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Sonntag, 3. Oktober 2021

Werthers Gedächtnis und die kniffelige Frage der Religion

Wenn man genealogische Quellen auswertet, dann hat man oft das Problem, dass Leute fehlen. Ich meine das in dem Sinne, dass in Kirchenbüchern meist die Nicht- oder Andersgläubigen ausgeblendet sind (die man dann vielleicht in einem "Juden- und Dissidenten-Register" findet) und in Hofchroniken die "Untergebenen", wenn sich die Darstellung darauf beschränkt, in welcher Linie ein Hof weitergegeben wurde. Erfasst wird meist nur eine bestimmte Gruppe von Menschen, und zwar durch den Zweck der Quelle vorgegeben. Bei Werthers Gedächtnis hatte ich immer den Hintergedanken, dass sich hier alle gleichberechtigt nebeneinander tummeln sollten, egal, ob oder welcher Religion sie angehört haben, wie alt sie geworden sind oder welche gesellschaftliche Stellung sie inne hatten. Wenn jemand in Werther geboren war, geheiratet hatte oder dort gestorben war, und sei es auch nur durch einen doofen Zufall, dann reicht das völlig aus, um in Werthers Gedächtnis aufzutauchen. Man kann auch Leute darin finden, die einfach nur dort gelebt haben. 

Kurzum: Werthers Gedächtnis soll inklusiv sein. Keine Schubladen. 

Trotzdem, die Religion macht mir Probleme. 

Bis jetzt habe ich es so gehalten, dass ich Juden und Jüdinnen mit einem * hinter dem Namen markiert hatte, Katholiken und Katholikinnen mit **, und bei allen anderen, die nicht evangelisch waren, habe ich den Namen der Religion ausgeschrieben. Das rührt noch aus den Anfangszeiten her, weil ich mit den evangelischen Kirchenbüchern angefangen hatte und dort höchstens mal ein angeheirateter Katholik vorkam. Außerdem hatte noch ein paar Genealogien gefunden, in denen Wertheraner Juden auftauchten. Sekundärquellen, die ich noch überprüfen wollte. Die eigentlichen (Primär-)Quellen hatte ich aber noch gar nicht eingearbeitet, weil ich dachte, dass das hier sowieso mein Privatvergnügen sei und es das auch bleiben würde. 

Es kam anders. Ich hockte nicht nur über den Kirchenbüchern von Werther, sondern zum Beispiel auch über denen von Stockkämpen, und es erschienen immer mehr Originalquellen online. Archion, Matricula und dem Landesarchiv sei Dank. Ich merkte, dass mein Blog von immer mehr Leuten gelesen wurde, weil mich immer mehr Leute darauf ansprachen oder mir Mails schickten. Da war irgendwann der Punkt erreicht, an dem es für meinen eigenen Anspruch notwendig wurde, auch bei Werthers Gedächtnis die Quellen mitzuerfassen. Auch wenn das hieß, dass ich mir damit wahrscheinlich noch ein paar zusätzliche Jahre Arbeit eingeheimst hatte. Auch gut. 

Inzwischen gucke ich mir die * und ** an und frage mich nicht nur, ob sie noch notwendig sind, sondern auch, ob sie nicht sogar diskriminierend sind? 

Vor ein paar Jahren hatte ich hier mal einen Post darüber geschrieben, wer denn bei den jüdischen Wertheraner Jungs die Beschneidungen vorgenommen hat. Die Beschneidungen habe ich genauso eingearbeitet wie die Taufen bei den christlichen Kindern, weil ich die Daten eben hatte und es für die Familien wahrscheinlich ein bedeutendes Ereignis war. Heute gucke ich darauf und frage mich, welchen Mehrwert diese "Beschnneidungs-Info" bei Werthers Gedächtnis hat. Ob sie überhaupt einen hat. Auf die Taufen kann ich nicht verzichten, weil ich manchmal nur ein Taufdatum und kein Geburtsdatum habe und weil die Paten oft bei der Entschlüsselung der Verwandtschaft helfen können. Aber die Beschneidungen? Wird damit nicht eine Aufmerksamkeit auf ein "Anderssein" gelenkt, die ich eigentlich vermeiden wollte? 

Muss ich im eigentlichen Text überhaupt Angaben über die Religion machen, und wenn ja, muss ich es dann nicht bei jedem hinschreiben? Das hieße im Umkehrschluss, dass ich bei allen anderen auch noch "evangelisch" hinschreiben müsste, und der Gedanke an das ewige Copy & Paste schreckt mich wirklich ab! Und wir reden hier wirklich von Tausenden von Einträgen.

Ich glaube, ich werde tatsächlich auf die Religionszugehörigkeit im Text verzichten. Wer etwas über die Religion wissen will, der soll in die Quellen gucken oder sich auch meinetwegen die Originaldokumente ziehen.

 

Mittwoch, 15. Juli 2020

Gottgläubig?!

Im Moment bin ich ja dabei, die Wertheraner Sterbeeinträge aus den 1940ern in Werthers Gedächtnis einzuarbeiten. Höchst interessant, obwohl ja teilweise noch nicht einmal 80 Jahre vergangen sind. Und außerdem ist es schön, immer mal wieder auf Daten zu treffen, die den eigenen Stammbaum ein bisschen vollständiger machen (komplett vollständig wird er ja wahrscheinlich nie sein...).

Ich bin da über eine Sache gestolpert, bei der ich mir etwas unsicher bin: 

Generell ist es mir ziemlich egal, welcher Religion jemand angehört. Da kann sich jemand bekreuzigen, koscher oder halal essen, mehrarmige Wesen anbeten oder meinetwegen auch das Fliegende Spaghettimonster, alles okay für mich. Mir kommt es mehr darauf an, wie sich diese Person mir gegenüber verhält als darauf, ob er/sie an eine höhere Macht glaubt oder nicht.

Soweit, so gut.

Bei der Familienforschung bin ich da ein bisschen strenger und ein bisschen neugieriger, was ja auch in der Natur der Sache liegt. Einträge in Kirchenbüchern sind wesentlich leichter zu finden, wenn man weiß, in welcher Kirche man suchen muss.

In den besagten Wertheraner Sterberegistern läuft mir beim Formularpunkt "Religion" nun immer öfter die Formulierung "gottgläubig" über den Weg.

Was bitte schön soll das heißen?

Bedeutet es, dass jemand zwar an Gott glaubte, aber formell aus der Kirche ausgetreten ist? Und woher wollte der Standesbeamte das wissen?

Oder gehörte derjenige zu einer Kirchengemeinde, die nun nicht die klassische "evangelische" oder "katholische" war? Dafür habe ich zumindest keine Anhaltspunkte gefunden, denn "reformiert", "lutherisch" (in dem Fall waren die meisten nebenan im Kirchspiel Neuenkirchen geboren), "altlutherisch" oder "jüdisch" (bzw. "mosaisch") waren ja auch eingetragen. Mit anderen Glaubensrichtungen und dem, was manche Leute als "Sekte" qualifizieren, fange ich hier gar nicht erst an. Das ist so ein weites Feld...

Was also war mit "gottgläubig" gemeint? 

Falls jemand die Antwort kennt - ich würde sie wirklich gerne wissen.

Freitag, 9. Mai 2014

Die "Judenkirche" in Werther

Meinen direkten Vorfahren Henrich Wilhelm Pott genannt Törner (1760-1825) und Elisabeth geb. Esdar (1775-1845) gehörte früher das Grundstück Werther Nr. 21, gelegen an der jetzigen Ravensberger Straße zwischen der Adler-Apotheke und dem heutigen Bankvereinsgebäude. Ich bin mir nicht sicher, ob das Haus, das heute dort steht, noch dasselbe ist wie das, das sich auch schon Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Familie Törner dort wohnte, auf der Stätte befand. Sogar in einem kleinen Städtchen wie Werther hat sich eben vieles verändert in den letzten 200 Jahren.

Das Besondere an diesem Grundstück ist, dass sich hinter dem Haus früher die Wertheraner Synagoge befand (nur nebenbei erwähnt: Die Törners waren evangelisch).

Entsprechend habe ich in der Grundakte, die im Landesarchiv NRW in Detmold liegt und sich als richtig dicker und nur mittelgradig verstaubter Schinken mit 300 Blättern herausgestellt hat, die folgende Versicherungsbescheinigung gefunden:

Die Gebäude des Bürgers Törner, olim Dröge oder Pott, stehen im Städtischen FeuersocietatsCataster wie folgt versichert, nemlich
Wohnhaus - 900 Rth
Judenkirche - 150 Rth
Scheune - 50 Rth
Summa 1100 Rth 
welches hiermit attestiert wird
Werther den 26 Mai 1819
der Bürgermeister Schreiber 

Das Wort "Judenkirche" fällt einem doch unangenehm auf. Man findet in der Akte aber ab und an auch mal das Wort "Sinagoge", immerhin. Ich weiß nun nicht, ob Bürgermeister Schreiber sich hier bewusst herablassend äußern wollte oder ob er einfach stumpf davon ausgegangen ist, dass jedes Gotteshaus, egal welcher Religionsausübung es diente, automatisch eine Kirche sein musste...


Montag, 11. Februar 2013

An Tagen wie diesen...

In die Geschichtsschreibung zumindest der katholischen Kirche wird dieser Tag wohl als historisch eingehen. Unsere Vorfahren der letzten 700+ Jahre hätten sich wohl nicht träumen lassen, dass wir es tatsächlich einmal erleben, dass ein Papst zurücktritt.

Und das auch noch am Rosenmontag. Das nenne ich Timing.

Nur zur Erinnerung: Als das zum letzten Mal passiert ist (und das war laut wikipedia im Jahr 1415, laut aktueller Fernsehberichterstattung im Jahr 1294 - was bitte stimmt denn nun?), war Martin Luther in jedem Fall noch nicht einmal geboren und vom Führen von Kirchenbüchern war man noch weit entfernt.

Ich fuhr gerade über den Hapken von Halle nach Werther, als ich im Autoradio davon gehört habe. Meine erste Reaktion auf die Nachricht war wohl typisch: Ist das ein Scherz?! Anscheinend nicht. Hmm.

Reaktion Nr. 2: "Unter meiner Namensvetterin tritt sogar der Papst zurück. Erstaunlich, welche Ausmaße das im Moment annimmt. Minister, Bundespräsidenten, Königin Beatrix ja, klar, die schon, aber der Papst?!"

Schon in den letzten Monaten ist das Thema "Kirche" als solches wieder ziemlich aktuell geworden. Die Medien sind dabei, alle möglichen und scheinbar unmöglichen Facetten insbesondere der katholischen Kirche zu hinterfragen. Der erste Rücktritt eines Papstes in der Neuzeit wird da natürlich noch einmal Öl ins Feuer gießen.

Das bringt mich zu der Frage: Wissen wir eigentlich, wie religiös unsere Vorfahren waren?

Manchmal haben wir Glück, und der jeweilige Pfarrer hat im Sterbeeintrag etwas darüber geschrieben. Ab und an finden wir einen Eintrag, dass jemand aus der jeweiligen Kirche ausgetreten ist (unsere Nachkommen werden diese Art von Einträgen wohl öfter vorfinden als wir).

Die meisten meiner Vorfahren waren protestantisch, was ja auch kein Wunder ist, wenn man sich die Geschichte hier im Ravensberger Land einschließlich der Erweckungsbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts anguckt. Eine Linie (Clara Grünkemeyer und ihre Vorfahren) war katholisch. Aber das muss ja nicht tatsächlich heißen, dass man auch religiös war. Kirchenzugehörigkeit und Glaube können durchaus zweierlei sein.

Spiritualität, in welchem Sinne auch immer, ist Teil unserer Persönlichkeit. Sie war also auch Teil der Persönlichkeit unserer Vorfahren. Von einem meiner Urgroßväter weiß ich, dass er sehr fromm war. Bei einem anderen weiß ich, dass er zumindest einem Posaunenchor erlaubt hat, auf seinem Boden zu üben, was dafür spricht, dass er der Erweckungsbewegung nahe gestanden haben dürfte. Von meinem Vorfahren Caspar Henrich Hunger genannt Trebbe (1729-1803) bin ich im Besitz einer Transkription seines Tagebuches, aus dem man schließen kann, dass er tatsächlich gläubig war.

Letztlich muss ich aber zugeben, dass dies ein Bereich ist, den ich bei meinen Forschungen bis jetzt etwas vernachlässigt habe. Das wird sich in der nächsten Zeit wohl ändern...

Ich werde mich hüten, hier religiöse Diskussionen zum Zaun zu brechen. Deshalb beende ich diesen Post mit meiner Reaktion Nr. 3: Jedem sei ein Ruhestand gegönnt. Auch wenn ich mit ihm nicht allzu oft einer Meinung bin.