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Samstag, 3. Mai 2025

Frühlingsgefühle und deren Auswirkungen

Jetzt, wo es wärmer wird, die Sonne öfter mal hinter den Wolken auftaucht und die Tage wieder länger werden, packt es mich. Es muss frische Luft ins Haus, und der Staub, den Herbst und Winter hinterlassen haben, muss raus. Sei es der gefühlte, sei es der tatsächlich vorhandene. 

Vor ein paar Tagen stand ich vor meinem doch etwas größeren Bücherregal in einer eher dunklen Ecke des Wohnzimmers. Ungefähr 1,50 Meter breit, knapp 1,80 Meter hoch. Wir haben im Wohnzimmer halt ziemlich niedrige Decken. Ich war auf der Suche nach einem ganz bestimmten Buch, von dem ich wusste, dass es irgendwo in diesem Regal stehen musste. Ich hatte es ja erst vor knapp einem Jahr gekauft und erstmal "zwischengeparkt". Und ja, ich lese tatsächlich noch Bücher in Papierform. Nicht immer, aber immerhin.

Wie sich dann herausstellte, hatte ich dieses Buch so dermaßen gut zwischengeparkt, dass ich vor dem völlig vollgestopften Regal stand wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berge und dieses verflixte Buch nirgendwo zu sehen war. Nur die Überzeugung, dass mein Gedächtnis mich bei Büchern im Normalfall nicht trügt, hielt mich aufrecht. 

Abbildung ähnlich :-). Quelle: prettysleepy bei pixabay.com.
  

Das war dann der Punkt, an dem es mir reichte. Aber so richtig. 

Ein "Schnauze-voll"-Moment.

Ich bin ziemlich rabiat an die ganze Sache rangegangen. Eine große Hilfe war dabei die Erkenntnis, dass viele der Veröffentlichungen des Historischen Vereins der Grafschaft Ravensberg, die sich überall auf den verschiedensten Regalbrettern tummelten, inzwischen online verfügbar sind, und zwar auf der Seite des Stadtarchivs Bielefeld. Alles bis einschließlich 2020(!) kann ich mir also bequem auf den Bildschirm ziehen, ohne dass das ich eine Papierversion entstauben müsste. Das gilt sowohl für die Jahresberichte als auch für die Ravensberger Blätter. Die nehmen als DIN/A 5-Heftchen zwar nicht allzu viel Platz weg, aber mein Problem war, dass sie halt überall in dieser Regalwand verteilt waren zwischen historischen Abhandlungen und Romanen, dem einen oder anderen Krimi - hauptsächlich französisch, englisch oder skandinavisch - und vor allem zwischen zig anderen DIN/A 5-Heftchen, denn ich habe die Angewohnheit, mich gerne in Museen etc. mit Material einzudecken, damit auch ja nicht vergesse, was ich alles schon gesehen habe. Dann kommen noch ein paar Reiseführer dazu, ein paar Fachbücher über Reptilien und Amphibien (mit einem Schwerpunkt auf Schildkröten), und ein paar Bildbände zu Im- und Expressionismus, Bauhaus, ... im Grunde viel zu viel Zeugs für so eine kleine Ecke. 

Viel zu tun also. 

Die Entfernung der Jahresberichte hat mir wirklich Luft verschafft und viel ausgemacht. Ein paar uralte Krimis in Taschenbuchversion, von denen ich schon vor zehn Jahren eher halbherzig davon ausgegangen bin, dass ich sie bestimmt nochmal irgendwann lesen würde und die ich seitdem nicht mehr angerührt habe, flogen hinterher. Gut, dass mein Papierkorb oben stabil ist. Es hätte wohl nichts gebracht, die Sachen zu verschenken, denn die, die sich für die Sachen des Historischen Vereins interessieren könnten, haben sie wahrscheinlich selbst im Regal. Oder sie waren mit dem Ausmisten schneller als ich und gucken sich alles online an. Der Rest war einfach uppe; den hätte ich noch nichtmal mehr in die Büchertelefonzelle auf dem Venghaussplatz gestellt. 

Bin ich nun mit dem Regal durch? 

Nein. 

Erstens ist das Frühjahr noch nicht vorbei. Zweitens greift dieses "Weg damit, und zwar jetzt"-Gefühl auch auf andere Lebensbereiche über. Meine Forschungs-Zettelsammlung zum Beispiel. Und sogar auf Dinge, die noch nichtmal aus Papier sind. Erstaunlich. Und das alles nur, weil es draußen länger hell ist und ich ein bestimmtes Buch nicht finden konnte.

Ich habe es übrigens gefunden. An Tag drei. In der linken Hälfte des rechten Regaldrittels auf dem dritten Boden von unten. Hätte eigentlich direkt drauf kommen können. Es war übrigens "Freiheit, Rausch und schwarze Katzen - Eine Geschichte der Bohème" von Andreas Schwab. Das Suchen hat sich gelohnt. Und die Sonderveröffentlichungen des Historischen Vereins dürfen auch bleiben. Die sind nämlich noch nicht online.

Mein Problem ist nun, dass die Papiertonne voll ist und erst in knapp zwei Wochen abgeholt wird. Irgendwas ist halt immer

Sonntag, 5. Januar 2025

Mit dem Kopf gegen die Wand: Die Geschichte von Amédé de Jongh, Teil 2

Vor knapp fünf Jahren habe ich hier schon einmal über Amédé de Jongh geschrieben, nachdem mir bei meinen Recherchen zufällig sein Sterbeeintrag in die Hände gefallen war. Hier ist der Link

(Für diejenigen, die nicht auf Links klicken: Amédé de Jongh war ein belgischer Kriegsgefangener, der 1916 bei einem Fahrradunfall in Werther ums Leben kam.) 

Nun habe ich Amédé "wiedergetroffen", und zwar in der Chronik der Volksschule zu Langenheide, die Ulrich Maaß Ende letzten Jahres herausgegeben hat (und die ich uneingeschränkt empfehlen kann). Darin findet sich auch die Ortschronik des Lehrers Karl Schwabedissen, und der hat über Amédé de Jongh geschrieben, nur dass er wahrscheinlich dessen Namen nicht kannte. 

Ich lese also auf Seite 138 zuerst, dass am 25. April 1916 belgische Kriegsgefangene angekommen waren, "um den Landwirten behilflich zu sein". Als wären sie aus reiner Höflichkeit dort gewesen. O-Ton Schwabedissen: "Sie scheinen sehr willig und fügsam zu sein."  

Na ja, alles ist wahrscheinlich besser, als an der Front zu sein. 

Im Mai 1916 kommt Schwabedissen dann auf eine Begebenheit mit einem dieser Kriegsgefangenen zu sprechen: 

"Unsere Landwirte sind auch jetzt noch mit dem Betragen und den Arbeiten der Gefangenen sehr zufrieden. Leider kam in diesen Tagen einer derselben ums Leben. Er war von Deppermann, Rotingdorf 4, wo er beschäftigt war, mit dem Rade nach Werther gewesen und ist dann sehr schnell den abschüssigen Weg von Tremper her gefahren. Bei Temming hat er die Biegung nach rechts nicht früh genug gewinnen können und schlug mit voller Wucht mit dem Kopf gegen die Hofmauer, sodaß er sofort tot war. Er wurde auf dem Kirchhofe in Werther, wo sich eine große Zahl Neugieriger eingefunden hatte, begraben." 

Ich hoffe mal, dass der eine oder andere auch aus anderen Gründen als Neugier hingegangen ist. Hätte ja genauso gut einer von ihren sein können.  

Aber jetzt weiß ich etwas mehr über die Geschichte, und auch, dass Amédé de Jongh wirklich in Werther begraben wurde. Das war ja eine der Fragen, die ich mir gestellt hatte. 

Ich weiß noch, dass ich damals, als ich den Sterbeeintrag gefunden hatte, zuallererst die Käppkenstraße im Kopf hatte, weil die so schön abschüssig ist und Kurven hat. Ich hatte wohl Recht - die Käppkenstraße endet genau bei Temming. Auf google maps kann man die Strecke (zumindest teilweise) nachfahren, und wie es dort aussieht, gibt es die Mauer bei Temming auch heute noch...   

Falls also jemand eine Radtour durch Rotingdorf plant: Vorsicht an der Käppkenstraße!  

Samstag, 1. Januar 2022

Eine kleine To-Do-Liste für das neue Jahr

Hach, ein neues Jahr! 

Komisch, dass da bei mir immer so diese Energie aufkommt, bei der es mir in den Fingern juckt, Listen zu schreiben. Ich gehöre allerdings zu denen, die schon immer gerne Listen geschrieben haben, schon alleine, weil es sich so gut anfühlt, etwas abhaken zu können. 

Die logische Konsequenz dessen ist... 

Meine genealogische To-Do-Liste für 2022: 

  • Die Geburten von 1911 in Werthers Gedächtnis einarbeiten. 
  • Die Trauungen von 1941 in Werthers einarbeiten. 
  • Meine restlichen Familienfotos digitalisieren. 
  • Die Vorfahren meines Mannes in eine eigene Stammbaum-Datei packen. 
  • Jede Woche einen Blogpost veröffentlichen. 
  • Einen Apfelstrudel im Quellental verspeisen. 
  • Mein Bücherregal aussortieren. 
  • Die kompletten Wertheraner Sterbeeinträge aus den 1960ern in Werthers Gedächtnis einarbeiten. 
  • Einheitliche Familienblätter anlegen für meine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und Ururgroßeltern. 
  • 10 Veröffentlichungen im Geschichtsportal Werther. 
  • Einen Vortrag beim Historischen Verein hören. 
  • Die ganzen dicken Ordner wegarbeiten und Werthers Gedächtnis komplett auf digital umstellen. 
  • Endlich mal mit den mütterlichen Vorfahren meines Mannes richtig anfangen. 
  • Meinem Neffen ein paar "neue" Vorfahren verschaffen. 

Ganz schön ehrgeizig, vor allem vom schieren Umfang her. Aber ich mache es ja gerne, also ist es in Ordnung. 

Insgesamt ist das Ziel, meinen Papierwust zu reduzieren. Der wächst mir nämlich langsam aber sicher über die Ohren. Man muss nicht alles in Papierform haben; bei vielem reicht mir auch eine digitale Kopie.Außerdem kann ich schlecht meine bessere Hälfte bitten, nicht ständig Taschenlampen, Messer und anderes typisches Männerzeugs (von dem ich noch nichtmal weiß, was es genau ist) überall herumliegen zu lassen, wenn von mir überall Ordner in der Gegend stehen und sich schon kleine Bücherstapel auf dem Küchentisch bilden. Ganz zu schweigen von den ganzen Notizbüchern auf der Fensterbank hinter meinem Lieblingssessel im Wohnzimmer... 

In diesem Sinne: 

Euch allen ein fröhliches und erfolgreichreiches Forschen im neuen Jahr!

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Ein Päckchen zum Jahresende

Gestern drückte mir mein Postbote ein Päckchen in die Hand, das ich für mich durchaus als "Happy Mail" bezeichnen würde: Post vom Historischen Verein, dieses Mal die Ravensberger Blätter II/2021 und der inzwischen 106. Jahresbericht, Jahrgang 2021. Und das, obwohl ich es noch nicht einmal geschafft habe, die neue Computer-Genealogie ganz zu lesen, die mir derselbe Postbote kurz vor Weihnachten gebracht hatte...! 

Dieses Mal befassen sich die Ravensberger Blätter schwerpunktmäßig mit dem Thema "Bomben auf Bielefeld - Aspekte des Luftkriegs", was für mich ja auch interessant ist, weil ja auch meine erweiterte Familie betroffen war; ich hatte hier schon mal darüber berichtet. Trotzdem habe ich mich erst einmal auf einen anderen Artikel gestürzt: "Die Geschichte der jüdischen Familie Stern in Halle (Westf.)" von Wolfgang und Katja Kosubek und Martin Wiegand. Die Historie als solche kannte ich zwar schon, und die Sterns sind mir im "Juden- und Dissidentenregister" auch schon über den Weg gelaufen, aber man liest selten eine komprimierte Familiengeschichte, die so auf den Punkt geschrieben ist, aber trotzdem mehrere Jahrhunderte umfasst. Je mehr ich drüber nachdenke, desto weniger kann ich eigentlich verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass die Geschichte der Sterns zumindest in Halle endete. Obwohl - wenn ich mir angucke, welchen Hass man heutzutage im Netz lesen muss, dann sollte mich das eigentlich nicht wundern.

Den Jahresbericht muss ich mir noch ein bisschen genauer angucken; auf den ersten Blick scheint er thematisch ziemlich abwechslungsreich zu sein, aber ein bisschen fehlt mir da (wie im Übrigen auch bei den Ravensberger Blättern) der genealogische Faktor. Vielleicht liegt es daran, dass es halt etwas schwierig ist, genealogische Themen in Aufsätze zu verpacken? Schließlich kann ja nur veröffentlicht werden, was auch geschrieben wurde. 

Wie dem auch sei - für die nächsten Tage habe habe ich genug Lesestoff. Nicht, dass ich nicht schon genug hätte. Abgesehen davon, dass ich gedanklich gerade auch noch mit Commissaire Georges Dupin durch die Bretagne streife, wartet danach auch noch ein anderer historischer Stoff auf mich: Bruno Preisendörfers "Als Deutschland erstmals einig wurde - Reise in die Bismarckzeit". Sowas kommt dabei raus, wenn ich eine Buchhandlung betrete... je mehr ich über meine Vorfahren weiß, desto mehr will ich über die Zeit wissen, in der sie lebten. Klingt komisch, ist aber so. 

Gut, dass jetzt zwei freie Tage anstehen. In diesem Sinne: 

Allen einen guten Rutsch und ein fröhliches, gesundes Jahr 2022!

 


Donnerstag, 30. September 2021

Cousin Fritz: Zur falschen Zeit am falschen Ort

Der 30. September 1944 war ein schlimmer Tag - Bielefeld wurde von den Alliierten bombardiert, in diesem Fall von den Amerikanern. Quasi die gesamte Altstadt fiel den Bomben - und danach den Flammen - zum Opfer. Hier kann man eine gute Zusammenfassung der Ereignisse lesen: 


Der Bielefelder Stadtkern liegt gerade mal 10 km vom Wertheraner Stadtkern entfernt. Es war also kein Wunder, dass an diesem 30. September auch viele Wertheraner in Bielefeld unterwegs waren. Leute, die Besorgungen machten. Schüler, die die weiterführende Schule besuchten. Alles Menschen, die mit der Kleinbahn von dem Bahnhof an der Herforder Straße aus über Schildesche und Dornberg wieder nach Werther zurück fahren wollten. 

Es kam anders. 

In ihrer Chronik "Werther - 1000 Jahre von "wartera" bis Werther" schrieb Erika Stieghorst

"Waren im Laufe des Krieges auch schon Luftangriffe auf Bielefeld geflogen worden, so brach mit dem Großangriff vom 30. September 1944 ein unvorstellbares Inferno über die Menschen und die Stadt herein.  
Um die Mittagszeit heulten die Sirenen, auch in Werther, um die Feuerwehr und den Luftschutz zu alarmieren. Schon bald wurde dann bekannt, der Kleinbahnhof in Bielefeld an der Herforder Straße sei durch Bombentreffer in Schutt und Asche gelegt worden. Jedermann wußte, daß auch Wertheraner, vor allem Schüler, dort gewartet haben mußten, um mit dem Mittagszug zurückzufahren. In großer Angst und Sorge machten sich die Angehörigen auf den Weg nach Bielefeld, um die Kinder zu suchen. Sie erwartete eine schreckliche Gewißheit.  
Nur wenige der jungen Menschen waren mit dem Schrecken davon gekommen. 12 Schülerinnen und Schüler mußten den Luftangriff mit ihrem Leben bezahlen, dazu weitere 14 Wertheraner." 

Diese 26 Wertheraner müssten eigentlich im Bielefelder Sterberegister von 1944 zu finden sein, weil sie als Zivilisten am Ort ihres Todes eingetragen werden mussten. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir das Sterberegister selbst mal anzugucken, habe hier aber ein Buch namens "Die Kriegsopfer des Amtes Werther 1939-1948", herausgegeben im Jahr 1958 vom "Krieger-Verein Werther", in dem auch die Opfer der Bombardierung vermerkt sind. Man erkennt sie am Sterbedatum. Danach komme ich auf "nur" 24 Wertheraner, die an diesem Tag in Bielefeld geblieben sind. Den Unterschied von zwei Personen kann ich mir noch nicht erklären. Aber zurück zu Erika Stieghorst: 

"Niemals standen vor dem Altar in der Werther Kirche so viele Särge wie bei der Trauerfeier für diese 26 Opfer, und die Kirche konnte die von Kummer und Leid erfüllten Menschen kaum fassen.  
Zuvor hatte es sogar noch eine Auseinandersetzung mit Vertretern der Partei gegeben, nach deren Willen die Trauerfeier in der Turnhalle abgehalten werden sollte. Die Bevölkerung war damit jedoch nicht einverstanden. Der energische Ausspruch einer Mutter, die ihre 14-jährige Tochter, das 3. Kriegsopfer der Familie, verloren hatte, beendete die Differenzen. Sie erklärte: "Die Partei kann die Särge in die Turnhalle bringen, die Trauergäste aber werden in der Kirche sein." 

Auch hier kann ich nicht sagen, ob diese Geschichte 100 %ig stimmt, denn ich habe zwar bis jetzt zwei 15jährige, aber kein 14jähriges Mädchen unter den Opfern gefunden. Wenn der Ausspruch aber tatsächlich so gefallen sein sollte, dann hat diese Frau auch heute noch meinen höchsten Respekt. Die Trauerfeier aber fand tatsächlich in der Kirche statt. 

Ich weiß auch nicht, wer von meiner Familie dabei war, aber dass sie auch betroffen waren, obwohl sich keine Schwentkers in dem Buch des Kriegervereins finden, steht fest: 

Am 16. August 1940 hatte meine Großtante Marie Schwentker, die älteste Schwester meines Großvaters Hermann, den Monteur Franz Friedrich Reich aus Sodeiken im Kreis Gumbinnen geheiratet. Für sie war es mit ihren immerhin auch schon 36 Jahren die erste Ehe, für ihn nicht, denn er war schon 1926 in Bielefeld mit Caroline Lahaye vor den Traualtar getreten, die aber schon 1937 gestorben war. Aus dieser Ehe brachte Franz zwei Kinder mit in die Ehe, einen Sohn und eine Tochter. Marie wurde damit zur zweifachen Stiefmutter. Die Tochter lebt auch heute noch, wir telefonieren ab und an. Der Sohn, Fritz, wollte an jenem 30. September 1944 vom Bielefelder Kleinbahnhof nach der Schule nach Hause fahren. Zu Hause, das war das Haus in der Engerstaße, in dem die fünf Reichs (im Dezember 1941 hatte auch Marie noch einen Jungen geboren) damals zusammen mit den Schwentkers wohnten. Fritz  kehrte nicht mehr dorthin zurück. Er war 16. Wenn man so will der "angeheiratete" Cousin meines Vaters. 

Ich nehme also an, dass zumindest Marie und Franz an diesem Tag in der Kirche waren. Zusammen mit sehr vielen anderen. 




Samstag, 8. Mai 2021

Mit den besten Wünschen vom Jungfrauenverein

Freunde von uns haben ein Haus gekauft, das noch nicht leergeräumt war.  Und was fand sich dort? 

Das hier: 


"Brastberger's Predigten", schön im Schuber und noch gut erhalten. Die stehen ab heute bei mir im Bücherregal. Nicht, weil ich vorhätte, meinem Gatten jeden Sonntag eine Predigt vorzulesen (ich glaube, er würde dann die Scheidung einreichen), sondern weil es einer Person gehört hat, die in meinem Stammbaum vorhanden ist, wie die Widmung zeigt: 


"Dem treuen Mitglied des Jungfrauenvereins zu Werther 

Anna Johanne Luise Schwenker 

zur Erinnerung und mit dem Wunsche eines 

gesegneten Gebrauchs gewidmet. 

Werther, 17. Oktober 1902                                Der Jungfrauenverein Werther 

                                                                                       Münter, Pfarrer"

Zugegeben, ich musste auch erstmal gucken, wer denn dieser ominöse Herr Brastberger ist, denn ich hatte noch nie etwas von ihm gehört. Und einen "Jungfrauenverein", der mir ein solches Buch hätte widmen können oder wollen, gab es zu meiner Zeit halt auch nicht mehr. 

Im Netz wurde ich schnell fündig: Immanuel Gottlob Brastberger, Geistlicher, einer der Begründer des Württembergischen Pietismus. Alt ist er nicht geworden, er starb 1764 mit erst 48 Jahren in Nürtingen. Das Buch mit seinen Predigten war anscheinend damals eine Art Bestseller; es ist in zig Auflagen gedruckt worden und hat sich durch die vielen Auswanderer, die es augenscheinlich mitgenommen haben (trotz des Gewichts), in der ganzen Welt verteilt. Auf dem Bild sieht man Pfarrer Brastberger auf einem Stich von Johann Jacob Haid, den man nicht nur bei wikipedia findet, sondern auch in meinem Buch hier, direkt gegenüber dem Titelblatt, auf dem es heißt: 


Evangelische 

Zeugnisse der Wahrheit

zur 

Aufmunterung im wahren Christenthum

theils aus den gewöhnlichen 

    Sonn-Fest- und Feiertags-Evangelien, 

theils 

aus der Passions-Geschichte unsers Erlösers. 

In einem 

vollständigen Predigt-Jahrgang 

zusammengetragen und 

mit einem Anhang einiger Casual-Predigten 

versehen von 

M. Immanuel Gottlob Brastberger, 

gewesenen Special-Superintendenten und Stadtpfarrer zu Nürtingen. 

Kein Wunder, dass sie es auf dem Buchrücken mit "Brastberger's Predigten" abgekürzt haben. Klingt auch irgendwie... kompakter. 

Die Anna Johanne Luise Schwenker (diesen Mal Schwentker ohne t), die das Buch bekommen hat, war am 24.11.1879 in Rotenhagen Nr. 17 geboren worden; ihre Eltern waren der Heuerling Hermann Heinrich Schwenker und Catherine Ilsabein Vossieck

Soweit ich weiß, bin ich in der Schwen(t)ker-Linie mit Anna "nur" verschwägert, trotzdem bekomme ich aber eine direkte Linie zu ihr hin: Über die Hapkes und die Bergmanns aus Theenhausen Nr. 3 bzw. Nr. 8, denn dort kreuzen sich unsere direkten Linien. 

Auch den Anlass der Schenkung kenne ich: Es war Annas Hochzeit mit dem Heuerling Johann Heinrich Horstkotte aus Schröttinghausen Nr. 9, die an genau diesem 17. Oktober 1902 in Werther stattfand. Anscheinend hat Anna das Buch nach ihrer Hochzeit tatsächlich auch noch zumindest ab und an zur Hand genommen, denn in der Gründonnerstagspredigt fand ich als Lesezeichen ein Kalenderblatt aus dem Jahr 1909, auch sehr christlich mit dem Spruch des Tages bedruckt. Nach ihrer Hochzeit wurde Anna ziemlich schnell schwanger; am 20. August 1903 brachte sie in Rotenhagen Nr. 9 ein totgeborenes Mädchen zur Welt. Vielleicht hat das Buch ihr ja geholfen, darüber hinwegzukommen und ihr in irgendeiner Art und Weise eine Erklärung für ihren Verlust geliefert? 

Irgendwie wünsche ich mir, dass es so war. 

Donnerstag, 9. Juli 2020

Menschen von heute

"Es kostet so viel Energie sich klarzuwerden, dass Geschichte aus Menschen von heute besteht, nur ist es ein anderes Heute. Dass sie dachten wie wir, auf der Suche waren, Sachen ausprobiert haben, dass ihr Leben aus schwierigen Entscheidungen bestand, aus wirklichem Leid und echtem Schmerz. Dass es echt war, ein genauso wirres und chaotisches Leben wie jetzt unseres." 
aus Marjolijn van Heemstra, "Ein Name für dich"

Dieses Zitat hier habe ich zufälligerweise in einem Roman gefunden, das ich mir im letzten Jahr aus der Bücherei in Halle ausgeliehen hatte. (Welchen Familienforscher wundert es, wenn Familienforscher Bücher über andere Familienforscher lesen? Wahrscheinlich keinen.) 

Der Gedanke hinter diesem Zitat ist aber nicht fiktional, im Gegenteil. Unsere Vorfahren lebten zwar in anderen Zeiten als wir, aber waren sie als Menschen wirklich so anders? Ich glaube nicht. 

Sonntag, 29. Oktober 2017

Die Verknüpfungslust des Genealogen

Im Moment schlafe ich jeden Abend über einer neuen Biografie ein, die jemand namens Frank Schäfer über Henry David Thoreau geschrieben hat und die ich hier in Halle in der Bücherei gefunden habe. Normalerweise halte ich ja einen gewissen Abstand, wenn ein Deutscher meint, einen Amerikaner analysieren zu können, aber hier hat immerhin der Suhrkamp-Verlag sein Geld investiert, so dass ich dachte, es könne ja nicht schaden, wenigstens mal ins Buch hineinzuschauen - zumal es mich nichts kostet. Bei Biografien ist es ja Standard, auch ein paar Worte über die Vorfahren, zumindest aber über die Eltern des zu Biografierenden, zu verlieren. Das macht Herr Schäfer auch: 200 Jahre werden auf einer knappen Seite (nämlich auf Seite 23 von 242) abgehandelt.

Auf dieser einen Seite bin ich über einen Satz gestolpert:

"Man muss bei genealogischen Kausalzusammenhängen vorsichtig sein - sie beweisen ja vor allem die Verknüpfungslust des Interpreten -, aber es ist doch zumindest bemerkenswert, dass einige der charakteristischen Merkmale Thoreaus (...) auf die eine oder andere Weise in seiner Ahnenreihe bereits präfiguriert zu sein scheinen." 

Ich war baff: Ich wusste noch gar nicht, dass es genealogische Kausalzusammenhänge gibt! Ich dachte immer nur, es gibt entweder Kausalzusammenhänge oder aber es gibt keine, und jetzt auch noch genealogische! Wieder was gelernt!

Und mal ganz abgesehen davon: Nur weil ein Ereignis ohne ein anderes, zeitlich davor liegendes, nicht eingetreten wäre, bedeutet das noch lange nicht, dass dieses Ereignis komplett davon abhängt. Wenn man so will: Es kann immer gut sein, dass einem das Leben dazwischen kommt. Im Herbst 1993 durfte ich mich ausführlich während meiner ersten Strafrechtsvorlesung mit dieser Thematik auseinander setzen. Ich bin also darauf getrimmt, mich mit Ursache und Wirkung zu beschäftigen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb mir diese sprachliche Ungenauigkeit so dermaßen auf die Nerven gegangen ist, dass ich mich sogar hier darüber auslasse.

Der zweite Punkt, und wahrscheinlich auch der wichtigere, ist doch, dass der liebe Herr Schäfer uns Forschern hier eine gewisse "Wird-schon-so-sein"-Mentalität unterstellt. Und das ärgert mich!

Bei einigen, die nicht sauber arbeiten, dürfte Herr Schäfer durchaus richtig liegen. Das bedeutet aber nicht, dass man hier so verallgemeinern darf. Ich für meinen Fall hoffe jedenfalls inständig, dass ich Zusammenhänge, die ich nicht beweisen kann, aber für durchaus möglich halte, als These kenntlich mache. Und dass ich niemals Fakten übersehen werde, die gegen die Wahrheit dieser jeweiligen These sprechen.

Im Grunde sollte man diesen einen Satz aber auch nicht zu ernst nehmen: Wenn man ihn nämlich bis zu Ende liest, dann merkt man, dass sein Verfasser hier seiner eigenen Verknüpfungslust nicht widerstehen konnte. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Tatsache, dass Thoreaus Vorfahren im Jahr 1685 als Hugenotten aus Frankreich vertrieben worden waren, etwas mit seinem betriebswirtschaftlichen Desinteresse, mit seinem Hang, sich in seinen Texten zu verfransen und seiner Tendenz, die Überarbeitung seiner Essays teilweise um Jahre aufzuschieben, zu tun hat...

Inzwischen habe ich etwas mehr als die Hälfte des Buches geschafft und bin schon ungefähr zehn Mal darüber eingeschlafen. Ich weiß noch nicht, ob ich es zu Ende bringen werde; wahrscheinlich werde ich anfangen, querzulesen. Das liegt aber nicht nur daran, dass Herr Schäfer meint, seine Ausführungen immer wieder durch den Gebrauch von den Textfluss erheblich störenden Fremdwörtern aufwerten zu müssen (das "präfiguriert" im Zitat oben ist ein schönes Beispiel dafür).  Mich stört eher, dass nichts durch Quellen untermauert wird und im Anhang auch nur ein paar Gesamtdarstellungen als Sekundärliteratur angeboten werden).

Mir fehlt da einfach was... wahrscheinlich werde ich mir heute Abend also mal wieder Thoreau selbst schnappen. Über "Walden" bin ich nämlich auch schon einige Male ins Land der Träume herübergeschlummert...!




Montag, 2. Januar 2017

Demnächst in meinem Bücherregal - wenn ich es denn wieder benutzen kann...


Das war er nun also, der erste Arbeitstag im neuen Jahr. Man hat das Gefühl, als hätte es die Feiertage gar nicht gegeben, so sehr ging der ganz normale Wahnsinn heute wieder los...

Zur Belohnung und als Ausgleich sitze ich nun mit einer großen Tasse heißer Milch mit Honig (bei der Kälte da draußen genau das richtige, um auch innen und im Inneren warm zu bleiben) in meinem Lieblingssessel, genieße den ersten Feierabend im Jahre 2017 und blättere in den beiden neuen Publikationen des Historischen Vereins, den Ravensberger Blättern (Zweites Heft 2016) und dem 101. Jahresbericht.

Ist schon praktisch, dass man beides als Mitglied im Historischen Verein automatisch zugeschickt bekommt, auch wenn ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen habe, weil ich beides sonst in meinem Lieblingsbuchladen kaufen würde, und man sollte den lokalen Einzelhandel ja schließlich unterstützen... aber ich will mich ja gar nicht beschweren. Im Gegenteil, ich freue mich immer richtig, wenn ich einen dicken Umschlag in meinem Postfach finde, der mal nichts mit meinem Arbeitsalltag zu tun hat.


Als alte Wertheranerin freue ich mich natürlich besonders auf den Beitrag von Dr. Frank Stückemann im Jahresbericht, weil darin in einem 30seitigen Bericht auch Werthers Pfarrer Georg Gieseler ausgiebig zu Wort kommt. Schön ist es in diesem Falle auch, dass ich zu dem Namen des Verfassers auch ein Gesicht kenne, denn ich hatte ja im Oktober 2016 das Vergnügen, mir den Vortrag Herrn Stückemanns im Wertheraner Gemeindehaus anzuhören.

Auf die anderen Beiträge bin ich aber auch gespannt. Ein komplettes Inhaltsverzeichnis findet man hier, und zwar gleich für beide Publikationen.

Und auch das Timing stimmt perfekt. Zum einen habe ich erst gestern das letzte Buch ausgelesen (das "Lexikon der bedrohten Wörter", ausgerechnet), so dass mein Hirn wieder entsprechende Kapazitäten frei hat, und zum anderen könnte ich die beiden Neuerwerbe auch noch gar nicht ungelesen in meinem Bücherregal verstauen, selbst wenn ich es wollte - ich komme im Moment nämlich gar nicht dran... noch steht der Weihnachtsbaum direkt davor...!

Samstag, 12. Dezember 2015

Der 100. Jahresbericht des HV Ravensberg ist da!

In meinem Fall fand ich ihn in dieser Woche hübsch als Päckchen verpackt in meinem Postfach. Das ist das Schöne, wenn man Mitglied im Historischen Verein ist: Man bekommt die Ravensberger Blätter und eben die Jahresberichte automatisch nach Hause geliefert... manchmal bin ich doch ziemlich bequem, ich geb's zu.

Für alle, die genau wissen wollen, was sich darin verbirgt: Hier ist der Link zum Inhaltsverzeichnis.

Ich bin noch nicht damit durch, aber das Wochenende ist ja auch noch nicht vorbei. Zwischen den ganzen Weihnachtsmärkten bleibt ja immer ein bisschen Zeit zum Schmökern...

Dienstag, 27. Januar 2015

Braucht jemand noch die Ravensberger Blätter?

Weil sich in meinem "Bügelzimmer" (das nur so heißt, weil wir hier bei unserem Einzug das Bügelbrett gefundenrvbl_2012_2 haben und nicht weil ich ein eigenes Zimmer zum Bügeln bräuchte) meiner werten Ansicht nach in den letzten Jahren viel zu viel Papier angesammelt hat, habe ich beschlossen, auszumisten. Wieviel Papier braucht der Familienforscher wirklich...?
Und was finde ich dabei? Eine völlig ungebrauchte und doppelte Ausgabe der Ravensberger Blätter, Heft II/2012. Thema "Genealogie: Archive und Forschung". Viel zu schade, um sie in den Papiermüll zu werfen.
Falls also jemand Interesse hat: Einfach einen Kommentar hinterlassen, dann schicke ich sie raus. Möge sie jemandem von Nutzen sein...

Samstag, 2. August 2014

Ravensberger Blätter: "1914-1918: Bielefeld im Ersten Weltkrieg"

Wenn das mal kein perfektes Timing ist: Pünktlich zum 100. Jahrestags des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sind die neuen Ravensberger Blätter erschienen. Wer also wissen will, wie Bielefeld (immerhin meine Geburtsstadt!) diese Zeit erlebt hat, der hat über das Wochenende gut zu tun.
Es sind einige Dinge in diesem kleinen Heft erhalten, die ich auch noch nicht wusste. Beispielsweise, dass das erste Bielefelder Opfer tatsächlich ein elfjähriges Mädchen namens Erika Buddeberg war, die auf dem Rückweg von einem Aufenthalt bei ihrem Onkel in Marburg (ihre Eltern meinten, sie wäre zu pummelig geworden, also hatte man sie zum Professorenonkel auf Diät verschickt - armes Kind!) in einem Ort namens Kleinenberg erschossen wurde. Und zwar, weil ein paar schießwütige und übernervöse Idioten vom örtlichen Kriegerverein sie und ihre Mutter für vermeintliche russische Spione hielten... schon allein wegen dieser Geschichte, die sich so dermaßen absurd anhört, dass man sich erst einmal vergewissert, dass man auch richtig gelesen hat, ist das Heft lesenswert. Der Beitrag zu Erika Buddeberg stammt von Peter Salchow.
Die weiteren Beiträge sind:
Johannes Altenberend: "Mars regierte die Stunde - Der Kriegsausbruch 1914 im Bielefelder Gymnasium zwischen Euphorie, Skepsis und Ernüchterung"
Fritz Achelpöhler: "Zwischen Kochtopf und Pickelhaube: Adele Kroppenberg als Handelsangestellte im Büro und im Heeresdienst"
Bernd J. Wagner: "Zwischen vaterloser Familie und vaterländischen Pflichten - Kindheit und Jugend in Bielefeld während des Ersten Weltkriegs"
und
Stephan M. Probst: "Das Andenken an die im Ersten Weltkrieg "für Kaiser und Vaterland" gefallenen Bielefelder Juden".

Donnerstag, 31. Juli 2014

Mein kleiner privater Kampf mit dem Ersten Weltkrieg

In diesen Tagen kommt man um das Thema "Erster Weltkrieg" ja nicht wirklich herum. Ich auch nicht - meine Kenntnisse zu diesem Thema sind leider trotz diverser Jahre gymnasialen Geschichtsunterrichts eher rudimentär. Ich meine mich noch zu erinnern, dass von dem "Hurra-Patriotismus" im August 1914 die Rede war. Dann hieß es aber nur noch: "Deutschland hat den Krieg verloren und musste horrende Reparationszahlungen leisten, was zusammen mit der Hyperinflation den Aufstieg der Nationalsozialisten begünstigte."
Das war's. Mehr gab es zu den vier Jahren anscheinend nicht zu sagen. Falls ja, dann habe ich es dank der äußerst monotonen Sprechweise meines Geschichtslehrers verschlafen. Hätte ich damals allerdings gewusst, was ich heute über meine Familiengeschichte weiß, dann hätte ich mich wohl wenigstens bemüht, ihm zuzuhören.
Wenn man die Geschichte der eigenen Familie mit der Weltgeschichte verknüpfen kann, dann wird die Weltgeschichte ungleich interessanter. Ich kann meine familiengeschichtliche Frage hier gerne noch einmal wiederholen:
Wie zum Teufel kann es sein, dass ein Dreiundzwanzigjähriger aus einem kleinen Dorf in Ostwestfalen, Vater von zwei kleinen Kindern und Mitglied im Radfahrerverein, ausgerechnet kurz vor Wilna sein Ende 90c3e-heinrichwilhelmsickendiekfindet?
Genau, ich meine meinen Urgroßvater Heinrich Sickendiek. Über ihn hatte ich ja schon mal in einem der älteren Posts ziemlich ausführlich geschrieben (hier ist der Link).
Eine konkrete Antwort darauf habe ich noch immer nicht gefunden. Ich bin aber dabei, meine Kenntnisse zum Thema "Erster Weltkrieg" zu erweitern. Dabei hilft mir ein Buch von Herfried Münkler, "Der Große Krieg - Die Welt von 1914 bis 1918". Nach 150 Seiten bin ich zwar schon ein bisschen schlauer, aber das entscheidende Puzzlestück fehlt mir immer noch. Vielleicht finde ich es ja noch irgendwo in den verbleibenden 650 Seiten - oder dem darauf folgenden knapp 200 Seiten starken Anhang.
Wie es scheint, gibt es doch ein paar mehr Dinge zum Ersten Weltkrieg zu sagen als die paar Sätze, die ich damals in der Schule gehört habe... 

Donnerstag, 17. Juli 2014

Das Kirchspiel Werther und der Krieg 1914-1918

Wenn sich der Beginn des Ersten Weltkriegs in diesen Tagen zum hundertsten Mal jährt, dann kann (und will!) ich das natürlich auch hier im Blog nicht unberücksichtigt lassen. Dazu ist das Thema einfach zu wichtig!

Ein wahrer Fundus an Informationen für Heimat- und Familienforscher ist das Buch "Das Kirchspiel Werther und der Krieg 1914-1918", das sich wahrscheinlich noch auf vielen Wertheraner Dachböden finden lässt - wenn man sich denn die Mühe macht, danach zu suchen.

Das Buch wurde 1920 bei Bertelsmann gedruckt, und zwar "Zum dankbaren Gedenken an unsere Gefallenen und Kriegsteilnehmer". Jeder dieser Kriegsteilnehmer, der diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts überlebt hatte, bekam ein Exemplar, so auch mein Urgroßvater in der väterlichen Linie, Hermann Schwentker.



Hermanns Exemplar habe ich hier bei mir, auch wenn es nicht mehr wirklich gut erhalten und in mehrere Teile auseinander gefallen ist (ich muss es wirklich unbedingt neu binden lassen!).
Ich weiß auch, dass das Exemplar meines anderen Wertheraner Urgroßvaters August Gehring  heute noch existiert und sicher in einem gut sortierten Bücherschrank steht.

Beide Urgroßväter sind auch im Buch selbst erwähnt - in der Lister der Kriegsteilnehmer. Man muss sich vorstellen, dass die eigentliche Stadt Werther kurz vor dem Krieg im Jahr 1910 nur 2183 Einwohner hatte (die Landgemeinden drumherum jetzt mal nicht mitgezählt), von denen dann immerhin 431 am Krieg teilnahmen. Es war also etwa ein Fünftel der Bevölkerung kriegsbedingt abwesend. Insgesamt hatte das Kirchspiel während der vier Jahre 1167 Kriegsteilnehmer zu verzeichnen, von denen am Ende 227 gefallen und 20 vermisst waren.

Dieses Buch zählt sie alle auf, mitsamt ihren Wohnadressen, Berufen, Kriegsdaten und Dienstgraden. Außerdem sind die Gefallenen zum Teil sehr ausführlich mit einem Lebenslauf, einem Foto und Auszügen aus ihrer Feldpost portraitiert, wenn auch diese vom jeweiligen Pfarrer verfassten Texte heute teilweise recht merkwürdig anmuten, wenn man bedenkt, dass der "heldenhafte Tod für das geliebte Vaterland" oft genug tatsächlich ein elendes Verrecken war. Dazu gibt es noch "Nachrichten aus dem Felde", in denen über Verwundungen und Beförderungen berichtet wurde.

Ich habe vor, hier im Blog im Laufe der Zeit die Teilnahmelisten einzustellen und vielleicht auch ein paar der anderen Informationen. Auch wenn man vielleicht nicht mit den einzelnen Personen verwandt ist und man damit rechnen kann, dass der schreibende Pastor mit Sicherheit nichts Schlechtes über seine verstorbenen Schäfchen sagen wollte: Dieses Buch liefert in seiner Gesamtheit ein relativ gutes Portrait einer Generation, die in einer Kleinstadt in der ostwestfälischen Provinz aufwuchs.