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Donnerstag, 8. Mai 2025

Willys Zweiter Weltkrieg

Einer der Punkte auf meiner To-Do-Liste für dieses Jahr war ja, die Meldekartei für Halle durchzugucken. Und diesen Punkt konnte ich inzwischen zumindest teilweise abhaken, denn ich habe diverse meiner Verwandten dort gefunden, und das auch noch teilweise mit einigen Überraschungen verbunden.  

Die Haller Meldekartei friert quasi den Wohnungsbestand im Jahr 1953 ein. Nach Ortsteilen und dann Straßen, und dann innerhalb der Straßen nach Hausnummern, findet sich für jeden Haushalt eine Karteikarte. Auf dieser Karte ist dann die Meldehistorie aufgelistet.

Meinen Urgroßvater Willy Hauffe und seine Frau Lina Ortmeyer gehörten zu den ersten, die ich gefunden habe, und zwar in Oldendorf Nr. 61

Die Karteikarte beginnt mit dem 04.02.1918. Damals meldete sich Willy vom "Militär" kommend in Oldendorf Nr. 61 an, als Lina dort schon (zusammen mit ihren Eltern) wohnte. Das war wohlgemerkt immerhin sieben Monate vor ihrer Hochzeit... und noch ein Dreivierteljahr vor dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Ich hatte mich ja schon immer gefragt, wie lange Willy denn nun schon in Halle war. Die Familienlegende besagte, er wäre hier in Halle als Soldat untergebracht gewesen, hätte dabei Lina kennengelernt, und als die merkte, dass sich meine Großmutter Martha ankündigte, hätte sie ihn quasi aus Berlin zurückholen müssen, damit gerade noch vor der Geburt dieses ersten Kindes geheiratet werden konnte. Der Artikel zur Goldenen Hochzeit im Haller Kreisblatt vom 04.09.1968 erwähnt dann, dass Willy schon 1916 "im Kreis Halle" gewesen sein soll, was rechnerisch nicht so ganz mit der Geschichte von der stürmischen Romanze zusammenpasst, denn dann wäre es Anfang 1918, also Oma Martha entstanden sein muss, schon eine längere Beziehung gewesen, auch wenn man sich kriegsbedingt wohl zwischendurch nicht sehen konnte. 

Offiziell mit Wohnsitz gemeldet war Willy in Halle also im Februar 1918. Damit hatte er seine Soldatenzeit hinter sich gebracht. 

Hätte man meinen können.  

Ist ein Krieg nicht genug? 

Für den Zeitraum vom 18.04.1919 bis zum 04.03.1920, also rund zwei Jahre, ist Willy wieder beim "Militär". Genauer gibt es die Karteikarte leider nicht her. Dafür habe ich nun aber die Erklärung gefunden, weshalb es so lange dauerte, bis Martha ein Geschwisterchen bekam. Ist halt schwierig, wenn der Mann nicht da ist. 

1935 zog die inzwischen gewachsene Familie dann von Halle nach Gartnisch, das inzwischen ja längst eingemeindet wurde. Von Gartnisch aus hat sich Willy dann wieder abgemeldet, nur, dass kein konkretes Datum angegeben ist, sondern ein 

?. 

Und wo war Willy abgeblieben?  

Bei der Wehrmacht. Ja, er ist nochmal gezogen worden

Rechnen wir mal.

Willy war am 27.05.1896 in Burg geboren worden, also war er bei Beginn des II. Weltkrieges 43 Jahre alt. Hat er da wohl schon geahnt, dass er nochmal Uniform tragen würde? Als Vater von einem halben Dutzend Kinder? 

Vielleicht. Vielleicht hat er sich aber auch von den "Erfolgen" der Wehrmacht blenden lassen und gedacht, das ginge alles so weiter. Ich habe das Wort "Erfolge" hier in Anführungsstriche gesetzt, weil man es aus heutiger Sicht wohl kaum einen Erfolg nennen kann, wenn man in einem Angriffskrieg halb Europa überrennt. 

Am 8. Mai 1945, also heute vor 80 Jahren, war Willy dann 48 Jahre alt. Drei Jahre jünger, als ich jetzt bin (was erschreckend genug ist). Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er sich wesentlich älter gefühlt haben muss. Wer zwei Weltkriege mit eigenen Augen sieht... 

Wo genau Willy eingesetzt war, ist noch ein Rätsel. Auch, wann genau er zum Volkssturm - denn der musste es ja sein - gezogen wurde.  

Als Arbeiter gehörte er wahrscheinlich zum Aufgebot I, das alle "tauglichen und waffenfähigen Männer" der Jahrgänge 1884 bis 1924 umfasste. So ein Volkssturmbataillon des Aufgebots I konnte auch außerhalb des "Heimatgaus" eingesetzt werden, und zwar bis zu sechs Wochen lang, wie mir wikipedia erklärt. Was ich nicht erkennen kann ist, ob man nur einmal eingezogen werden konnte oder ob man eventuell auch mehrmals antreten musste, wenn man denn die ersten sechs Wochen überlebt hatte. Hauptsächlich wurden diese Volkssturmbataillone in Richtung Osten eingesetzt, weil es seit ihrer Bildung im Herbst 1944 relativ wenig Sinn machte, sie gen Westen zu schicken, weil die Amerikaner im September 1944 ja schon die Grenze bei Aachen überschritten hatten. Das grenzt auch zeitlich etwas ein, wann Willy abkommandiert wurde. Dass auf der Karteikarte nur ein Fragezeichen zu finden ist, spricht eigentlich dafür, dass es relativ spät war oder zumindest doch zu einem Zeitpunkt, als die Bürokratie schon nicht mehr so 100%ig funktionierte. Und das will ja schon weiß heißen, damals wie heute. 

Am 13.06.45 meldete sich Willy wieder in Gartnisch Nr. 51 an. Damit hatte er auch seinen Zweiten Weltkrieg überstanden. 

Dass Willy nochmal gezogen werden konnte, hatte ich bislang gar nicht so auf dem Schirm gehabt, obwohl ich es eigentlich auf dem Schirm hätte haben müssen. Trotzdem, als ich da in Halle im Archiv saß und auf diese Karteikarte starrte, dachte ich nur, "Ach du Sch...". Der zweite Gedanke ging direkt zu Oma Martha, die damals in dieser für mich unvorstellbaren Situation war, dass nicht nur ihr Mann eingezogen war, sondern auch ihr Vater. 

Beide sind zurückgekommen.  

Sonntag, 6. April 2025

Die Wertheraner Kinder des Jahrgangs 1914

So wenig, wie ich mich hier im Blog in den letzten Wochen habe sehen lassen, könnte man doch glatt meinen, ich hätte die Familienforschung drangegeben. Aber weit gefehlt.. das Gegenteil ist der Fall. Es wird Zeit, dass ich mal wieder etwas darüber berichte, was ich so anstelle.

In den letzten Jahren habe ich mir angewöhnt, immer die Geburten des gerade freigegebenen Jahrgangs des standesamtlichen Geburtsregisters in Werthers Gedächtnis einzuarbeiten, am besten gleich zu Beginn des Jahres. Das klappt nicht immer so zügig, wie ich es mir wünschen würde, so zum Beispiel auch in diesem Jahr. Darf ich mir hier einmal die höfliche Kritik erlauben, dass ich es doof finde, dass das Wertheraner Stadtarchiv nur noch an drei Stunden in der Woche geöffnet ist, nämlich donnerstags von 09.00 bis 12.00 Uhr? Für Leute wie mich, die noch nicht im Rentenalter sind, ist das echt verflixt unpraktisch. Wenn dann auch noch der Archivar krankheits- oder urlaubsbedingt ausfällt - kann ja immer mal passieren -, dann rutschen manche Sachen halt zeitlich nach hinten. Und so war es dann auch mit "meinen" Geburten von 1914. 

Unsere zukünftigen Forscher müssen sich da übrigens keine Sorgen machen: 2024 wurde in Werther nicht ein einziges Kind geboren. Null. Zero. Das berichtete zumindest das Westfalen Blatt. Es wurden zwar Kinder geboren, die in Werther wohnen, aber die Geburt fand halt woanders statt. Irgendwie traurig.  

1914 war das noch anders. 

Da kamen immerhin noch 136 kleine Wertheraner und Wertheranerinnen im Amt Werther auf die Welt. Auch nur noch halb soviele wie in den geburtenstärksten Jahrgängen, aber immerhin. 

Die Jungs waren in der Überzahl: Das Verhältnis lag bei 70 zu 66. Es gab ein Zwillingspärchen, alle anderen waren Einzelgeburten. Totgeburten waren nicht verzeichnet, aber ich habe noch nicht gegengecheckt, ob es nicht doch welche gegeben hat. 

Spannend finde ich ja immer die Vornamen. Schade, dass man nie weiß, welcher bei den Doppel-, Dreifach- oder Vierfachnamen der Rufname war.

An erster Stelle bei den Jungs ist eigentlich alles wie immer. Wilhelm (30 Mal) vor Heinrich (21) vor Hermann (19).  Dann folgen Friedrich (13), Gustav und August (je 11), Paul (7), Peter (6), Fritz (5), Erich, Johannes, Karl, Ewald, Walter (je 3), Julius, Ernst, Gerhard, Rudolf, Artur und Adolf (je 2). Außerdem gab es noch je einen Werner, Emil, Bernhard, Hugo, Otto, Christian, Dietrich, Hans, Kaspar, und Siegfried. Interessant finde ich, dass die Johanns nun ganz verschwunden sind, stattdessen findet man halt Johannes oder Hans. Richtig modern für Wertheraner Verhältnisse war auch Fritz - ich denke mal, dass sich diverse Eltern gedacht haben, dass aus ihrem Friedrich sowieso ein Fritz gemacht werden würde, so dass sie den Lütten auch gleich so nennen konnten. Insgesamt gab es bei 70 Jungen immerhin 30 verschiedene Vornamen. 

Bei den Mädchen waren die Eltern auch 1914 wieder etwas kreativer. Allzu viel hat sich aber auch bei ihnen im Vergleich zu den Vorjahren nicht geändert. Marie (17) vor Johanne und Anna (beide 14) und Auguste und Frida (je 10). Auf den Plätzen folgen Martha (9), Luise (8), Erna (7), Elfriede und Herta (5), Wilhelmine, Maria, Elisabeth, Magdalene, Emma (4), Charlotte, Else und Lina (3), Paula, Margarethe, Minna, Alwine, Helene und Katharine (2). Je einmal kamen eine Franziska, Johanna, Erika, Friederike, Henriette, Sophie, Hilde, Elli, Juliane, Alma, Gertrud, Hildegard, Ida und Emmi zur Welt.  Wer wollte, dass seine Tochter wusste, dass sie gemeint war, wenn man sie rief, nannte sie also Gertrud oder Hildegard...

Okay, bei denen Namen gab es also nicht wirklich etwas Besonderes. 

Dafür war etwas anderes im Umbruch: Während im ersten halben Jahr in den allermeisten Fällen die stolzen Väter beim Amtmann erschienen, um die Geburt des Nachwuchses offziell zu machen, waren es danach immer öfter die Hebammen, die diese Aufgabe übernahmen. Kein Wunder, viele Väter waren ja "verhindert", wenn man es harmloser ausdrücken wollte, als es eigentlich war. Auch, wenn die Kriegsbegeisterung in den ersten Monaten ja angeblich so groß gewesen sein soll ("bald sind wir wieder zu Hause!"), so wären die meisten frisch gebackenen Väter wahrscheinlich lieber zu Hause bei Frau und Kind geblieben, wenn man sie im Vertrauen gefragt hätte. Ist jetzt mal meine Vermutung. Aber wenn der Kaiser rief und sich alle vor Nationalismus quasi überschlugen...

Und dieser Jahrgang war dann auch der erste, den es in dem Sinne doppelt übel getroffen hat: Während des Ersten Weltkriegs geboren und dann den Zweiten Weltkrieg umso intensiver miterlebt. Auch hier habe ich erschreckend viele Randvermerke gefunden, dass sie ihn nicht überlebt haben. Ich weiß immer nie, ob mich diese Randvermerke traurig oder einfach nur wütend machen. Vor allem in Zeiten, in denen wir zwangsweise wieder über "Kriegstüchtigkeit" diskutieren müssen.

In diesem Sinne bin ich ja schon auf den Jahrgang 1915 gespannt: Werden dann auch wieder so viele Eltern ihren Sohn "Wilhelm" nennen, oder nimmt dann schon eher davon Abstand? Spontan würde ich ja sagen, dass der Name eher nicht verschwinden wird - das Kind heißt dann halt nur noch wie Opa und nicht zufällig auch noch wie der Kaiser. Ich tippe mal, dass man erst so ab 1919 eine wirkliche Veränderung finden wird... aber da muss ich wohl noch ein paar Jahre warten, bis ich eine Antwort auf diese Frage bekomme.  

Dienstag, 31. Dezember 2024

Der Plan für 2025

Vor einem Jahr habe ich geplant, keine Pläne zu haben. Und was ist passiert? Ich habe mich irgendwie verheddert, oder zumindest ist das das Gefühl, das ich habe, wenn ich so an die letzten zwölf Monate denke, jedenfalls im genealogischen Sinn. Ich habe mal hier geforscht und mal da, mal hier ein bisschen editiert und mal da ein bisschen transkribiert. Und ab und zu mal zugehört und zugeliefert. Aber insgesamt? Nee, so richtig rund fühlt sich das nicht an. 

Was kann also das einzige logische Fazit sein (außer, dass ich vielleicht ein kleines bisschen neurotisch bin, wenn um Genealogie geht)? 

Richtig. 

Ein Plan!


 Es gibt wieder einen für 2025. Here we go: 

1. Werthers Gedächtnis zu Ende digitalisieren. 

Ein paar Buchstaben sind noch übrig. Und dann war da noch die Tatsache, dass mir einer dieser dicken schwarzen Ordner runtergefallen ist, während er offen war, und sich ungefähr 350 Blätter über den Fußboden unseres Wohnzimmers verteilt haben. Nicht, dass hier je etwas wegkommen würde (eher im Gegenteil), aber so richtig in der richtigen Reihenfolge sind diese 350 Blätter nicht mehr. Falls sich noch jemand an die Simpsons-Folge erinnert, in der Bart die Memoiren von George H. W. Bush durcheinanderwirbelt... genau so. 

2. Die Schwartz-Kuckelkorn-Linie weiter erforschen. 

Der kleine Aststummel im Stammbaum des Familienforschungsmuffels. Ich kann's gar nicht mehr mit ansehen. Irgendwas muss da passieren. Ich weiß zwar noch nicht genau, wie ich es anstelle, aber irgendwie wird's schon gehen. Und mit ein bisschen Glück stellt Matricula ja auch mal die richtigen Kirchenbücher online... sonst muss ich mir was einfallen lassen. 

3. Einen Vortrag beim Westfälischen Genealogentag hören. 

Ich weiß zwar noch nicht, welche Vorträge es gibt, aber irgendwas Interessantes ist eigentlich immer dabei. 

4. Die Geburten von 1914 in Werthers Gedächtnis einarbeiten. 

Die von 1913 waren dieses Jahr dran, und nun folgt logischerweise... genau. Ein bisschen Kontinuität muss sein.

5. Die Wertheraner Opferliste des Zweiten Weltkriegs soweit wie möglich vervollständigen. 

Diese Liste ist jetzt schon lang, und sie wird noch um einiges länger werden. 2025 ist diese Katastrophe der Menschheit 80 Jahre her. Wenn das nicht ein Anlass ist, sich nochmal mit dieser Liste auseinanderzusetzen, was dann? 

6. Die Haller Meldekartei checken. 

Und da werde ich dann vor allem zwei Namen suchen: Sickendiek und Ortmeyer. Vor allem meine Großeltern (aber auch meine Urgroßeltern) sind ziemlich oft innerhalb von Halle umgezogen. Wäre schon schön, wenn ich die Daten etwas genauer hinkriegen könnte. 

7. Meine Ancestry-Ergebnisse mit denen von MyHeritage vergleichen. 

Was natürlich voraussetzt, dass sie irgendwann mal bei mir ankommen. Gucken wir mal, wo die Unterschiede sind. Und ob ich Entschuldigungen für meine zahlreichen Macken finde, die gerne als Anflüge von Exzentrik zu kaschieren versuche. 

8. Mir die Hörster Kirche von innen angucken. 

Das ist eigentlich ein schlechter Scherz: Ich wohne gerade mal 10 Minuten mit dem Auto von dort entfernt, wo mein Großvater mütterlicherseits getauft wurde und wo viele meiner Vorfahren vor dem Traualtar gestanden haben. Von außen kenne ich die Kirche, aber ich war noch nie! drin. Zeit, das mal zu ändern. Am besten außerhalb eines Gottesdienstes. Ich muss mal checken, ob es da eine Offene Kirche gibt. 

9. Meine handschriftlichen Notizen in Werthers Gedächtnis einarbeiten. 

Also die, die nicht in den dicken schwarzen Ordnern darauf warten, sondern die anderen. Die in den DIN/A-5-Ringbüchern, die so schön handlich sind. 

10. Meine Stammbaum-Forschungen in einem Ordner übersichtlich zusammenfassen. 

Jedenfalls meine direkten Linien. 

Ich kann nicht anders, ab und zu brauche ich halt mal was, in dem ich blättern und mir Notizen machen kann. Ich glaube, ich habe hier schon mal geschrieben, dass ich das Hin- und Herblättern vermisse und dass mir diese Welt, obwohl ich die Vorteile der Technik schon sehe und auch selbst nutze, irgendwie zu digital geworden ist. Zeit, mir da mal einen kleinen Rückzugsort zu schaffen. Und zwar so kompakt, dass es nicht aus dem Ruder läuft. In einem schönen dicken Ordner, auch wenn der vielleicht nicht in diesem einen Jahr 2025 komplett voll werden wird. 

_____________

Schon klar, dass das alles zumindest teilweise parallel ablaufen wird und nicht schön brav hintereinander. Wenn ich darauf warte, dass ich mit Werthers Gedächtnis durch bin, würde der Genealogentag schon gelaufen sein. Aber so habe ich jedenfalls ein paar Leitlinien, an denen ich mich langhangeln kann. Obwohl ich natürlich nicht ausschließen kann, dass ich auch ab und an mal etwas mache, das nicht auf der Liste steht. Dazu macht das Forschen (das Lesen, das Denken, das Kombinieren, ...) einfach zu viel Spass... 

Allen einen guten Rutsch in ein wunderbares neues Jahr 

- wir sehen uns 2025!  

Sonntag, 31. Juli 2022

"Kommen Sie zum Sterben nach Werther!"

Auch, wenn es makaber klingt - manchmal denke ich, dass die Stadt Werther in den 1950ern und 1960ern mit diesem Spruch hätte Werbung machen können. Und wenn nicht die Stadt, dann zumindest das Krankenhaus, das damals anscheinend einen ziemlich guten Ruf hatte. Leider (jedenfalls aus meinerForscherinnensicht) wurden die Todesursachen später nicht mehr festgehalten, sonst könnte ich das wahrscheinlich noch etwas konkretisieren.

Nur mal als Beispiel: 

Ich bin heute mit den Sterbeeinträgen von 1967 fertig geworden. Ja, ich erfasse in Werthers Gedächtnis auch diejenigen, die nicht in Werther gewohnt haben, sondern "nur" in Werther gestorben sind. Die gehören für mich auch dazu.

Insgesamt sind in Werther im Jahr 1967 immerhin 159 Menschen gestorben. Davon waren 75 männlich und 84 weiblich, was mich nicht weiter überrascht hat, denn immerhin war das noch die Zeit, als man die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs (und des entsprechenden Männermangels, wenn man es denn so ausdrücken will) spüren konnte. 

In einem zweiten Schritt habe ich mir angeguckt, wo die Leute denn gewohnt haben, also ob in Werther (mit Häger, Arrode, Isingdorf, Theenhausen, Schröttinghausen, Rotingdorf und Rotenhagen) oder woanders. Und siehe mal an: 86 wohnten in Werther, 73 nicht. Dabei erstaunt mich immer wieder der große Einzugskreis der Orte, in denen die Menschen wohnten, die in diesem doch eigentlich ziemlich kleinen Krankenhaus gestorben sind: Nicht nur Bardüttingdorf oder Halle, also die Orte, die quasi in der Nachbarschaft liegen, sondern ich finde auch viele Leute aus der Bielefelder Innenstadt, aus Spenge und aus Jöllenbeck. Im Grunde kann ich eigentlich nur jedem, dem ein Verwandter aus diesen Orten "abgängig" ist, empfehlen, einfach mal in Werther nachzugucken. Vereinzelt finde ich auch Leute aus Brackwede, Senne I, Brockhagen und Isselhorst. In einer Zeit, in der längst noch nicht jeder Haushalt über ein Auto verfügte, ist das eigentlich ziemlich erstaunlich.

Und noch ein dritter kleiner Beitrag zur Statistik: Schon beim Einarbeiten war mir aufgefallen, dass unheimlich viele Leute nicht nur außerhalb wohnten, sondern auch außerhalb geboren sind. Von den 159 Gestorbenen waren tatsächlich nur 33 in Werther geboren, und da habe ich schon die vier Totgeburten im Wertheraner Krankenhaus eingerechnet. Im Gegenzug dazu hatten gleich 126 Gestorbene einen anderen Geburtsort! Das ist fast ein Verhältnis von 1 zu 4...

Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, aber es verwundert mich auch nicht unbedingt. Ich habe jetzt die genauen Geburtsorte nicht weiter aufgeschlüsselt, aber so Pi mal Daumen würde ich sagen, dass die eine Hälfte hier aus dem näheren Umkreis kam, also beispielsweise aus Bielefeld, Neuenkirchen oder Jöllenbeck, und die andere Hälfte praktisch aus allen Ecken des ehemaligen Deutschen Reiches, vor allem aber aus den den ehemaligen Ostprovinzen. Logisch, wenn man sich die Geschichte anguckt. Spontan würde ich sagen, dass Schlesien stärker vertreten ist als zum Beispiel Ostpreußen. Ich hätte das ja gerne noch ein bisschen genauer untersucht, aber zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass nicht immer dabei stand, in welchem Kreis oder in welcher Provinz ein Ort lag, so dass das eine ziemliche Aufgabe ist.

Insgesamt kann man sagen, dass sich Werther zu dem Zeitpunkt im Vergleich zu der Zeit vor dem 2. Weltkrieg schon ziemlich verändert hatte. Man sieht es an den Menschen, die dort wohnten - man war zum größten Teil wohl nicht mehr zusammen aufgewachsen, und man war einfach mobiler geworden, sowohl beim Hinziehen nach Werther als auch beim Wegziehen. Man sieht es aber auch an den Adressen, wo gewohnt wurde. Der Teil der Wertheraner Innenstadt, der in der Arrode liegt, hatte inzwischen auch seine Straßennamen bekommen, was auch mir die Zuordnung der einzelnen Häuser wesentlich leichter macht. Und Werther war größer geworden in dem Sinne, dass man mehr Wohnraum geschaffen hatte - was ja auch dringend notwendig war. Vor allem nach Südosten hatte sich die Innenstadt erweitert, und auch die Straßennamen, die man nun in der Nähe des Schwarzen Weges findet, erzählen die Geschichte ihrer Bewohner teilweise mit - Breslauer und Waldenburger Straße, Schlesierweg. Im Grunde hatte Werther damit die Ausdehnung, das es auch in meiner Kindheit hatte. 

Oha, jetzt komme ich mir irgendwie alt vor.

Montag, 14. März 2022

"Schitomir" gab's auch in Werther

In den letzten Tagen wurde in den Nachrichten - aus gegebenem Anlass - oft der Name "Schytomyr" erwähnt. Bevor Russland in der Ukraine eingefallen ist, war es eine Universitätsstadt mit ungefähr 270.000 Einwohnern. Das hier zum Beispiel ist die Landwirtschaftliche Universität in Friedenszeiten, bei wikipedia geklaut: 

Ich saß also vor dem Fernseher und dachte, "Moment - irgendwo hast du das schon mal gehört..." Und dann fiel es mir ein: Als Werther noch "seine" Kleinbahn hatte, gab es nicht weit vom Haus meiner Familie, das ja zwischen Delius und dem Kippskrug lag, eine Haltestelle, die die Wertheraner "Schitomir" getauft hatten. Sie lag schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite, neben einem Feuerlöschteich, den es auch nicht mehr gibt, an der Einmündung der heutigen Ziegelstraße, also da, wo das Autogeschäft jetzt ist. Auf dem offiziellen Verlaufsplan der Kleinbahn, den man wikipedia findet, ist diese Haltestelle allerdings nicht verzeichnet, denn es war "nur" eine Bedarfshaltestelle. Aber sie hatte immerhin ein eigenes Schild - mit der Aufschrift "Schitomir". 

Warum man diese Haltestelle "Schitomir" nannte? Jemand, der sich noch an die Kleinbahn erinnern kann (der Personenbetrieb wurde immerhin schon 1953 eingestellt), hat mir die folgende Geschichte erzählt:

Aus dem Delius-Gebäude sollen die Webstühle herausgebracht und oben am Teutoburger-Wald-Weg in der Knochenmühle eingelagert worden sein. Das Delius-Gebäude selbst wurde im Krieg von Kochs Adler genutzt, wo man leider nicht mehr Nähmaschinen, sondern Rüstungsgüter fertigen ließ, und zwar von ukrainischen oder russischen Zwangsarbeiterinnen, die in einer Baracke hinten auf dem heutigen Parkplatz untergebracht gewesen sein sollen, mit ihren Kindern, die man - wohl aus Angst vor Läusen und sonstigem lästigen Ungeziefer - kahl geschoren hatte. Diese Kinder sah man auch öfter mal in Werther herumlaufen - barfuß. Und bettelnd. Mit einem Stück Butterbrot konnte man sie glücklich machen. Männer hat man nie gesehen. Nach dem Krieg zog dann wieder Delius bei Delius ein. 

Schriftliche Belege habe ich aber nicht dafür, das sage ich hier ganz deutlich, und leider auch kein Foto von der Haltestelle. Ich kenne, wenn man so will, nur die mündliche Überlieferung. Alles Fotos vom Delius-Gebäude, die ich bislang gesehen habe, stammen aus der "Neuzeit" oder aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, dazwischen scheint es nicht viel zu geben. Wer mir mehr erzählen kann, der soll das bitte tun! 

Es wird Zeit, dass ich mich einmal mehr mit der Geschichte der Firma Delius beschäftige - es waren immerhin die direkten Nachbarn meiner Familie, und zwar über mindestens 80 Jahre. Soll heißen: Meine Großeltern und Urgroßeltern wohnten nicht nur mit Webstühlen, sondern auch mit den ganzen Zwangsarbeiterinnen und ihren Kindern nicht nur Tür an Tür, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Wand an Wand. Da kann mir keiner erzählen, dass sie nicht mitgekriegt haben sollen, was da nebenan passierte. 

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Ein Päckchen zum Jahresende

Gestern drückte mir mein Postbote ein Päckchen in die Hand, das ich für mich durchaus als "Happy Mail" bezeichnen würde: Post vom Historischen Verein, dieses Mal die Ravensberger Blätter II/2021 und der inzwischen 106. Jahresbericht, Jahrgang 2021. Und das, obwohl ich es noch nicht einmal geschafft habe, die neue Computer-Genealogie ganz zu lesen, die mir derselbe Postbote kurz vor Weihnachten gebracht hatte...! 

Dieses Mal befassen sich die Ravensberger Blätter schwerpunktmäßig mit dem Thema "Bomben auf Bielefeld - Aspekte des Luftkriegs", was für mich ja auch interessant ist, weil ja auch meine erweiterte Familie betroffen war; ich hatte hier schon mal darüber berichtet. Trotzdem habe ich mich erst einmal auf einen anderen Artikel gestürzt: "Die Geschichte der jüdischen Familie Stern in Halle (Westf.)" von Wolfgang und Katja Kosubek und Martin Wiegand. Die Historie als solche kannte ich zwar schon, und die Sterns sind mir im "Juden- und Dissidentenregister" auch schon über den Weg gelaufen, aber man liest selten eine komprimierte Familiengeschichte, die so auf den Punkt geschrieben ist, aber trotzdem mehrere Jahrhunderte umfasst. Je mehr ich drüber nachdenke, desto weniger kann ich eigentlich verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass die Geschichte der Sterns zumindest in Halle endete. Obwohl - wenn ich mir angucke, welchen Hass man heutzutage im Netz lesen muss, dann sollte mich das eigentlich nicht wundern.

Den Jahresbericht muss ich mir noch ein bisschen genauer angucken; auf den ersten Blick scheint er thematisch ziemlich abwechslungsreich zu sein, aber ein bisschen fehlt mir da (wie im Übrigen auch bei den Ravensberger Blättern) der genealogische Faktor. Vielleicht liegt es daran, dass es halt etwas schwierig ist, genealogische Themen in Aufsätze zu verpacken? Schließlich kann ja nur veröffentlicht werden, was auch geschrieben wurde. 

Wie dem auch sei - für die nächsten Tage habe habe ich genug Lesestoff. Nicht, dass ich nicht schon genug hätte. Abgesehen davon, dass ich gedanklich gerade auch noch mit Commissaire Georges Dupin durch die Bretagne streife, wartet danach auch noch ein anderer historischer Stoff auf mich: Bruno Preisendörfers "Als Deutschland erstmals einig wurde - Reise in die Bismarckzeit". Sowas kommt dabei raus, wenn ich eine Buchhandlung betrete... je mehr ich über meine Vorfahren weiß, desto mehr will ich über die Zeit wissen, in der sie lebten. Klingt komisch, ist aber so. 

Gut, dass jetzt zwei freie Tage anstehen. In diesem Sinne: 

Allen einen guten Rutsch und ein fröhliches, gesundes Jahr 2022!

 


Dienstag, 5. Oktober 2021

Tour de Force Teil 3: Omaha Beach

Wenn man das Wort "D-Day" hört, denkt man automatisch an Omaha Beach. Eigentlich gehört der Strand zu einem kleinen Dorf namens Saint Laurent-sur-Mer mit gerade einmal 268 Einwohnern, 22 km von Bayeaux entfernt, wo man den berühmten Wandteppich bestaunen kann. 

Neben Verdun ist das einer der Orte, den ich an bestimmten Tagen in der Geschichte als "Hölle auf Erden" beschreiben würde. 

77 Jahre später stand ich nun da und versuchte, mir vorzustellen, wie die Ereignisse des 6. Juni 1944 damals abgelaufen sind. Klar, mir kam auch die Anfangsszene aus "Der Soldat James Ryan" in den Sinn, aber dazu sollte man vielleicht wissen, dass sie nicht am Originalschauplatz, sondern in Irland gedreht worden ist. Trotzdem, ungefähr so musste es gewesen sein. 

Massensterben. 

Ich habe auf den kleinen Mäuerchen gesessen, aufs Meer geguckt und mich im Stillen bei den Männern bedankt, die ihr Leben dafür gelassen haben, dass Europa von den Nazis befreit worden ist, mit der Konsequenz, dass meine Eltern und ich nicht in einer Diktatur aufwachsen mussten und Krieg etwas ist, dass ich nie selbst erleben musste. Die meisten waren noch so schrecklich jung... 


Wie man sehen kann, waren wir nicht alleine da. Leute gingen mit ihrem Hund spazieren, Kinder buddelten im Sand. Vielleicht hätten wir direkt morgens nach Sonnenaufgang hinfahren sollen und nicht am Nachmittag? Andererseits hat mich diese Normalität aber auch irgendwie beruhigt - trotz allem geht das Leben weiter.  


Ja, es gibt Denkmäler. Ich fand es anrührend, dass dort noch frische Blumen lagen. 

Man sah natürlich auch ziemlich viele Touristen. Es gibt nur ein paar Meter vom Strand entfernt ein relativ großes Museum, das sich mit der Landung am D-Day beschäftigt. Das haben wir uns aber gespart, weil wir uns nicht ganz sicher waren, wie authentisch ein Museum zu einem solchen Thema sein kann, wenn es sich selbst als "child-friendly" bezeichnet. Kann man den Schrecken dieser Tage wirklich deutlich machen, wenn man auch Kinder als Publikum haben will? Abgesehen von diesem gibt es aber noch mehrere Museen, die sich mit dem D-Day befassen, man muss nur ein paar Kilometer fahren. Die Spuren des D-Day sind halt noch allgegenwärtig. 

Donnerstag, 30. September 2021

Cousin Fritz: Zur falschen Zeit am falschen Ort

Der 30. September 1944 war ein schlimmer Tag - Bielefeld wurde von den Alliierten bombardiert, in diesem Fall von den Amerikanern. Quasi die gesamte Altstadt fiel den Bomben - und danach den Flammen - zum Opfer. Hier kann man eine gute Zusammenfassung der Ereignisse lesen: 


Der Bielefelder Stadtkern liegt gerade mal 10 km vom Wertheraner Stadtkern entfernt. Es war also kein Wunder, dass an diesem 30. September auch viele Wertheraner in Bielefeld unterwegs waren. Leute, die Besorgungen machten. Schüler, die die weiterführende Schule besuchten. Alles Menschen, die mit der Kleinbahn von dem Bahnhof an der Herforder Straße aus über Schildesche und Dornberg wieder nach Werther zurück fahren wollten. 

Es kam anders. 

In ihrer Chronik "Werther - 1000 Jahre von "wartera" bis Werther" schrieb Erika Stieghorst

"Waren im Laufe des Krieges auch schon Luftangriffe auf Bielefeld geflogen worden, so brach mit dem Großangriff vom 30. September 1944 ein unvorstellbares Inferno über die Menschen und die Stadt herein.  
Um die Mittagszeit heulten die Sirenen, auch in Werther, um die Feuerwehr und den Luftschutz zu alarmieren. Schon bald wurde dann bekannt, der Kleinbahnhof in Bielefeld an der Herforder Straße sei durch Bombentreffer in Schutt und Asche gelegt worden. Jedermann wußte, daß auch Wertheraner, vor allem Schüler, dort gewartet haben mußten, um mit dem Mittagszug zurückzufahren. In großer Angst und Sorge machten sich die Angehörigen auf den Weg nach Bielefeld, um die Kinder zu suchen. Sie erwartete eine schreckliche Gewißheit.  
Nur wenige der jungen Menschen waren mit dem Schrecken davon gekommen. 12 Schülerinnen und Schüler mußten den Luftangriff mit ihrem Leben bezahlen, dazu weitere 14 Wertheraner." 

Diese 26 Wertheraner müssten eigentlich im Bielefelder Sterberegister von 1944 zu finden sein, weil sie als Zivilisten am Ort ihres Todes eingetragen werden mussten. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir das Sterberegister selbst mal anzugucken, habe hier aber ein Buch namens "Die Kriegsopfer des Amtes Werther 1939-1948", herausgegeben im Jahr 1958 vom "Krieger-Verein Werther", in dem auch die Opfer der Bombardierung vermerkt sind. Man erkennt sie am Sterbedatum. Danach komme ich auf "nur" 24 Wertheraner, die an diesem Tag in Bielefeld geblieben sind. Den Unterschied von zwei Personen kann ich mir noch nicht erklären. Aber zurück zu Erika Stieghorst: 

"Niemals standen vor dem Altar in der Werther Kirche so viele Särge wie bei der Trauerfeier für diese 26 Opfer, und die Kirche konnte die von Kummer und Leid erfüllten Menschen kaum fassen.  
Zuvor hatte es sogar noch eine Auseinandersetzung mit Vertretern der Partei gegeben, nach deren Willen die Trauerfeier in der Turnhalle abgehalten werden sollte. Die Bevölkerung war damit jedoch nicht einverstanden. Der energische Ausspruch einer Mutter, die ihre 14-jährige Tochter, das 3. Kriegsopfer der Familie, verloren hatte, beendete die Differenzen. Sie erklärte: "Die Partei kann die Särge in die Turnhalle bringen, die Trauergäste aber werden in der Kirche sein." 

Auch hier kann ich nicht sagen, ob diese Geschichte 100 %ig stimmt, denn ich habe zwar bis jetzt zwei 15jährige, aber kein 14jähriges Mädchen unter den Opfern gefunden. Wenn der Ausspruch aber tatsächlich so gefallen sein sollte, dann hat diese Frau auch heute noch meinen höchsten Respekt. Die Trauerfeier aber fand tatsächlich in der Kirche statt. 

Ich weiß auch nicht, wer von meiner Familie dabei war, aber dass sie auch betroffen waren, obwohl sich keine Schwentkers in dem Buch des Kriegervereins finden, steht fest: 

Am 16. August 1940 hatte meine Großtante Marie Schwentker, die älteste Schwester meines Großvaters Hermann, den Monteur Franz Friedrich Reich aus Sodeiken im Kreis Gumbinnen geheiratet. Für sie war es mit ihren immerhin auch schon 36 Jahren die erste Ehe, für ihn nicht, denn er war schon 1926 in Bielefeld mit Caroline Lahaye vor den Traualtar getreten, die aber schon 1937 gestorben war. Aus dieser Ehe brachte Franz zwei Kinder mit in die Ehe, einen Sohn und eine Tochter. Marie wurde damit zur zweifachen Stiefmutter. Die Tochter lebt auch heute noch, wir telefonieren ab und an. Der Sohn, Fritz, wollte an jenem 30. September 1944 vom Bielefelder Kleinbahnhof nach der Schule nach Hause fahren. Zu Hause, das war das Haus in der Engerstaße, in dem die fünf Reichs (im Dezember 1941 hatte auch Marie noch einen Jungen geboren) damals zusammen mit den Schwentkers wohnten. Fritz  kehrte nicht mehr dorthin zurück. Er war 16. Wenn man so will der "angeheiratete" Cousin meines Vaters. 

Ich nehme also an, dass zumindest Marie und Franz an diesem Tag in der Kirche waren. Zusammen mit sehr vielen anderen. 




Montag, 13. September 2021

Tour de Force Teil 2: Batterie Todt

 Am Ärmelkanal in der Nähe von Calais, um genauer zu sein: in einem Örtchen namens Audinghen am Cap Gris-Nez (was soviel wie "Graunase" bedeutet) liegt ein Überbleibsel der Nazis. "Überbleibsel" klingt eigentlich viel zu niedlich, denn die Batterie Todt ist eins der sieben größten Bauwerke, die die Nazis bis heute in Frankreich hinterlassen haben. Früher hieß die Batterie ganz germanisch "Siegfried", aber das hat man 1942 geändert, nachdem Fritz Todt, seines Zeichens "Reichsminister für Bewaffnung und Munition" (wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, bin ich heilfroh, dass wir heute stattdessen ein Verteidigungsministerium haben) bei einem Flugzeugabsturz nahe der Wolfsschanze ums Leben gekommen war.  

Ich weiß bis heute nicht, ob man den Namen "Todt" mit kurzem oder langem "o" spricht. Ist da vielleicht Nomen auch Omen gewesen? 

Jedenfalls war Fritz Todt nicht nur der mit den Autobahnen, sondern der Chef der "Organisation Todt", kurz OT. Das war ein paramilitärischer Bautrupp, der primär dazu da war, die militärischen Projekte der Nazis baulich umzusetzen, und zwar nicht nur am Westwall, sondern quasi überall, wo die Deutschen ungefragt eingefallen waren. Die eigentliche Schufterei beim Bau der verschiedenen Anlagen mussten oft genug Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge übernehmen. Nach Todts Tod wurde Albert Speer sein Nachfolger als Minister, die OT aber blieb unter dem alten Namen bestehen, bis sie im Oktober 1945 vom Alliierten Kontrollrat endlich verboten wurde. 

Von hier aus haben sie ab September 1941 mit vier 38-cm-Schiffsgeschützen "Engeland" beschossen. Oder zumindest einen Teil davon, denn der Ärmelkanal ist an der Stelle ungefähr 30 km breit, und die Geschütze hatten eine Reichweite von bis zu 42 km. Für Dover und Folkestone hat es gereicht, aber für London nicht. Außerdem konnte man deutschen Kriegsschiffen wie der Scharnhorst beim Unternehmen Cerberus Feuerschutz geben. 

Heute ist die Batterie Todt ein Museum, das in privater Hand ist. Wenn man sich ungefähr eineinhalb Stunden Zeit nimmt, kann man sich drinnen und draußen umgucken (bei richtig gutem Wetter kann man auch die Kreidefelsen auf der englischen Seite des Ärmelkanals erkennen). Wir konnten sie höchstens erahnen. 

Weil der Bunker zur Küstenartillerie gehörte, die der Kriegsmarine unterstellt war, waren hier keine Soldaten abgestellt, sondern Matrosen. Die wurden auch nicht in einer Küche bekocht, sondern in einer Kombüse. 

Insgesamt gelingt es ganz gut, das Leben auf der Batterie darzustellen, auch wenn die deutsche Übersetzung manchmal ein bisschen drollig ist. Manche Sachen müssen aber auch gar nicht übersetzt werden, so wie der Briefkasten hier...

Selbst nach der Landung der Alliierten am D-Day ging der Beschuss Englands absurderweise noch weiter. Am 29. September 1944 waren es dann die Kanadier, dem Spuk ein Ende bereiteten. 

Mittwoch, 2. Juni 2021

Wenn Sterbeeinträge aufs Gemüt schlagen (Sterben in den 1950ern, Teil 1)

Wenn ich mir Sterbeeinträge aus den 1950ern vornehme, dann merke ich richtig, dass mir das auf die Stimmung schlägt. Nicht nur, weil ich ständig neue Dateien anlegen muss, weil seit 1945 einfach viele neue Familien (oder das, was noch von ihnen übrig geblieben ist) in Werther aufgetaucht sind, sondern wegen der Todesursachen

Ich meine dabei noch nicht einmal die derjenigen, die im Krieg geblieben sind, auf dem "Rücktransport von der Krim in die Heimat" verstorben oder in irgendeinem russischen Lager an Unterernährung verreckt sind. So schlimm das alles auch ist (und das ist es), das waren eben die Folgen des Krieges (ob die Menschheit daraus was gelernt hat, wird sich zeigen). Ich bin 1973 geboren und damit in einer Zeit aufgewachsen, als die Spuren des Zweiten Krieges in meinem direkten Umfeld nicht mehr offensichtlich waren, zumindest für mich als Kind nicht. Jemand, der zum Beispiel in Berlin oder Dresden aufgewachsen ist, könnte das durchaus anders sehen. Diese Todesursachen sind gefühlt weit weg und haben nichts mit mir direkt zu tun. 

Nein, ich meine die Todesursachen, die mit der Zeit immer genauer diagnostiziert werden konnten. Diverse Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Beispiel. Während "früher" die Leute an "Schlagfluss" oder einem "Herzleiden" gestorben sind, sind es plötzlich Aneurysmen und dekompensierte Herzklappenfehler. Am schlimmsten finde ich aber, dass nun auf einmal auch da steht, welche Art von Krebs die Leute hatten und wohin er schon gestreut hatte. Und das steht bei erschreckend vielen Menschen da. 

Sprich: Es könnte heute genauso gut da stehen. Bei meinen Lieblingsmenschen oder auch bei mir. Die "früheren" Todesursachen sind praktisch verschwunden. Wer stirbt heute schon noch an Auszehrung, Frieseln, Kinderschrecken, Pocken oder Schwindsucht? Keiner, zumindest hier nicht. Da guckt man mit einer gewissen Distanz drauf. Aber Herzinfarkte, Schlaganfälle und die unzähligen Arten von Karzinomen? Da guckt man drauf und fühlt die Einschläge unweigerlich näherkommen. 

Und man freut sich über jeden, der einfach nur nach einem langen und hoffentlich erfüllten Leben an Altersschwäche gestorben ist. 


Dienstag, 9. Juni 2020

Großonkels Sterbeeintrag

Das hier ist der Sterbeeintrag meines Großonkels Helmut Gehring. Standesamt Werther, Nr. 71/1943.

Der war mir so wichtig, dass ich ihn mir abfotografiert habe, als ich ihn letzte Woche im Archiv fand. Vor der coronabedingten Archivschließung war ich bei den Sterberegistern ja nur bis 1942 gekommen, und da war dieses Schätzchen hier noch nicht dabei, obwohl ich das Sterbedatum (15.07.1942) ja schon kannte. Ich musste mich also ein bisschen gedulden.

Erstaunlich finde ich Helmuts Sterbeeort:

"1,5 km westlich Solchose links der Straße (östlicher Kriegsschauplatz)". 

Ähem. Da ist wohl ein Fehler passiert, in Kombination mit einer einer Auslassung. Einen Ort namens "Solchose" gab es auf dem "östlichen Kriegsschauplatz" (wussten die Nazis eigentlich selbst nicht, wie sie die Länder nennen sollten, in die sie gerade einfielen?) nicht, und wenn ich mich nicht irre, auch sonst nirgendwo. Da sind wohl die "Kolchose" und die "Sowchose" irgendwie ineinandergerutscht... kann passieren. Trotzdem wird aber kein Ort genannt. Und Straßen und Kolchosen (und Sowchosen) gab es "im Osten" ja nun auch so einige... Ist aber auch egal, den Ort kannte ich ja schon aus dem Schreiben vom Volksbund.

Das war übrigens nicht Amtmann Ellerbrakes Schuld. Der hat nur abgeschrieben, was ihm gemeldet wurde, und zwar das hier:



Die Karteikarten stammen aus der Sammlung "Deutschland, im Kampf gefallene Soldaten, 1939 bis 1948", die im Mai bei ancestry hochgeladen wurde. Ich habe zwar selbst kein ancestry-Account, aber ein Forscherkollege aus den USA war so nett und hat mal für mich nachgeguckt (an dieser Stelle nochmal danke!). Er hat "meinen" Helmut Gehring auch direkt gefunden.

Ich nehme also mal an, dass man Herrn Ellerbrake nur die Informationen aus der unteren gelben Karte zur Verfügung gestellt hat.

Dass man in Berlin nicht unbedingt mit den westfälischen Ortsnamen vertraut war, zeigt sich übrigens daran, dass man Häger als zum "Kreis Haste" gehörend vermerkt. Nicht Haste - Halle!

Ich frage mich nur, warum der Eintrag im Sterberegister in Werther so spät erfolgte - rund elfeinhalb Monate nach Helmuts Tod. Lag es daran, dass die WASt (Wehrmachtsauskunftsstelle) wegen der vielen Toten komplett überfordert war? Oder hat man sich mit der Verwaltungsarbeit nicht gerade beeilt, um das "Deutsche Volk" nicht mit dem wahren Ausmaß dieses Angriffskrieges konfrontieren zu müssen? Die Nazis waren ja schließlich Meister der "fake news"... aber vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem. Zu Hause in Werther war man auf jeden Fall schon im September 1942 informiert, denn ansonsten hätte meine Oma Anneliese (Helmuts Schwester) ihren Sohn nicht auch Helmut genannt, sondern Peter.

Falls da draußen jemand ist, der sich mit der Wehrmacht auskennt: Lässt sich aus den WASt-Karten irgendetwas ableiten, das mir verrät, wie Helmut in den hintersten Winkel der heutigen Ukraine kam? Und durch was er einen Volltreffer bekommen hat? 







Freitag, 8. Mai 2020

Was geschah am 8. Mai 1945?

Deutschland, Mai 2020: Das erste Mal seit Monaten beginnen die Nachrichten nicht mit der Corona-Pandemie. Sondern mit dem Zweiten Weltkrieg - oder besser gesagt: Mit seinem Ende. Das ist auch richtig so: Man sollte diesen Gedenktag nicht einfach untergehen lassen, auch nicht in einer Pandemie.

War es ein Tag der Befreiung? Mit Sicherheit (zumindest rückblickend), aber nicht nur. Ich würde so gerne wissen, wie meine Großeltern und Urgroßeltern - sofern sie denn am 08.05.1945 noch gelebt haben - diesen Tag erlebt haben und was sie gedacht haben. Waren sie erleichtert, dass der Krieg vorbei war? Oder sahen sie zuerst nur die Niederlage? Freuten sie sich auf zu Hause? Hatten sie Angst, was jetzt kommen würde? 

Oder hieß es, "Das ist jetzt auch egal, die Amis sind ja schon da..."?

Und wie und wo haben sie von der Kapitulation erfahren? Meine Großmütter werden in Halle bzw. Werther gewesen sein. Stand irgendwo ein "Volksempfänger", um deren alle herumsaßen? Oder kam jemand durch die Straßen gerannt, der schrie: "Es ist vorbei, wir haben kapituliert?"

Das sind Fragen, auf die ich keine Antworten bekommen werde. Tagebücher aus dieser Zeit gibt es nicht. Meine Eltern können bzw. konnten sich nicht mehr daran erinnern - meine Mutter nicht, weil sie erst danach geboren wurde, und mein Vater nicht, weil er da mal gerade zweieinhalb war. Meine Großeltern haben mit mir nicht über diese Zeit gesprochen, wie so viele aus dieser Generation.

Wen sollte ich also fragen? 








Dienstag, 7. April 2020

Vier von fünf: Die Kisker-Brüder aus Theenhausen

Es kann nicht immer Corona sein... das dachten sich wohl auch die Macher der Lokalzeit OWL. Letzten Freitag gab es einen Beitrag über die Kisker-Brüder aus Theenhausen. Es waren ursprünglich fünf, und dann kam der Zweite Weltkrieg. Nur einer der fünf kam wieder zurück. Meine Güte.

Hier ist der Link zum Beitrag:

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit-ostwestfalen-lippe/video-lokalzeit-owl---568.html

Der Beitrag beginnt ungefähr bei Minute 19.

Für mich war es wieder einer dieser Gänsehautmomente, in denen reine Daten Gesichter bekommen. Übrigens sehr ähnliche Gesichter - ich hatte ja schon einmal etwas über die Familienähnlichkeit bei den Schwentkers geschrieben, und wenn man sich die Brüder so anguckt, dann ist ihre Ähnlichkeit untereinander auch nicht wegzudiskutieren...

Im Stadtarchiv in Werther gibt es ein Buch, in dem die Kriegsopfer des Amtes Werther von 1939-1945 mit Geburts- und Sterbedaten aufgeführt sind. Herausgegeben wurde es vom "Krieger-Verein Werther" im Jahr 1958. Die vier Kisker-Brüder stehen auch drin, direkt untereinander. Willi Kisker, der älteste von den vieren, ist am 11.11.1918 geboren. An diesem Tag wurde der Waffenstillstand von Compiégne beschlossen, der die Kampfhandlungen des 1. Weltkriegs beendete. Was für eine bitterböse Ironie.

Ich finde den Beitrag auch deshalb sehenswert, weil er ziemlich gut aufzeigt, was eine solche Tragödie für die überlebende Familie bedeutet.

Familiengeschichten sind manchmal eben auch Geschichten, die einfach erzählt werden müssen. Damit sie sich nicht wiederholen können. 

Deshalb: Erübrigt die paar Minuten und guckt Euch den Beitrag in Ruhe an. Er ist es wert. 

Sonntag, 11. Februar 2018

Panzerjägerabteilung 306 und Infanterie-Regiment 670 und 371. Infanterie-Division...

Es freut mich immer, wenn ich auf mein Blog hier Rückmeldungen bekomme, und vor allem natürlich, wenn sie in direktem Zusammenhang mit den Fragen stehen, die ich hier aufwerfe. Deshalb noch einmal zurück zu Helmut Gehring... 

Ich weiß nun, dass er in Brügge in der Panzerjägerabteilung 306 war, bevor er an die Ostfront verlegt wurde. Diese Information stammt von jemandem, der mit ihm dort war, und der seine Eltern (also meinen Urgroßvater und meine Urgroßmutter) nach Helmuts Tod geschrieben hat und davon berichten konnte, weil er in derselben Kompanie war. Dieser Brief wurde am 24.09.1942 geschrieben (genau am Geburtstag meines Vaters, was für eine Ironie) und endet mit "So grüße ich Sie fern der Heimat aus dem Raume Stalingrad".

Wenn man das liest, wird's einem doch ein bisschen anders. 

Was der Brief auch noch hergibt, das ist natürlich die Feldpost-Nummer des Schreibers, in diesem Fall die 07877. Nach diesen Feldpostnummern kann man zum Beispiel über das Deutsche Rote Kreuz suchen. Für die Nummer 07877 ergibt sich dabei das Infanterie-Regiment 670.

Dieses Regiment wurde im März 1942 in Belgien aufgestellt und gehörte dann wohl zur 371. Infanterie-Division. Ab dem 9. Juni 1942 ging es per Eisenbahn nach Kischinewk, was mir so gar nichts sagte, so dass ich es erstmal wikipedieren musste. Kischinewk heißt heute Chisinau und ist die Hauptstadt der Republik Moldau. Was ich so im Netz über Chisinau lese, macht mich nochmal eine Runde fassungsloser: Massenerschießungen von Juden unter der deutsch-rumänischen Besetzung im Sommer 1941; die Zahl der insgesamt dort ermordeten Juden wird laut Wikipedia auf ungefähr 10.000 geschätzt.

Uff. Das ist also die Atmosphäre, in der Helmut Gehring dann landete. Da fragt man sich unweigerlich, wieviel er davon mitbekommen hat. Aber darauf werde ich wohl nie eine Antwort bekommen.

Es sollte nicht dabei bleiben: Ab Chisinau wurde marschiert. Am 5. Juli begann der Vormarsch auf Woroschilowgrad.

Ab da ging es dann ohne Helmut Gehring weiter.

Im November 1942 wurde man der 6. Armee unterstellt. Und was mit der in Stalingrad passierte, das ist ja nun bekannt.

Diese ganze Recherche nach den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg finde ich nicht ganz einfach, zumal mir gleichzeitig bewusst wird, wie wenig ich in der Schule zu diesem Thema gelernt habe (vielleicht hätte ich ja doch den Geschichts-LK nehmen sollen? Dann wäre ich jetzt eventuell etwas klüger). Ich habe einfach keine Lust, auf den "falschen" Seiten zu landen und "alternativen Fakten" aufzusitzen. Wenn es also noch jemanden da draußen gibt, der mir mehr davon erzählen kann...?   

Dienstag, 1. Dezember 2015

Was wurde aus Helmut Gehring?

Ich wusste, dass Großonkel Helmut Gehring, Bruder meiner Oma Anne, geboren am 9. Oktober 1916 in Häger 33, Mitte 1942 in "Russland" gefallen war. Das hier ist das beste Foto, das ich von ihm finden konnte, wobei ich mich frage, wo und bei welcher Gelegenheit es aufgenommen wurde:



Im Jahr 2011 habe ich dann einfach mal auf gut Glück eine Online-Anfrage beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. gestartet.

Das hier kam dabei heraus:




Zum besseren Verständnis, wo sich das Ganze abgespielt hat, hat man mir netterweise auch noch gleich einen Ausdruck von google maps mitgeschickt: 


Wenn in der Familie immer erzählt wurde, dass Helmut in "Russland" geblieben wäre, dann muss man den Satz in der Retrospektive korrigieren: Altschewsk gehört heute zur Ukraine. 

Von Militärgeschichte und dem Aufbau der Wehrmacht habe ich leider immer noch relativ wenig Ahnung. Vielleicht gibt es ja aber da draußen einige Cracks, die mir etwas über sein Regiment erzählen können? 

Auch ansonsten weiß ich über Helmut nicht allzu viel, leider. Von seinem kleinen Bruder Fritz habe ich noch ein paar Briefe und Karten, die er im Krieg an Anne geschickt hat, aber von Helmut habe ich - nichts. 

Helmut war 25, als er fiel. Mit vollem Namen hieß er Hermann Wilhelm Helmut (der erste Helmut in der Familie, wenn ich mich nicht irre). Im Jahr 1938 war er Müllergehilfe, wie ich aus dem Wertheraner Adressbuch weiß. Es kann also gut sein, dass er die Mühle seines Vaters übernommen hätte, wenn er diesen verfluchten Krieg überlebt hätte. Verheiratet war er nicht, soviel ist klar, aber hatte er vielleicht eine Freundin, die auf ihn wartete? Man weiß es nicht, und ich werde es wahrscheinlich auch nie erfahren, eben weil alle Geschwister schon tot sind und es deshalb keinen gibt, den ich noch fragen könnte. 

Ich meine, dass ich mal einen Brief gesehen hätte, in dem stand, dass Helmut auf irgendeinem Platz einen Kopfschuss bekommen hätte, zusammen mit einem Kameraden Namens Kraak. Ich weiß nicht mehr, wer den besagten Brief geschrieben hat, glaube aber mich zu erinnern, dass es die offizielle Todesmitteilung war (von der ich natürlich keine Kopie habe). Irgendwer hat mir zu Anfang meines Forscherdaseins auch erzählt, dass Helmut zuerst in Brügge gewesen sein soll, bevor er gen Osten abkommandiert wurde, aber ich war damals so dämlich und habe mir nicht aufgeschrieben, von wem diese Information kam. 

Meine To-Do-Liste kann ich also um die folgenden Aufgaben ergänzen: 

  • Helmuts standesamtlichen Sterbeeintrag einsehen 
  • mir eine Kopie der offiziellen Todesmitteilung besorgen 
  • bestätigen oder widerlegen, dass Helmut zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Brügge/Belgien war (aber wie?) 
  • Helmuts Taufeintrag einsehen, um herauszufinden, wer seine Paten waren 
  • im Wertheraner Kirchenbuch nach Helmuts Sterbeeintrag suchen (lassen)



Donnerstag, 25. Juni 2015

Martha, Wilhelm und das schwarze Kleid

Dieses Foto steht gerahmt in meinem Bücherregal. Es wurde heute vor 75 Jahren aufgenommen, am 25. Juni 1940.


Meine (zukünftige) Großmutter, Martha Hauffe, heiratete meinen (ebenso zukünftigen) Großvater Wilhelm Sickendiek, und zwar zu Hause in Halle (Westf.).

Selbstverständlich war das nicht, denn Wilhelm, damals 25 Jahre alt, war Soldat, wie man an der Uniform unschwer erkennen kann. Auch Martha, damals gerade einmal 21, hätte wohl lieber in einem weißen anstatt in einem schwarzen Kleid geheiratet, aber es ging nun mal nicht anders, denn die beiden hatten keine monatelange Vorlaufzeit, um Hochzeit, Feier und Kleid zu organisieren: Sie waren darauf angewiesen, dass Wilhelm ein paar Tage Urlaub bekam. Im Juni 1940 war es dann soweit, und alles musste dementsprechend sehr schnell gehen. Das schwarze Kleid war das beste, das sie finden konnte.

Ich kann mir nicht helfen, aber dieses Foto erinnert mich immer daran, was wirklich wichtig ist. Es bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wichtig für diese beiden war an jenem Tag vor 75 Jahren nicht wirklich, dass Frankreich kurz zuvor im Frieden von Compiègne offiziell gegenüber Deutschland kapituliert hatte und der Waffenstillstand an diesem Tag in Kraft trat, oder dass es vielleicht nicht das Kleid ihrer Träume war und es keine große Party gab, sondern dass sie beide genau zu dieser Zeit an diesem Ort gemeinsam vor dem Standesbeamten erscheinen konnten.

In solch einer Situation setzt man Prioritäten. Da kommt es auf die Farbe des Kleides nicht an.

Wenn man sich die Fotos von heutigen Brautpaaren anguckt, dann strahlen Braut und Bräutigam in den allermeisten Fällen um die Wette, und eigentlich sollte es ja auch sein. Martha und Wilhelm sehen dagegen so aus, als guckten sie etwas unsicher und sorgenvoll in die Zukunft, was ja auch nicht wirklich verwundert, oder? Sie konnten zu diesem Zeitpunkt ja schließlich noch nicht einmal wissen, ob vor allem Wilhelm aus dem Krieg zurückkommen würde.

Wilhelm hat den Krieg überlebt, und er kehrte auch direkt danach nach Halle zurück. Die Ehe hielt insgesamt knapp 46 Jahre, bis zu Marthas Tod im März 1986. 

Alles Liebe zur Kronjuwelenhochzeit, Oma und Opa!






Samstag, 2. Februar 2013

Tyskerbarna - Deutschenkinder

Für alle diejenigen, die sich gewundert haben, dass ich in den beiden letzten Januarwochen so wenig habe von mir hören lassen: Ja, ich war tatsächlich im Urlaub...

... und zwar in Norwegen. Zuerst ging es mit der Fähre nach Oslo. Schon allein die morgendliche Fahrt durch den Oslofjord war herrlich!


Nach zwei Tagen in der norwegischen Hauptstadt ging es dann weiter gen Norden nach Geilo zum Vikingtreffet 2013. Für alle, die damit nichts anfangen können: Es handelt sich um ein Offroader-Treffen - Geländefahren im Schnee. Und die Runden auf dem zugefrorenen See am Dagali Flyplass sind last not least auch kein schlechtes Training für das Fahren auf Glatteis auch in heimischen Gefilden...

Ja, das ist die Genealogin am Steuer dieses niedlichen kleinen Vehikels.


Gut, dieser Trip als solcher hatte wenig mit Genealogie zu tun. Trotzdem hat er mich in einem Punkt nachdenklich werden lassen:  
Wie steht es eigentlich mit den deutsch-norwegischen Familienbeziehungen? 

Heute kommen wir Deutschen ja in Frieden, und zwar entweder, um uns dieses wirklich wunderschöne Land aus dem touristischen Blickwinkel anzugucken oder auch um dort zu arbeiten. Wir bekommen in den Medien ja auch oft das Bild von den glücklichen Skandinaviern mit ihren tollen Sozialsystemen und der offenen Gesellschaft vermittelt. Und inzwischen wird man als Deutscher auch nicht mehr schief angeguckt - es wurden uns jedenfalls keine rechten Arme entgegegengereckt. Alles in Allem kann ich einen Urlaub in Norwegen wirklich jedem empfehlen.

Die Beziehungen waren jedoch nicht immer so entspannt.

Vom April 1940 bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 war Norwegen von der deutschen Wehrmacht besetzt. Und wie immer, wenn ein Land das andere besetzt, so kommen sich auch die Menschen näher. Manchmal freiwillig, manchmal zwangsweise, manchmal auf einer Ebene, die sich nicht so einfach definieren lässt, sondern irgendwo dazwischen liegen dürfte.

Aus diesen deutsch-norwegischen Begegnungen und Beziehungen entstanden naturgemäß auch Kinder, und zwar nicht gerade wenige. Nach Schätzungen wurden in dieser Zeit bis zu 12.000 Kinder gezeugt, davon 8.000 im Rahmen des Lebensborn-Programms. Auch in Geilo wurde ein Lebensborn-Heim mit Betten für 60 Mütter und 20 Kindern betrieben. (Quelle: wikipedia).

Man kann sich also vorstellen, dass die Familienforschung damit vor gewisse tatsächliche Probleme gestellt wird. Die "Tyskerbarna" ("Deutschenkinder") und ihre Mütter (im Volksmund "Tykertoser" - also grob übersetzt "Deutschenflittchen" genannt) hatten es nun wirklich nicht leicht. Um noch einmal wikipedia zu zitieren:

"Nach dem Krieg wurden vor allem in Norwegen eine große Anzahl dieser Kinder misshandelt, sexuell missbraucht, psychiatrisiert und zwangsadoptiert, was nicht wenige in den Suizid getrieben hat. In Norwegen attestierte ein Oberarzt allen „Deutschkindern“ aus den Lebensbornheimen nach Ende der Okkupation kollektiv die Diagnose „schwachsinnig und abweichlerisches Verhalten“. Die Begründung: Frauen, die mit Deutschen fraternisiert hätten, seien im Allgemeinen „schwach begabte und asoziale Psychopathen, zum Teil hochgradig schwachsinnig“. Es sei davon auszugehen, dass ihre Kinder dies geerbt hätten. „Vater ist Deutscher“ genügte zur Einweisung. Teilweise waren sie auch medizinischen Versuchen mit LSD und anderen Rauschgiften ausgesetzt. Ihre Ausweispapiere wurden vernichtet, gefälscht oder bis 1986 als „Geheimmaterial“ zurückgehalten."

Man kann es sich heute schon fast nicht mehr vorstellen, oder? Das Bild, das wir heute von der norwegischen Gesellschaft haben, ist eben doch ein völlig anderes. Und das ist auch gut so.

Was bedeutet das nun für die Familienforscher? Nun, zum einen eine gewisse Ungewissheit auf beiden Seiten.

Es wird sicherlich auch heute noch in Deutschland einige Menschen geben, deren Väter im 2. Weltkrieg in Norwegen stationiert waren und damals Kinder gezeugt haben, ohne dass es die Familie zu Hause im Einzelnen - wenn überhaupt - erfahren hat. Es könnten also noch immer bislang unbekannte Halbgeschwister oder norwegische Cousins und Cousinen vorhanden sein.

Auch auf der norwegischen Seite dürfte die Familienforschung verkompliziert werden, zum einen, weil - wenn man wikipedia folgt - ein Teil der Ausweispapiere unbrauchbar gemacht bzw. vernichtet wurde. Gleichzeitig sind auch in Deutschland viele Akten aus dem 2. Weltkrieg durch die Bomben auf Berlin kurz vor Kriegsende unwiederbringlich vernichtet worden, so dass es schwierig sein dürfte, nachzuvollziehen, welcher "Hans Müller" oder "Fritz Schmidt" denn nun tatsächlich der biologische Vater gewesen ist. Hier sehe ich einen sinnvollen Einsatz für die DNA-Technologie, die vor einer Generation ja noch gar nicht zur Verfügung stand.

Und da soll noch jemand sagen, dass die forensische Genealogie keine Herausforderungen bietet?