Denken wir uns hier einfach mal die Uniform weg und die Wahrscheinlichkeit, dass das Foto für den Fall gemacht wurde, dass man sich an ihn erinnern konnte, falls er nicht wieder nach Hause kommen sollte. Was sieht man dann? Alleine diese Art, wie er da steht, dieses No-Nonsense, hat schon einen gewissen Coolness-Faktor, oder? Es ist nicht die Uniform, die ihn so da stehen lässt.
Gucken wir mal, ob ich noch genauso denke, wenn ich seine Entnazifizierungsakte eingesehen habe. Die ist nämlich immer noch nicht online...
Lässigkeitsfaktor bringt's genauso wie das anglizistische Konstrukt "Coolness-Faktor". Weshalb dieser bei Ihrem Urgroßvater zum Tragen kommt? - Ist er nicht Müller in x-ter Generation? - Moment mal! Irgendein Vorgänger hatte erst mal nur mit Spinnrädern zu tun. Aber egal - in jedem Fall geht es darum ein Rad am Laufen zu halten. Dazu bedarf es eben einer gewissen stoischen Gelassenheit, die man sodann ebenso nonchalant auf die nächste Generation übertragen wird.
AntwortenLöschenMein Urgroßvater (geb. 1873) hat sich gleichfalls mit dieser Uniform ablichten lassen. Die Kragenspiegel laufen jeweils parabolisch zu. Die senkrecht angeordnete Vielzahl an Rockknöpfen kreuzt sich mit der Koppel.
Im WK-I hatte er als Wachsoldat für französische Kriegsgefangene herzuhalten, was ihm wohl auch mit einer gewissen Lässigkeit gelang. Auch das wurde fotografisch eingefangen. Auch er war damals verheiratet.
Zu "entnazifizieren" gab es bei ihm jedenfalls nichts, weil er nämlich im Jahr 1923 der Weltwirtschaftskrise verstarb. Damit hatte sein Tod 10 Jahre Sicherheitsabstand zu 1933. Meine Urgroßmutter hatte ihn hingegen um 30 Jahre überlebt und hatte mit Tochter, Schwiegersohn und Enkeltochter in einem Häuschen lebend die Brutalität deutschlandweit geführter alliierter Bomberangriffe auszustehen. Auch diese gilt es nicht zu verschweigen, auch wenn sie bis heute wohl nicht aufgearbeitet wurden.
Mein Sprachgefühl differenziert da ein bisschen zwischen Coolness und Lässigkeit... aber das ist sicherlich auch Geschmackssache. Sprache ist eben lebendig und entwickelt sich weiter; da sind auch gelegentliche sprachliche Anleihen für mich in Ordnung. Der "Faktor" kommt ja ursprünglich auch aus dem Lateinischen, wenn ich mich da richtig erinnere ;-)
LöschenKaum hatte Osselpossel den Kommentar veröffentlicht, fiel ihm an dem Foto noch weiteres auf. Die besseren Fotografen jener Zeit dürften ihren Kunden genau erklärt haben, wie sie sich in Positur zu bringen haben. In diesem Fall war der linke Fuß nach vorne auszudrehen. Außerdem hatte er sich am Stuhl festzuhalten, damit da nichts verwackelt wird, was ihm natürlich auch ein gewisses Quäntchen an Sicherheit verleiht. Und ganz wichtig: Wie man die Zigarre zu halten hat, ist ihm wohl auch verklickert worden. Ein "Bitte lächeln" war dem August jedenfalls nicht abverlangt worden, sonst wäre er nicht so gelassen rübergekommen. Ein gelassenes Lächeln im Sinne heutiger "Coolness" gab es eben zu keiner Zeit. Ab 1914 schon gleich gar nicht!
AntwortenLöschenDas wäre angesichts der Situation auch wohl eher unpassend gewesen. Ich glaube allerdings nicht, dass man August erklären musste, wie er die Zigarre halten musste. Und wenn ich mir das Foto so angucke, dann steht August stabiler als der Stuhl... wer da wohl wen festgehalten hat?
AntwortenLöschenAlles klar! - Damit entschuldige ich mich an dieser Stelle für den Fall, dass mein Kommentar bei Ihnen so angekommen sein könnte, dass ich den Stuhl über- und August unterschätzte. - Nein, davor würde ich mich hüten, August hinsichtlich seines Stehvermögens ("Standing") inadequat einzutaxieren. Er hält den Stuhl auch so, als ob dieser im nächsten Moment vor ihm ausbüchsen könnte. Aber das fällt mir erst jetzt nach drei Wochen auf.
AntwortenLöschenHach, ich liebe es ja, dass es noch Menschen gibt, die mit der Sprache - sei es Deutsch, sei es Englisch, sei es eine Mischung aus beidem - jonglieren und spielen können ;-)
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