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Freitag, 12. August 2022

Kennenlerngeschichten

Unser 6. Hochzeitstag - ab heute gehen wir offiziell ins sprichwörtliche verflixte siebte Jahr. Obwohl... zählt das eigentlich, wenn man vor der Ehe schon zwanzig Jahre zusammen war? 

In der Tageszeitung lese ich immer gerne die Artikel über die Gold- und Gnadenhochzeiten, weil da meist auch drinsteht, wie sich die Leute kennengelernt haben. Einen solchen Artikel wird es altersbedingt bei uns wohl nicht geben, aber wenn es ihn gäbe, dann würde der geneigte Leser erfahren, dass wir uns auf dem Brockhagener Dorfgemeinschaftsfest über den Weg gelaufen sind, und zwar 1992. Drei Jahre später waren wir dann zusammen. Das Ironische an der Sache ist: Auch vor 1992 habe ich meinen jetzigen Göttergatten schon sehr oft gesehen, denn wir waren auf derselben Schule, dem KGH. Kreisgymnasium Halle (Westf.). Er eine Stufe über mir. Vom Sehen kannte ich ihn schon, als ich 10 Jahre alt war. Wir hatten aber einen unterschiedlichen Freundeskreis und überhaupt nichts miteinander zu tun. 

Wenn ich über meinen Forschungen sitze, dann frage ich mich immer mal wieder, wie diese ganzen Paare eigentlich aufeinander getroffen sind. Bei meinen Eltern weiß ich ungefähr, wie sie sich kennengelernt haben, aber schon bei meinen Großeltern kann ich nur spekulieren. Bei denen, die in einer Stadt gewohnt haben, kann man sich denken, dass man sich mal irgendwo über den Weg gelaufen ist. Vielleicht stand man ja mal beim Bäcker nebeneinander in der Warteschlange? Oder saß in der Kirche nebeneinander? Und was ist mit den anderen? Vor allem in der Zeit, als man noch nicht mobil war und jede Ortsveränderung von auch nur 10 Kilometern eine größere Planung erfolgte? Gab es eigentlich eine Art "Heiratsmarkt" für Colonsöhne und -töchter? Dass es gerade in diesem Segment nicht immer Liebes-, sondern oft erstmal Zweckehen waren, ist mir klar, warum also das ganze nicht systematisch angehen? 

Aber was ist mit meinen ganzen Heuerlingen, den Arbeitern und den Selbstständigen? Die waren in der Wahl ihrer Ehegatten zumindest etwas freier. Aber auch die müssen sich ja mal irgendwo kennengelernt haben. Meine Vermutung ist, dass sich viele schon als Kinder gekannt haben. Über Ur-Opa und Ur-Oma habe ich zum Beispiel hier ja schon ziemlich ausführlich berichtet. 

Schön ist es natürlich, wenn nicht nur Ahnungen oder Spekulationen aufweisen kann, sondern auch Quellen. Das können Tagebücher sein, so sie denn die Zeit überdauert haben, oder eben auch diese Zeitungsartikel, die ich oben schon erwähnt habe. Auch die älteren Leute wissen noch ziemlich viel, wenn auch oft nicht mehr alle Details. Vielleicht finden sich aber auch andere Verbindungen, die nicht ganz so offensichtlich sind. Vielleicht hatte ja der Bruder der Braut zusammen mit dem Bräutigam gedient? Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang nicht nur das einzelne Individuum zu betrachten, sondern auch seinen Umkreis. Auch wenn es mehr Mühe macht. 

Deshalb: 

Wenn man weiß, wie sich zwei Leute getroffen haben, dann sollten wir Forscher es auch für die Nachwelt festhalten, und sei die Geschichte auch noch so trivial. Es macht die Lebensläufe einfach runder. 

Donnerstag, 25. November 2021

Hermann Peter Heinrich Schwentker (1908-1966)

Heute vor genau 55 Jahren, ist mein "anderer" Großvater gestorben, Hermann Peter Heinrich Schwentker. Mein "anderer" Großvater deshalb, weil ich ihn nie kennengelernt habe. Hätte ich aber gerne, denn irgendwie habe ich Probleme, mir eine Vorstellung von ihm zu machen.

Hermann war am 15. Februar 1908 in Werther Nr. 203 geboren worden, als Sohn des Maurermeisters Hermann Heinrich Schwentker und dessen Frau Marie Elisabeth Heidemann. Er war das dritte Kind der beiden und ihr einziger Sohn, also war schon früh vorprogrammiert, dass er einmal das Baugeschäft an der Engerstraße weiterführen sollte. Bis er das alleinige Sagen hatte, musste er allerdings noch bis zum Tod seines alten Herrn im Jahr 1957 warten, denn Uropa Hermann ging auch im hohen Alter abends immer noch durch sämtliche Räumlichkeiten, um zu gucken, dass ja auch alle Lichter aus waren. 

Das hier ist eindeutig mein Lieblingsfoto von ihm, weil er da so dynamisch rüberkommt. Und diese Haare! Ich weiß nicht, warum er sie immer nach oben gekämmt hat, aber das scheint er ja, wenn ich mir das Foto oben so angucke, schon seit seiner Jugend so gemacht zu haben. 

1940, also mit 32 Jahren, hat Hermann das erste Mal geheiratet, und zwar meine zukünftige Großmutter Anneliese Gehring. Die Geschichte wiederholte sich: Auch diese beiden hatten "nur" einen Sohn, der dann auch Maurermeister wurde: Mein Vater. Der hat von seinem Vater - im Gegensatz zu vielen anderen seiner Generation - auch tatsächlich etwas gehabt, denn Hermann hat den Zweiten Weltkrieg lebend überstanden. Wohin genau man ihn abkommandiert hatte, weiß ich allerdings nicht. Es wird Zeit, da noch ein bisschen zu forschen. 

Auch im mittleren Alter - die Frisur saß... 

Mit Annelieses Tod am 13. August 1962 wurde Hermann dann Witwer. Ich weiß nicht, ob er da schon ahnte, dass ihm auch nicht mehr allzu viel Zeit bleiben würde. 

Was ich aber weiß, ist, dass er vorher noch einmal geheiratet hat, nämlich die Frau, die ich als Kind noch als "Tante Erna" kennengelernt habe. In der Familie wurde erzählt, dass man sich auf der Hengstparade in Warendorf näher kennengelernt hatte, aber bestätigen konnte ich diese Annahme bis jetzt noch nicht. Um die genauen Daten dieser zweiten Hochzeit zu erfahren, musste ich auch tatsächlich im Personenstandsregister forschen, denn die beiden sind quasi "durchgebrannt" und haben sich am 14. September 1966 in Langenholzhausen trauen lassen. Angeblich soll ein alter Freund Hermanns dort Standesbeamter gewesen sein. 

Was dann folgte, war wohl eine der kürzesten Ehen in Werthers Geschichte, denn sie dauerte nur genau zwei Monate und 11 Tage. Am 25. November 1966 starb Hermann dort, wo er geboren worden war: Im Haus an der Engerstraße. Nur, dass es nun nicht mehr "Werther Nr. 203" hieß, sondern "Engerstraße 25". Er starb im Sessel sitzend an Herzversagen, mit nur 58 Jahren. 

Donnerstag, 12. August 2021

Die oftmals unterschätzte Kunst der Ad-hoc-Hochzeit: Auch eine Familientradition!

Ich weiß noch genau, was ich heute vor fünf Jahren gemacht habe: "Ja" gesagt, im Haller Standesamt, mit ganz wenigen Leuten dabei und einem großen Hund. Ich weiß auch noch genau, wo ich gestern vor fünf Jahren war: Auch im Standesamt. Zur Vorbesprechung. Wir waren da etwas kurzentschlossen. Und als die Standesbeamtin sagte, dass sie nur noch am nächsten Tag da wäre und danach erstmal für diverse Wochen im Urlaub, da war es klar: "Ach, morgen passt. Elf Uhr ist in Ordnung!" 

Wir sind heute noch froh, dass wir es so gemacht haben, wie wir es gemacht haben. Kein Ins-Kleid-Hungern, keine Platzkärtchen, und keine Bedenken, ob unser Musikgeschmack denn auch mit dem unserer Verwandtschaft übereinstimmt. Über meinen Ehering habe ich hier ja schon einmal was erzählt. Und der befindet sich bis heute nicht ohne Grund an meinem Finger. 

Wenn ich aber so in meiner Familie über die Generationen zurückgucke, dann bin ich nicht die einzige, die Knall auf Fall geheiratet hat. Eine gewisse Tradition gibt es da in meiner Mütterlinie, wenn auch mit anderen Vorzeichen als bei mir. Die einzige, die eine "klassische" Hochzeit im weißen Kleid hatte, war wohl meine Mutter. In den Generationen vor ihr war es anders... 

Meine Großmutter: Martha Sickendiek geb. Hauffe

Ich hatte hier schon einmal etwas über Marthas Hochzeit mit Wilhelm geschrieben. Man schrieb das Jahr 1940, und Wilhelm war Soldat auf Heimaturlaub. Es musste also schnell gehen mit der Organisation. 

Wenn ich sie gewesen wäre, dann hätte ich wohl genau dasselbe gemacht: Nägel mit Köpfen. Wenn die äußeren Umstände schlimm sind, dann weiß man, was - und vor allem: wen - man festhalten will. Da akzeptiert man zur Not auch, dass der Mensch neben einem Uniform und Stiefel trägt. 

Bei den beiden hat es geklappt: Ehedauer 45 Jahre. 


Meine Urgroßmutter: Lina Hauffe geb. Ortmeyer 

Wieder ein Krieg, der bei der Hochzeit eine Rolle spielt, aber dieses mal der 1. Weltkrieg. Aber immerhin hat dieser Krieg erst ermöglicht, dass Lina ihren Willy kennengelernt hat. Ich glaube nämlich nicht, dass es ihn ansonsten aus Burg bei Magdeburg ausgerechnet nach Halle (Westf.) verschlagen hätte. 


Ich kann aber immer noch nicht genau sagen, wie und wann Willy nach Halle gekommen ist. Gesichert ist, dass er im zivilen Leben Kutscher war; diese Angabe findet man sowohl in seinem standesamtlichen Heiratseintrag als auch im kirchlichen. Was ich aber sagen kann ist, dass Willy im Januar oder Februar 1918 in Halle gewesen sein muss, denn Lina wurde am 25.10.1918 Mutter ihrer gemeinsamen Tochter, eben meiner Oma Martha. 

Die Heirat selbst gestaltete sich wohl etwas komplizierter, denn Willy war nach der Zeugung meiner zukünftigen Großmutter eben nicht in Halle geblieben. Die Familienlegende sagt, dass Lina sich deshalb nach Berlin aufmachte, um Willy zu finden. Der wirklich delikate Teil der Familienlegende sagt, dass die ganze Truppe antreten musste, damit Lina den "Missetäter" identifizieren konnte, weil sie seinen Nachnamen nicht kannte (und "Willy" bzw. Wilhelm waren zur Kaisers Zeiten ja wirklich sehr verbreitete Namen). Was an diesem Teil der Geschichte dran ist, kann ich beim besten Willen heute nicht mehr sagen. Ich kann mir die Szene aber lebhaft vorstellen... 

Fakt ist jedenfalls, dass Willy "rechtzeitig" wieder in Halle war: Am 4. September wurde geheiratet, sowohl standesamtlich als auch kirchlich. Im Traueintrag beim Standesamt hat Willy auch angegeben, "zur Zeit" in der Langen Str. 16 zu wohnen, also bei Lina und ihren Eltern. Das Hochzeitsfoto habe ich leider nicht, aber darauf hätte der Babybauch eigentlich ganz gut zu sehen sein müssen - so im 8. Monat... 

Willy war damals 22, Lina 23 Jahre alt. Ehedauer: 51 Jahre. 

Meine Ur-Ur-Großmutter: Minna Ortmeyer geb. Torweihe

Minna war aus meiner Sicht eigentlich diejenige, die in Sachen "Timing" den Vogel abgeschossen hat: 

Am 22.11.1892 wurde sie 24 Jahre alt. 

Am 25.11.1892 hat sie meinen zukünftigen Ur-Ur-Großvater Wilhelm Ortmeyer geheiratet. 

Am 27.11.1892 hat sie meine zukünftige Urgroßtante Martha zur Welt gebracht. 

Ein straffes Programm für eine Woche, oder? Zwischen Kirche und Kindbett kann sie nicht allzuviel Zeit gehabt haben. Und auch hier hätte ich liebend gerne mal ein Hochzeitsfoto gesehen. 

Wilhelm war zu diesem Zeitpunkt übrigens 25 Jahre alt. Ehedauer: 37 Jahre. 

Und was sagt mir das? 

Nun ja, zum einen, dass ich statistisch gesehen eine lange Ehedauer zu erwarten hätte. Wenn ich die Ehen meiner vier direkten Vorfahrinnen als Durchschnitt nehme, komme ich immerhin auf 45,75 Jahre. Allerdings waren meine Vorfahrinnen zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung im Schnitt auch erst 22 Jahre alt. Ich war 42 ;-) Mit den 45,75 Jahren könnte es also allein schon deshalb knapp werden. Andererseits: Ich hatte das Glück, mit meinem Mann schon vor dem Gang zum Standesamt 20 Jahre ohne Trauschein verbringen zu können, ohne dass uns jemand schief angeguckt hätte. Damit relativiert sich wieder so einiges. 

Was aber auch auffällt ist die Tatsache, dass hier fünf Frauen in einer Linie stehen, deren Hochzeiten unter komplett unterschiedlichen äußeren Umständen stattfanden. Klar, bei zweien spielten Kriege eine Rolle, bei zweien voreheliche  Schwangerschaften. Trotzdem sind die Geschichten andere. Mal kannte man sich nur kurz, mal über 20 Jahre. Und wahrscheinlich könnte keine von uns fünfen behaupten, dass unsere Umwelt, seien es die Menschen, seien es die allgemeinen Lebensumstände, nicht irgendeine Auswirkung auf unser "Wann und Wie" gehabt hätten. 

Da schließt sich der Kreis wieder. Ein Kreis, in dem ich mich gut aufgehoben fühle. 



Samstag, 8. Mai 2021

Mit den besten Wünschen vom Jungfrauenverein

Freunde von uns haben ein Haus gekauft, das noch nicht leergeräumt war.  Und was fand sich dort? 

Das hier: 


"Brastberger's Predigten", schön im Schuber und noch gut erhalten. Die stehen ab heute bei mir im Bücherregal. Nicht, weil ich vorhätte, meinem Gatten jeden Sonntag eine Predigt vorzulesen (ich glaube, er würde dann die Scheidung einreichen), sondern weil es einer Person gehört hat, die in meinem Stammbaum vorhanden ist, wie die Widmung zeigt: 


"Dem treuen Mitglied des Jungfrauenvereins zu Werther 

Anna Johanne Luise Schwenker 

zur Erinnerung und mit dem Wunsche eines 

gesegneten Gebrauchs gewidmet. 

Werther, 17. Oktober 1902                                Der Jungfrauenverein Werther 

                                                                                       Münter, Pfarrer"

Zugegeben, ich musste auch erstmal gucken, wer denn dieser ominöse Herr Brastberger ist, denn ich hatte noch nie etwas von ihm gehört. Und einen "Jungfrauenverein", der mir ein solches Buch hätte widmen können oder wollen, gab es zu meiner Zeit halt auch nicht mehr. 

Im Netz wurde ich schnell fündig: Immanuel Gottlob Brastberger, Geistlicher, einer der Begründer des Württembergischen Pietismus. Alt ist er nicht geworden, er starb 1764 mit erst 48 Jahren in Nürtingen. Das Buch mit seinen Predigten war anscheinend damals eine Art Bestseller; es ist in zig Auflagen gedruckt worden und hat sich durch die vielen Auswanderer, die es augenscheinlich mitgenommen haben (trotz des Gewichts), in der ganzen Welt verteilt. Auf dem Bild sieht man Pfarrer Brastberger auf einem Stich von Johann Jacob Haid, den man nicht nur bei wikipedia findet, sondern auch in meinem Buch hier, direkt gegenüber dem Titelblatt, auf dem es heißt: 


Evangelische 

Zeugnisse der Wahrheit

zur 

Aufmunterung im wahren Christenthum

theils aus den gewöhnlichen 

    Sonn-Fest- und Feiertags-Evangelien, 

theils 

aus der Passions-Geschichte unsers Erlösers. 

In einem 

vollständigen Predigt-Jahrgang 

zusammengetragen und 

mit einem Anhang einiger Casual-Predigten 

versehen von 

M. Immanuel Gottlob Brastberger, 

gewesenen Special-Superintendenten und Stadtpfarrer zu Nürtingen. 

Kein Wunder, dass sie es auf dem Buchrücken mit "Brastberger's Predigten" abgekürzt haben. Klingt auch irgendwie... kompakter. 

Die Anna Johanne Luise Schwenker (diesen Mal Schwentker ohne t), die das Buch bekommen hat, war am 24.11.1879 in Rotenhagen Nr. 17 geboren worden; ihre Eltern waren der Heuerling Hermann Heinrich Schwenker und Catherine Ilsabein Vossieck

Soweit ich weiß, bin ich in der Schwen(t)ker-Linie mit Anna "nur" verschwägert, trotzdem bekomme ich aber eine direkte Linie zu ihr hin: Über die Hapkes und die Bergmanns aus Theenhausen Nr. 3 bzw. Nr. 8, denn dort kreuzen sich unsere direkten Linien. 

Auch den Anlass der Schenkung kenne ich: Es war Annas Hochzeit mit dem Heuerling Johann Heinrich Horstkotte aus Schröttinghausen Nr. 9, die an genau diesem 17. Oktober 1902 in Werther stattfand. Anscheinend hat Anna das Buch nach ihrer Hochzeit tatsächlich auch noch zumindest ab und an zur Hand genommen, denn in der Gründonnerstagspredigt fand ich als Lesezeichen ein Kalenderblatt aus dem Jahr 1909, auch sehr christlich mit dem Spruch des Tages bedruckt. Nach ihrer Hochzeit wurde Anna ziemlich schnell schwanger; am 20. August 1903 brachte sie in Rotenhagen Nr. 9 ein totgeborenes Mädchen zur Welt. Vielleicht hat das Buch ihr ja geholfen, darüber hinwegzukommen und ihr in irgendeiner Art und Weise eine Erklärung für ihren Verlust geliefert? 

Irgendwie wünsche ich mir, dass es so war. 

Mittwoch, 24. Februar 2021

Eine Heiratsurkunde als Pandemie-Trostpflaster

Langsam komme ich in die Phase, in der mir die Pandemie auf die Nerven geht. Bis jetzt hatte ich eigentlich das Gefühl, ziemlich gut durchgehalten zu haben. Arbeiten aus dem Homeoffice? Mache ich eh seit 10 Jahren. Homeschooling? Fällt flach, wir haben Schildkröten. Ausgedehnte Shoppingtrips? Waren auch "vorher" nur die Ausnahme. 

Was mir langsam fehlt, ist der Austausch mit den Forscherkollegen. Und die Besuche in den Archiven! 

Wären dies "normale" Zeiten, denn hätte ich schon längst die Geburten des Jahres 1910 gepinnt und in Werthers Gedächtnis eingearbeitet. Wahrscheinlich würde ich jetzt über den Trauungen von 1940 sitzen und dabei den Ehemännern die Daumen drücken, dass sie aus diesem Scheiß-Krieg heile zurückkommen (was leider oft genug nicht der Fall war, die Randvermerke sprechen da eine deutliche Sprache). 

Aber nein, ich sitze hier und warte, bis der Lockdown mich wieder in der Teeküche des Herrenhauses in Werther arbeiten lässt. Grmpf. Ich kann's ja verstehen. Aber irgendwann brauche ich meinen Fix - "frische" Daten. Es ist nicht so, dass ich hier nichts zu tun hätte (im Gegenteil), aber... das ist wie bei den Kiddies, denen man ein Ü-Ei vor die Nase setzt und ihnen sagt, dass sie noch warten müssen. Nur ohne Schokolade. 

Eine Heiratsurkunde aus dem Jahr 1940 habe ich aber schon: Die von meinen Großeltern, Hermann Peter Heinrich Schwentker und Anna Karoline Anneliese Gehring. Nur, weil die Archive geschlossen sind, heißt das nicht, dass dort nicht gearbeitet wird... 

Hermann und Anneliese haben am 17. Mai 1940 in Werther geheiratet. Um konkreter zu sein: "Der Standesbeamte sprach im Namen des Reiches aus, daß sie nunmehr rechtmäßig verbundene Eheleute seien." Nun denn. 
Hauptsächlich interessierten mich aber zwei andere Dinge: Zum einen die Unterschriften (weil eigenhändig), und zum anderen wollte ich wissen, wer denn die Trauzeugen waren. Ich hatte mir schon gedacht, dass es die beiden Väter sein würden, weil ich wusste, dass beide 1940 noch am Leben waren, aber zwingend war das ja nun nicht. Aber tatsächlich: Da waren die beiden traditionell unterwegs: Uropa Hermann Schwentker musste seine Unterschrift in der dritten Zeile hinter das gerade abgelegte "Gehring" seiner Jetzt-Schwiegertochter quetschen, und "Wilhelm genannt August Gehring" brauchte auch wieder eine ganze Zeile. 

Wenn an diesen Nazi-Urkunden eins gut ist, dann die Tatsache, dass im II. Teil der Urkunde immer so ein kleiner Stammbaum war, so dass man die Daten der Eltern der frischgebackenen Ehegatten auf einen Blick erfassen kann. Mit Quellenangaben. Klar, wir wissen alle, welchem höllischen Zweck das diente, aber dem Familienforscher erleichtert das die Sache ungemein. 

Die Seiten drei und vier der Urkunde lasse ich hier mal weg, außer dem Vermerk, dass Hermann und Anneliese "deutschblütig" waren (bei dem Wort schüttelt es mich immer noch) und Hermann nach Annelieses Tod nochmal geheiratet hat, finde ich dort "nur" noch den Eintrag, dass mein Vater geboren worden ist. Keine weiteren Kinder, weder von Hermann, noch von Anneliese, aber das hätte mich auch sehr überrascht. 

Gut, das ist jetzt zwar noch kein richtiger Fix, aber immerhin ein Trostpflaster. 

(PS: Ja, ich weiß, dass ich als direkte Abkömmlingin der beiden Ehegatten die Sperrfrist nicht hätte abwarten müssen. Aber ich wollte immer erst andere Baustellen abarbeiten.) 


Donnerstag, 25. Juni 2020

Marthas Ehering

Halle (Westf.), heute vor 80 Jahren.

Marthas Ehering kann man auf diesem Foto leider nicht sehen, aber es gibt ihn immer noch - ich trage ihn gerade an meinem linken Ringfinger. Es ist nämlich auch mein Ehering. Als ich ihn im Standesamt in Halle auf den Finger gesteckt bekam, hatte er schon mehr als 45 Ehejahre auf dem Buckel. Ehejahre, die nicht immer leicht waren (man kann ja schon am Foto erkennen, dass es eine Trauung in schwierigen Zeiten war), aber die beiden hier waren trotzdem glücklich miteinander, so wie ich sie in Erinnerung habe.

Inzwischen hat der Ring schon wieder knapp vier Jahre gute Dienste geleistet. Ich muss allerdings zugeben, dass ich ihn mir ein gutes Stück weiter machen lassen musste, weil ich ausgerechnet die Keilfinger aus meiner väterlichen Linie geerbt habe. Egal.

Nicht egal ist die Gravur. Als ich den Ring bekommen habe, war keine zu sehen - entweder hat es nie eine gegeben, oder sie ist im Laufe der 45 Jahre irgendwann verschwunden.

Ich habe das geändert. Ich weiß nicht, wie gut man es auf diesem Bild hier erkennen kann, aber nun sind zwei Daten eingraviert: Der 12.08.16 (für meine bessere Hälfte und mich) und der 25.06.1940. Für Martha und Wilhelm.

Samstag, 9. Juni 2018

Wer heiratet eigentlich im Winter?

Wie es aussieht, bekommen wir ja dieses Jahr einen richtig schönen Sommer, jedenfalls wenn es so weiter geht wie bis jetzt. Während ich mich trotzdem ins Haus verzogen habe, um ein bisschen an Werthers Gedächtnis herumzueditieren, während in der ARD "Trooping the Colour" läuft (Lisbeth trägt dieses Mal auch passend zum Wetter himmelblau) und Rolf Seelmann-Eggebert und Co. ab und an auch noch mal auf die Hochzeit von Harry & Meghan zu sprechen kommen, kam mir plötzlich eine Frage:

Wer heiratet eigentlich im Winter? Im Sommer ist das Wetter doch wesentlich besser...?!


Die Antwort habe ich im Grunde direkt vor mir liegen: Entweder die, denen es egal war, oder die, die es mussten.

Zur ersten Gruppe gehörten meist diejenigen, bei denen es sich nicht um die erste Eheschließung handelte und die nicht mehr zur gesetzteren Generation zu zählen waren, also meist so ab 40 aufwärts. Das gilt umso mehr, wenn auch die Gattin schon die Menopause erreicht hatte.

Zur zweiten Gruppe (und das ist für mich eigentlich die interessantere) zählen diejenigen, die sich aus "gesellschaftlichen Gründen" nicht allzu lange Zeit lassen konnten mit der Eheschließung - wenn eine unverheiratete Frau im Dezember merkte, dass sie schwanger ist, dann ließ sie sich meist nicht gerade bis Juni Zeit, um mit dem Kindsvater in den Ehestand zu treten: Da war eine Hochzeit bei unwirtlichem Wetter im Januar oder Februar einem unehelichen Kind in den allermeisten Fällen vorzuziehen... die Gerüchteküche dürfte trotzdem gebrodelt haben. Machen wir uns da doch mal nichts vor. Das hat sich bis heute nicht geändert.

Bei dieser Gruppe habe ich mir übrigens angewöhnt, die Taufregister ab dem Zeitpunkt nach dem ersten Kind zu durchforsten - in den allermeisten Fällen habe ich es dann auch ziemlich schnell gefunden ;-) Nicht, dass mir da noch ein Kind entgeht...!

In den letzten Jahrzehnten hat sich übrigens noch eine dritte Gruppe herauskristallisiert, die es so in den Jahrhunderten davor nicht gab: Diejenigen, die gemerkt haben, dass man rückwirkend die Steuervorteile für das gesamte vergangene Jahr geltend machen kann, selbst wenn man gerade noch auf den letzten Sticken am 31. Dezember vor den Standesbeamten tritt. Aber das ist, glaube ich, noch mal eine ganz andere Geschichte...


Freitag, 2. September 2016

Die Geschichte meines Traurings

Vor ungefähr 14 Monaten habe ich hier einen Blogpost über die Hochzeit meiner Großeltern Wilhelm und Martha Sickendiek geschrieben. Anlass dazu war ihr 75. Hochzeitstag. Jetzt habe ich mir genau diesen Blogpost noch einmal durchgelesen, und ich habe doch ein bisschen Gänsehaut bekommen... alles, was ich damals geschrieben habe, würde ich auch heute noch so formulieren.

Mein Mann und ich haben vor drei Wochen ja ziemlich spontan nach über 20 Beziehungsjahren geheiratet. Hier in Halle im Standesamt und ohne viel Schnickschnack. Selbst unsere Familien und Freunde hatten schon nicht mehr damit gerechnet, dass wir irgendwann überhaupt nochmal den Bund der Ehe eingehen würden, und dann auch noch im wahrsten Sinne des Wortes von heute auf morgen: Am Donnerstag haben wir ganz offiziell die Eheschließung angemeldet, und am Freitag um 11.20 Uhr waren wir - verheiratet.

Wir sind von uns selbst auch immer noch überrascht.

Diese Hochzeit war nicht wirklich traditionell, bis auf die Tatsache, dass wir unsere beiden Väter als Trauzeugen dabei haben wollten. Wir haben auch keine gleich aussehenden Eheringe - auf die Idee wären wir auch nicht ernsthaft gekommen. Mein Ehemann (an diese Bezeichnung muss ich mich auch nach drei Wochen immer noch gewöhnen) hat sowieso nicht vor, seinen Ring die ganze Zeit zu tragen, und Gold wäre sowieso nicht sein Ding gewesen, also hat er einen Ring aus Titan.

Mein Trauring dagegegen hat schon 46 Ehejahre auf dem Buckel - es ist der meiner Oma. 

Ich hätte es auch gar nicht anders haben wollen. Und irgendwie erschien es mir passend, mich mit einem Ring trauen zu lassen, der schon einmal Teil einer schnell organisierten Hochzeit war, auch wenn die Umstände vor 76 Jahren nicht wirklich mit unseren Zeiten vergleichbar sind. Auch eine Art, die Familientradition wieder aufzugreifen.

Das Problem war nur, dass Omas Finger ein kleines bisschen (*räusper*) dünner waren als meine. An besagtem Donnerstag trug ich den Ring also zum Goldschmied. Dort fand dann der folgende Wortwechsel statt:

Ich: "Bis wann können Sie den Ring denn fertig haben?"
Goldschmied: "Morgen um 10 können Sie ihn abholen."
Ich: "Hervorragend! Morgen um 11 heirate ich nämlich..."
Goldschmied: "Hmmmmm.... dann kommen Sie heute Nachmittag um halb drei wieder!" 

Und es hat geklappt. Jetzt sitzt er seit drei Wochen an meinem linken Ringfinger.

Ach ja - ich habe meinen Namen behalten. Aber das ist auch nochmal so eine Geschichte...

Donnerstag, 25. Juni 2015

Martha, Wilhelm und das schwarze Kleid

Dieses Foto steht gerahmt in meinem Bücherregal. Es wurde heute vor 75 Jahren aufgenommen, am 25. Juni 1940.


Meine (zukünftige) Großmutter, Martha Hauffe, heiratete meinen (ebenso zukünftigen) Großvater Wilhelm Sickendiek, und zwar zu Hause in Halle (Westf.).

Selbstverständlich war das nicht, denn Wilhelm, damals 25 Jahre alt, war Soldat, wie man an der Uniform unschwer erkennen kann. Auch Martha, damals gerade einmal 21, hätte wohl lieber in einem weißen anstatt in einem schwarzen Kleid geheiratet, aber es ging nun mal nicht anders, denn die beiden hatten keine monatelange Vorlaufzeit, um Hochzeit, Feier und Kleid zu organisieren: Sie waren darauf angewiesen, dass Wilhelm ein paar Tage Urlaub bekam. Im Juni 1940 war es dann soweit, und alles musste dementsprechend sehr schnell gehen. Das schwarze Kleid war das beste, das sie finden konnte.

Ich kann mir nicht helfen, aber dieses Foto erinnert mich immer daran, was wirklich wichtig ist. Es bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wichtig für diese beiden war an jenem Tag vor 75 Jahren nicht wirklich, dass Frankreich kurz zuvor im Frieden von Compiègne offiziell gegenüber Deutschland kapituliert hatte und der Waffenstillstand an diesem Tag in Kraft trat, oder dass es vielleicht nicht das Kleid ihrer Träume war und es keine große Party gab, sondern dass sie beide genau zu dieser Zeit an diesem Ort gemeinsam vor dem Standesbeamten erscheinen konnten.

In solch einer Situation setzt man Prioritäten. Da kommt es auf die Farbe des Kleides nicht an.

Wenn man sich die Fotos von heutigen Brautpaaren anguckt, dann strahlen Braut und Bräutigam in den allermeisten Fällen um die Wette, und eigentlich sollte es ja auch sein. Martha und Wilhelm sehen dagegen so aus, als guckten sie etwas unsicher und sorgenvoll in die Zukunft, was ja auch nicht wirklich verwundert, oder? Sie konnten zu diesem Zeitpunkt ja schließlich noch nicht einmal wissen, ob vor allem Wilhelm aus dem Krieg zurückkommen würde.

Wilhelm hat den Krieg überlebt, und er kehrte auch direkt danach nach Halle zurück. Die Ehe hielt insgesamt knapp 46 Jahre, bis zu Marthas Tod im März 1986. 

Alles Liebe zur Kronjuwelenhochzeit, Oma und Opa!






Mittwoch, 4. Juli 2012

Die Schwentker-Gehring-Hochzeit: Wer ist wer?

Ich liebe ja die Hochzeitsfotos aus längst vergangenen Zeiten, auf denen immer die gesamte Familie zu sehen ist. Mit ein bisschen Glück lachen die Leute wegen des fröhlichen Anlasses auch einmal in die Kamera, was ja bei vielen Portraitaufnahmen gerade nicht der Fall ist.

Eins der Hochzeitsfotos in meinem kleinen Archiv ist das meiner (damals noch zukünftigen) Großeltern Hermann Schwentker aus Werther und Anneliese Gehring aus Häger:



Das Foto wurde am 17.05.1940 aufgenommen. Einen Teil der Leute kann ich auch identifizieren, aber längst nicht alle. Ein Teil der Verwandtschaft, die Plessners, kam aus Neuenkirchen-Suttorf, die anderen müssten alle einmal in Werther gewohnt haben.

Wer ein bekanntes Gesicht entdeckt, der könnte mir also unter Umständen weiterhelfen. Jede Mail und jede Kommentierung ist herzlich willkommen!