahren nämlich ziemlich tiefe Küingdorfer Wurzeln, wenn auch jetzt, im zarten Alter von gerade mal einem Jahr, noch nichts davon ahnt. Trecker sind da viel interessanter... Ich werde aber hier wohl demnächst noch eine Seite einfügen müssen, auf der ich seine direkten Vorfahren mal aufliste. Also mit Ausnahme derjenigen, die noch leben. Sooo weit geht mein Mitteilungsbedürfnis dann doch nicht. Aber wer weiß - vielleicht hat ja jemand Anknüpfungspunkte?

Was noch warten muss, ist das, was ich für mich den "Rattenschwanz" nenne: Im Kirchspiel Neuenkirchen gab es diverse Schwentker-Familien, die ich bis jetzt noch nicht zusammengesetzt habe und bei denen ich auch noch keine konkreten Verbindungen zu meinen Wertheraner Familien gefunden habe (letzteres hauptsächlich, weil ich auch noch nicht danach gesucht habe). Dass da irgendein Zusammenhang besteht, liegt aufgrund der örtlichen Gegebenheiten auf der Hand, denn Suttorf grenzt ja direkt an Theenhausen. Falls sich schon einmal jemand die Mühe gemacht hat, dann kann er/sie es mich ja wissen lassen - ich muss das Rad hier nicht neu erfinden, denn es sind nicht meine direkten Linien. Vielleicht kann ich meinen Rattenschwanz dann ja ein bisschen abkürzen, wenn ich weiß, wo ich suchen muss. Die Geburten sind ja nie wirklich das Problem, sondern die Sterbeeinträge...

Aber eine Sache werde ich in Neuenkirchen in diesem Sommer auf jeden Fall noch machen: Ich möchte im Kühlen Grund am Teich sitzen und ein schönes kaltes Getränk genießen! Wie sich herausgestellt hat, ist das nämlich auch eine Schwentkersche Familientradition...

 

Sonntag, 24. April 2022

Mit Nadel und Faden

YouTube ist eine Wundertüte, und manchmal findet man auch Kanäle, bei denen man richtig etwas lernen kann. Zum Beispiel den eines Schneiders, der sich auf historische Kleidung spezialisiert hat, und deshalb viel per Hand näht.

Warum ich hier davon berichte? Nun ja - erstens, weil es mir einen ganz neuen Blick auf das Thema eröffnet hat, und zweitens, weil ich - wie ich hier schon einmal geschrieben habe - ziemlich viele Schneider in meinem Stammbaum habe, vor allem bei meinen Sickendieks

Wie also arbeitete so ein Schneider?

Zunächst einmal wurde der Tisch so nah wie möglich ans Fenster gerückt, um das Tageslicht so effektiv wie möglich ausnutzen zu können. Alles andere hätte die Augen auf Dauer zu sehr angestrengt. Ein guter Schneider schaffte immerhin 30 Stiche in der Minute. Aber warum saß man zum Nähen überhaupt auf dem Tisch und nicht auf einem Stuhl oder auf dem Boden? 

Der Boden schied schon aus zwei Gründen aus: erstens war er schwieriger sauber zu halten (was ich mir vor allem dann gut vorstellen kann, wenn der Schneider wie so oft auch noch eine kleine Landwirtschaft betrieb, um die Familie ernähren zu können), und zweitens hatte der Schneider dann das Problem, dass es ihm im wahrsten Sinnes des Wortes "arschkalt" wurde. Keine Ahnung, ob der Begriff so entstanden ist, aber wundern würde es mich nicht. Außerdem hatte man es mitunter mit großen Mengen Stoff zu tun, die man nicht über den Boden schleifen wollte, die aber je nach der Art des Stoffes schwer zu bewegen waren.

Warum aber setzte sich der Schneider dann nicht einfach auf einen Stuhl? Ganz einfach eigentlich - es ist eine Frage der Haltung! 

Sitzt man auf einem Stuhl, fängt man irgendwann an, den Rücken krumm zu machen. Erwischen wir uns nicht alle dabei, wenn wir mal längere Zeit am Schreibtisch verbringen? Ich mich jedenfalls schon. Fehlt einem aber die Lehne, sitzt man aufrechter, und der Rücken wird entlastet. Sicher, es gab immer Schneider, die ein Kissen zwischen den Tisch und ihren Allerwertesten geschoben haben, um es wenigstens etwas bequemer zu haben, denn eine Tischplatte ist nunmal relativ hart. Das ändert aber nichts daran, dass man dann die Lendenwirbelsäule gerade macht und die Schultern nach hinten nimmt, also genau das, wozu einem die Apotheken-Umschau und sämtliche Orthopäden immer raten. 

Trotzdem - ich würde das nicht lange aushalten. Aber ich bin ja auch ungeübt und habe einen bequemen Schreibtischstuhl. Eins ist ist mir aber klar geworden: Auch wenn ein Schneider meist im Schneidersitz  vor sich hinwerkelte, die Schneiderei war tatsächlich verflixt harte körperliche Arbeit! 

In unseren Breiten kamen Nähmaschinen erst in den 1850er Jahren auf, und zwar zunächst als Nachbauten der schon vorhandenen amerikanischen Modelle. Ich denke mal, dass mein Urgroßonkel Johann Wilhelm Schwentker (geboren 1877), der Schneider in Werther war, schon hauptsächlich mit einer Nähmaschine gearbeitet hat, genauso wie mein Ur-Urgroßvater Heinrich Wilhelm Sickendiek (geb. 1863) in Hörste. Das Arbeiten des Schneiders änderte sich damit grundlegend, blieb aber immer noch anstrengend genug. 

Dadurch, dass dank der Industriellen Revolution zunehmend in Fabriken genäht wurde, wurde von denen, die dort arbeiteten, immer mehr Akkordarbeit gefordert, um die Gewinne hochzuschrauben. Damit wurde der Job immer mehr von Frauen gemacht, die klassischen kleinen Schneidereien wurden weniger.

Das hat sich bis heute nicht geändert, nur, dass die Näherei kaum mehr in Deutschland stattfindet. Wir haben das Problem der schlecht bezahlten Akkord-Schufterei schlicht verlagert. Auch wenn ich mit gutem Gewissen behaupten kann, dass ich nie im Leben einen Primark-Laden betreten habe, so wird mir doch mulmig, wenn ich auf den Etiketten sehe, wo meine Kleidung gefertigt wurde. Genau heute vor neun Jahren, am 24.04.2013, ist das Rana Plaza bei Dhaka in Bangladesch eingestürzt, das achtstöckige Gebäude, in dem viele Textilfirmen untergebracht waren und in denen Tausende Näherinnen unter Bedingungen schufteten, die wir als Gesellschaft eigentlich schon längst hinter uns gelassen haben sollten. 1.135 Menschen kamen ums Leben, 2.438 wurden verletzt. 

Es ist ein langer Weg von meinem Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater Erdwien Sickendiek (geb. ca. 1692, gest. Anfang November 1740 in Bockhorst) bis zum Rana Plaza. Ich bin mir aber sicher, dass ein paar entscheidende Unterschiede gibt: Erdwien arbeitete auf eigene Rechnung, und deshalb musste er darauf achten, dass die Kleidungsstücke, die er nähte, qualitativ so gut waren, dass seine Kunden wieder kamen, so dass seine Werke nicht nach dreimaligem Tragen auf einer Müllkippe gelandet sind. 

Vielleicht sollten wir uns in diesem Fall wirklich mal auf die alten Werte rückbesinnen: Qualität statt Quantität. 

Samstag, 24. Juli 2021

Wie immer: Die Neuenkirchener Kirchenbücher machen es mir nicht leicht...

Archion hat aber auch ein Timing: Da warte ich seit geschlagenen 20 Jahren (ach Quatsch, länger!) darauf, dass sich jemand mal die Mühe macht, die Kirchenbücher von Neuenkirchen hochzuladen, und dann passiert es endlich, und kann ich mich sofort drüber hermachen? Nein! Das ist Ironie, oder?

Zugegeben, der Grund dafür war ein guter: Der Familienforschungsmuffel hatte Geburtstag. Über den Tag verteilt hieß das Einkaufen, Essen in größeren Mengen zubereiten, zwischendurch ein bisschen arbeiten, und dann hatten wir auch quasi in Schichten unsere Lieblings-Verwandten und Freunde hier. Die Altersspanne reichte von zwölf Wochen bis 85 Jahren. Das sind so Tage, an denen die Forschung stumpf hinten anstehen muss. Irgendwann sind wir nur noch todmüde ins Bett gefallen. Das war Donnerstag

Freitag war dann ein normaler Arbeitstag. Da bin ich immerhin dazu gekommen, ein paar Sterbeeinträge zu durchforsten, während im Hintergrund die Olympischen Spiele 2020 eröffnet wurden. Mit einer gewissen Irritation scrollte ich mich durch die Seiten: Wer um Himmels Willen sind die ganzen Schwentkers und Schwenkers, die sich da getummelt haben? Gut, da das Kirchspiel Neuenkirchen direkt ans Kirchspiel Werther grenzte, ist es nicht weiter verwunderlich, dass diverse Wertheraner dorthin abgewandert sind, aber es ist gar nicht mal so einfach, den ersten Schwentker/Schwenker zu finden, der über die Grenze gegangen ist. Bei meinen Plessners und Dieckmannskamps bin ich auch ein Stück weitergekommen. Ist das nicht herrlich, wenn der Stammbaum auch in die Breite wächst? Schade nur, dass sich die Neuenkirchener oft nicht die Mühe gemacht haben, auch die Todesursachen einzutragen. 

Heute ist Samstag, und ich hatte eigentlich gehofft, mich so richtig in den Neuenkirchener Büchern zu vergraben. Wieder nichts. Ich habe den halben Tag verschlafen und war zu wenig zu gebrauchen. Der Familienforschungsmuffel hat gestern seine zweite Impfung gekriegt, und im Gegensatz zu mir nimmt er seit gestern Abend augenscheinlich alle Nebenwirkungen mit, die man nur kriegen kann. Mit der indirekten Nebenwirkung, dass ich in der letzten Nacht auch nicht schlafen konnte und ich mich stattdessen im Wohnzimmer vor dem Fernseher wiederfand. Ich gucke an sich gerne Fechten im Fernsehen (danke, Olympia), aber normalerweise nicht morgens um vier...

Meine Hoffnung liegt also auf morgen, Sonntag. Der Familienforschungsmuffel ist langsam dabei, sich zu bessern, auch wenn er immer noch erstaunt darüber ist, dass ihm jedes Fingergelenk einzeln wehtun kann. Ich hoffe mal, dass er das Gröbste jetzt überstanden hat. Dann kann es morgen vielleicht ein ganz normaler Sonntag werden - mit ganz viel Forschung meinerseits! Mit ein bisschen Glück kann ich hier also demnächst ein paar Forschungserfolge vermelden...

Samstag, 20. Juni 2015

Mein allerliebstes Erbstück

Wenn es nach den typischen Klischees ginge, dann müsste es eigentlich ein Schmuckstück sein. Ein Ring, eine Kette, zumindest aber doch eine Brosche...

Nein, bei mir nicht. Vielleicht bin ich da etwas pragmatischer? Mein Lieblingserbstück ist nämlich das hier:


Ja genau - es ist ein Papierkorb! 

Dieser Papierkorb steht heute bei mir im Büro unter meinem Schreibtisch. Ich benutze ihn gerne, täglich und ausgiebig... 

Ich weiß nicht genau, wie alt er ist, aber er hat schon bei meinem Opa Schwentker (den ich ja nie kennengelernt habe, weil er schon 1966 gestorben ist) in dessen Büro unter dessen Schreibtisch gestanden. Später, bis ungefähr 1980, hat ihn dann mein Vater benutzt. Als ich alt genug war, einen eigenen Schreibtisch zu brauchen und vor allem auch zu wollen, habe ich ihn dann bekommen, weil er eben gerade da war.

Und "da" ist er immer noch, obwohl meine Schreibtische in den letzten 30+ Jahren öfter mal gewechselt haben. Er war da, als ich für die Schule lernte und verzweifelt (und oft genug vergeblich) versuchte herauszufinden, was meine Mathelehrer von mir hören wollten. Er war da als ich im Studium für meine Klausuren büffelte und auf die Schnelle gerade noch eine 20seitige Hausarbeit einreichen musste, weil ich die Semesterferien ein bisschen zu sehr genossen hatte. Er war da, als ich in meiner Referendarzeit für mein zweites Staatsexamen lernte und er stand auch parat, als ich wegen eines verflixt schmerzhaften Bänderanrisses (seitdem meide ich hohe Bürgersteige) öfter mal meinen Fuß hochlegen musste...

Und auch in den knapp zwölf Jahren meiner Selbstständigkeit ist er mein treuer Begleiter, der mich im Arbeitsalltag ungemein entlastet,  indem er den ganzen überflüssigen Papierkram, den ich ihm immer wieder in rauhen Mengen zumute, widerspruchslos schluckt.