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Zwei Pastoren und eine Diskussion

Es ist Karfreitag, also habe ich mich aus gegebenem Anlass entschieden, heute nicht nur mittags Backfischstäbchen zu essen, sondern im Anschluss auch mal wieder mit den Wertheraner Kirchenbüchern zu arbeiten und ein paar Beerdigungen einzuarbeiten, Das erschien mir irgendwie passend. Das eine genauso wie das andere. Und ja, das war jetzt leicht ironisch gemeint.

Ich bin hauptsächlich in den 1820ern und 1830 unterwegs, was ein bedeutet, dass ich es mit relativ lesbaren Aufzeichnungen zu tun habe, die aber trotzdem ihre Tücken haben. 

Kirchenbücher wurden ja immer doppelt geführt - zur Sicherheit, man weiß ja nie. Werther hatte auch damals schon zwei Pfarrer, und die beiden Herren haben sich die Schreibarbeit geteilt. Dummerweise hatten sie auch unterschiedliche Angewohnheiten, was das Führen der Kirchenbücher angeht. Der eine war "textlastiger" und hatte eine Schrift, die man extrem gut lesen kann (Pastor Gieseler), der andere arbeitete in reiner Tabellenform und tendierte dazu, die Buchstaben schon mal so klein anzusetzen, dass man sie selbst in der Vergrößerung auf dem Rechner nicht wirklich entziffern kann (Pastor Tzschabran). 

Insgesamt ist die Leserlichkeit aber gegeben. Was richtig nervt ist die Tatsache, dass die Herren Pastoren sich bei der Nummerierung nicht abgesprochen haben. Bei den Taufen und Beerdigungen hat bei Pastor Tzschabran jede ihre eigene fortlaufende Numerierung, während Pastor Gieseler immer nur nach männlichen und weiblichen Taufen bzw. Beerdigungen gezählt hat. Das macht es bei den Quellenangaben natürlich nicht einfacher. 

Wenn wir schon mal beim Thema "Quellen" sind: 

Bei einem Vortrag beim Westfälischen Genealogentag war ja die Diskussion aufgekommen, inwieweit man überhaupt ins Detail gehen muss, wenn man Kirchenbücher als Quellen nennt. Eine Meinung lautete, dass es für den "Hausgebrauch" ja durchaus reiche, wenn man einfach nur "Kirchenbücher XY" als Quelle angibt. Kirchenbücher und Standesamtsregister seien ja schließlich die "Komfortzone" in der Familienforschung, da könne man die Daten dann schon nachvollziehen und finden. Die andere Meinung, die man hörte, war die, dass man doch bitte schön so spezifisch wie möglich zitieren möge. Aus dem einfachen Grunde, dass man dann die Daten besser finden und nachvollziehen könne. 

Man kann es sich denken: Ich gehöre zur zweiten Fraktion. 

Klar, wenn man keinen Wert auf Gründlichkeit legt oder zu faul zum Tippen ist, dann kann mit sich mit dem einfachen Hinweis "Kirchenbuch XY" begnügen. Was aber, wenn die Kirchenbücher widersprüchliche Informationen enthalten? Das kommt nämlich oft vor. 

Wenn jemand nicht in der Gemeinde geboren ist, in der er geheiratet hat und später gestorben ist, und Trau- und Sterbeeintrag dann Altersangaben enthalten, die nicht übereinstimmen, dann wird man das wirkliche Geburtsjahr nur dann herausfinden, wenn man den Taufeintrag findet. Betonung auf "wenn". Dann sind aber sowohl der Trau- als auch der Sterbeeintrag für die Geburt nur Sekundärquellen, aber keine Primärquellen. In solchen Fällen schreibe ich als Quelle für das Geburtsdatum lieber "Rückrechnung aus Traueintrag" und nenne den konkreten Traueintrag als Quelle für die Trauung (und bei den Beerdigungen dann entsprechend), anstatt beim Geburtsdatum einfach hinzuschreiben, "Quelle: Kirchenbuch". 

Oder ich habe den Fall wie hier, dass zwei Pastoren schon mal unterschiedliche Informationen zu ein und demselben Sterbefall niederschreiben. Das betrifft vor allem die Todesursachen. Mal ist ein und dieselbe Person angeblich an Schwindsucht gestorben, dann wieder an Altersschwäche. Ja, was denn nun? Oder wenn man merkt, dass die Kirchenbücher in Stadt- und Landgemeinde aufgeteilt sind? 

Ups.

Gut, ich gebe zu, meine Auffassung hat auch einen Haken. Einen ganz gewaltigen sogar: Diese Arbeitsweise kostet verflixt viel Zeit, vor allem, wenn man sich so in den Kirchenbüchern vergräbt wie ich, und man kommt nicht ganz so schnell voran, wie man es sich wünschen würde. Aber dafür habe ich auch keine Probleme, die Einträge zu finden, die ich suche. Und - was für mich unbezahlbar ist - es fühlt sich einfach gut an, gründlich zu arbeiten. Alles in unserem Alltag hat irgendwie immer schnell, schnell, schnell zu passieren, und da ist das für mich ein schöner Ausgleich als Gegenentwurf dazu. Klingt komisch - ist aber so. 

Fröhliche Ostern!  


 

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