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Freitag, 20. Oktober 2023

Krupps Mariechen

Katharine Marie Schwentker, geboren am 18.07.1867 in Wallenbrück Nr. 33, war die älteste Schwester meines Urgroßvaters Hermann Heinrich Schwentker. Zwischen den beiden lagen ungefähr fünfeinhalb Jahre, und während die Erinnerung an Uropa Schwentker zumindest bei meinem Vater noch ziemlich lebendig war, ist Marie im Laufe der Jahre zumindest in unserem Zweig der Familie in Vergessenheit geraten. Es ist also an der Zeit, das zu ändern. 

Als Marie am 9. Juni 1894 in Wallenbrück den Fabrikarbeiter Peter Heinrich Rottmann aus Bardüttingdorf heiratete, wohnten die Schwentkers schon nicht mehr in Wallenbrück Nr. 33, sondern in Bardüttingdorf Nr. 13. Als Beruf ist bei Marie "Dienstmagd" angegegeben. Bei beidem sollte es nach der Heirat nicht bleiben. 

Heinrich Rottmann lebte bereits 1894 als Fabrikarbeiter in Essen, und dorthin zog dann nach der Hochzeit auch Marie. Die beiden lebten im Stadtteil Segeroth in der Schlenhofstraße Nr. 64

Das ist eine Adresse, die heute nicht mehr existiert, auch wenn es die Schlenhofstraße als solche noch gibt. Heute liegt sie in direkter Nähe der Universität Duisburg-Essen und läuft parallel zur Gladbecker Straße. Damals aber war das eine Gegend, in der die Mietskasernen ungeordnet wie Pilze aus dem Boden schossen, um die ganzen Zuwanderer, die durch die immer weiter fortschreitende Industrialisierung nach Essen kamen, irgendwie unterzubringen. Die Belegung wurde immer dichter. Auf der Homepage der Stadt Essen finde ich die Angabe, dass im Segeroth 1886 ungefähr 8.000 Menschen lebten, 1930 waren es schon 40.000. Diese Enge kann man sich heute kaum noch vorstellen. In vielen dieser Mietskasernen - von denen ein guter Teil von Krupp gebaut worden war -, wohnten Arbeiter, die dann auch in der Kruppschen Gusstahlfabrik beschäftigt waren, die den Segeroth nach Westen begrenzte. Schon Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten bei Krupp über 20.000 Menschen. Im Norden des Segeroth lag der Friedhof. Bei wikipedia finde ich die folgende Beschreibung: 

"Segeroth bot den Vorteil des nahen Arbeitsplatzes, eine billige Wohngelegenheit und vermied Auseinandersetzungen mit der angestammten, eher kleinstädtischen Bevölkerung, da man hier unter sich war. Bei meist herrschendem Westwind kamen Ruß und Staub der nahen Gussstahlfabrik direkt ins Viertel, was die Wohnqualität massiv beeinträchtigte. Auch wenn die Miete günstig war, mussten einige Mieter diese mit der Aufnahme von Schlaf- und Kostgängern aufbringen. Naturgemäß war die Mehrzahl der Zuwanderer ledige Männer, was in Folge die Prostitution im Viertel begünstigte."

Was für ein Unterschied zum beschaulichen Wallenbrück!

Der Segeroth am Güterbahnhof um 1930, gefunden auf der Homepage des HV Essen, (c) Amt für Geoinformationen, Vermessung und Kataster der Stadt Essen
 

Marie muss ziemlich direkt nach der Hochzeit schwanger geworden sein. Das weiß ich, weil sie am 28.03.1895 mittags um halb 12 von einem totgeborenen Sohn entbunden wurde. 

Es sollte noch schlimmer kommen: Marie hat die Geburt nicht überstanden; sie starb nur fünf 1/4 Stunden später, und zwar laut ihrem Eintrag im Essener Sterberegister im "Krupp'schen Lazareth"

Im Jahr 1870 hatte Alfred Krupp in direkter Nähe seines Firmengeländes ein Barackenlazarett errichtet, in dem nicht nur seine Belegschaft behandelt werden konnte, sondern auch Verwundete des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871. 1872 erteilte die Preußische Regierung dann die offizielle Konzession zum Betrieb eines Krankenhauses für Kruppschen Arbeiter in den Gebäuden dieses ehemaligen Lazaretts. Im Dezember 1886 wurde die Konzession noch einmal erweitert; in zwei kurz danach errichteten Pavillons konnten nun auch Frauen und Kinder aufgenommen werden. Es gab 52 Betten, und einem dieser Betten starb Marie. Sie wurde nur 27 Jahre alt.

Das sind die Gründe, weshalb ich sie als "Krupps Mariechen" im Kopf habe. Ich nehme stark an, dass Heinrich bei Krupp gearbeitet hat, obwohl ich das (noch) nicht belegen kann, aber alle Indizien sprechen nun einmal dafür. Hat schon mal jemand Erfahrungen mit dem Kruppschen Firmenarchiv gesammelt?  

Freitag, 24. März 2023

Marthas Erbe

 

Ich habe noch ziemlich viele Fotos von meiner Oma mütterlicherseits, Martha, aber eigentlich nur dieses eine, auf dem sie a) noch ziemlich jung ist und b) auch noch in die Kamera lacht. Es muss ungefähr von 1949 sein. Leider ist das Original im Laufe der Jahre ein paar Mal geknickt worden, was man auf dem Scan hier auch ziemlich gut erkennen kann. Und leicht unscharf ist es auch noch... 

Trotzdem, es ist eins meiner Lieblingsfotos. 

Heute ist es 37 Jahre her, dass Martha gestorben ist. Scheiß Krebs. Wie so oft. Obwohl sie ihr Leben lang in Halle gewohnt hatte (und ich bin immer noch dabei, nachzuvollziehen, wo sie von wann bis wann gewohnt hat - ich muss mir wirklich mal die Haller Meldekartei vornehmen!), hat Martha ihre letzten Tage in Werther im Krankenhaus verbracht. Aus irgendeinem Grunde hat sie einen Bogen um das Haller Krankenhaus machen wollen. Ironischerweise bedeutet das gleichzeitig, dass sie in Werthers Gedächtnis auftauchen wird, wenn ich dann mal irgendwann bei den Sterbeeinträge von 1986 angekommen sein werde (was bei meinem momentanen Tempo noch ziemlich lange dauern kann). 

Ich kann mich zwar noch gut an diesen Tag vor 37 Jahren erinnern, aber noch lieber erinnere ich mich an die lebendige Martha mit ihrem Faible für Tosca, die in ihrem Garten im wild gemusterten Kleid bei einem Kaffee in der nicht weniger wild gemusterten Hollywoodschaukel sitzt. Warum hat man heute eigentlich keine Hollywoodschaukeln mehr? 

Es ist komisch, aber wenn ich so auf dieses Foto starre, dann kommen mir zwei Gedanken: Zum einen, dass meine Mutter, je älter sie auf dem Papier wird, ihrer Mutter immer ähnlicher sieht, vor allem wenn sie lacht. Das ist mir früher nie aufgefallen. Und zum anderen, dass ich meine welligen, unkontrollierbaren Haare wahrscheinlich von Martha geerbt habe. Sogar die Farbe scheint  einigermaßen zu passen, denn ich bin in den letzten Jahren erheblich nachgedunkelt (die vereinzelten grauen Haare ignoriere ich jetzt mal geflissentlich). Im Grunde bin ich ja ein weibliches Abbild meines Vaters mit der typischen Schwentker-Schnute, aber es ist ein schöner Gedanke, dass sich dabei auch ein Feature von Martha erhalten hat...

Freitag, 4. Februar 2022

Fremdbetreutes Sterben

Bis 1874 starb man in Werther grundsätzlich zu Hause, versorgt von den Angehörigen. Ausnahmen gab es - logischerweise - eigentlich nur bei unnatürlichen Todesfällen, und selbst dann nicht immer. 

Wer keine Angehörigen hatte, wurde oft "umgelegt". Das ist jetzt im Sinne von "verlegt" zu verstehen, denn es gab tatsächlich ein System, nach dem pflegebedürftig gewordene Mägde und Knechte, die lange Zeit treu gedient hatten, auf den Höfen der jeweiligen Bauerschaft für eine Weile versorgt wurden, bis sie dann auf den nächsten Hof verlegt wurden. Der Transport war eher einfach gehalten und mit einem Krankenwagen, wie wir ihn heute kennen, kaum zu vergleichen: Die Person wurde zum Beispiel auf Kissen gebettet auf eine alte Tür gelegt, die dann wiederum auf einem mit Stroh gefüllten Wagen gehievt wurde, und dann ging es über eher holprige Wege und Straßen von einem Hof zum anderen. 

Dieses System änderte sich erst 1875, als Werther sein erstes und noch ziemlich kleines Siechenheim bekam.

aus "100 Jahre Krankenhaus Werther" (Pfarrer Werner Lohmann)

Plötzlich finden sich in den Sterberegistern und Kirchenbüchern Menschen, die "im Pflegehause Arrode 13" oder "im St. Jacobi Stift" gewohnt haben und auch dort gestorben sind. Der erste von ihnen war der Heuerling (so steht es jedenfalls im Kirchenbuch; im standesamtlichen Sterberegister finde ich ihn als Tagelöhner) Jobst Heinrich Giesselmann aus Werther, der am 12. Januar 1875 an Altersschwäche starb - mit gerade einmal 72 Jahren. Er hatte übrigens noch Angehörige, die ihn theoretisch hätten pflegen können, denn immerhin vier seiner nach meiner bisherigen Zählung acht Kinder lebten noch, nämlich ein Sohn und drei Töchter.

Weshalb sich die Kinder dafür entschieden haben, ihren Vater ins Heim zu geben, wird wohl für immer ungeklärt bleiben, aber warum sollte es den Menschen damals anders gegangen sein als heute? Zeit- und Platzmangel gab es auch damals schon, auch wenn wir heute wahrscheinlich andere Maßstäbe anlegen, und ich bin auch davon überzeugt, dass nicht jeder dafür gemacht ist, andere Menschen zu pflegen, vor allem nicht ihre nächsten Angehörigen in deren letzten Tagen. Das ist etwas, das wir auch heute noch oft unterschätzen. 

Insofern dürfte dieses kleine Haus, aus dem sich später an gleicher Stelle ein "richtiges" Krankenhaus entwickeln sollte, für viele Wertheraner eine große Erleichterung bedeutet haben.