Direkt zum Hauptbereich

Der Russlandfeldzug ... und ein kleines Gedankenspiel

In dieser Woche ist es 75 Jahre her, dass die Schlacht um Stalingrad endete. Vielleicht sollte man das mal zum Anlass nehmen, um zu gucken, welche Auswirkungen der Russland-Feldzug eigentlich auf die eigene Familiengeschichte hatte.

In meiner Familie sind die Auswirkungen offensichtlich:

Das hier ist mein Großonkel, Hermann Wilhelm Helmut Gehring. Er ist am 15.07.1942 bei Woroschilowgrad (das heute wieder Altschewsk heißt und in der Ukraine liegt) gefallen. Da war er gerade mal 25. Und ja, es ist ein merkwürdiges Gefühl, hier ein Foto zu posten, das einen Verwandten in Nazi-Uniform zeigt. Rechte Tendenzen kann ich bei mir selbst nämlich gar nicht ausmachen. Trotzdem gehört auch das zu meiner Familiengeschichte, ob ich will oder nicht. 

Helmut Gehring war wohl beim "Fall Blau" dabei, jedenfalls sagt mir Wikipedia, dass Altschewsk ungefähr in der Mitte des Gebiets lag, in das die Wehrmacht zwischen dem 7. und dem 22. Juli 1942 einfiel. Zeitlich käme das also hin.

Ich habe keine Ahnung, in welcher Einheit Helmut gedient hat oder welchen Rang er hatte. Vielleicht kann ja jemand anhand der Uniform etwas dazu sagen? Angeblich soll er vor dem Russland-Feldzug in Brügge gewesen sein, aber dafür habe ich auch keine Beweise. Wenn er zur 6. Armee gehörte, dann war er wohl auf dem Weg nach Stalingrad. Und die Wahrscheinlichkeit, dass er das überlebt hätte, wäre auch nicht groß gewesen.

Fakt ist jedenfalls, dass mein Vater nach ihm benannt worden ist. Nach dem, was mein Vater mir erzählt hat, war eigentlich nur geplant, dass er "Hermann August" heißen sollte, nach seinen beiden Großvätern. Dann aber fiel Helmut, als meine Großmutter (also seine Schwester) im siebten Monat war. Damit war klar, dass mein Vater nicht nur Hermann August, sondern Hermann August Helmut heißen würde. Und Helmut wurde gleich auch noch sein Rufname, was ja nahe lag, denn so konnte man ihn wenigsten von den ganzen anderen Hermännern und Augusts unterscheiden.

Helmut Gehrings Tod hatte jedoch auch noch eine ganz andere Auswirkung: Er war eigentlich derjenige gewesen, der die Mühle in Häger von meinem Urgroßvater August Gehring übernehmen sollte (und wohl auch wollte), aber da hat der Lauf der Geschichte den Gehrings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Für den Rest der Familie war diese nun fehlende Nachfolgeregelung auch nicht ganz einfach, soviel ich weiß. Ist ja auch kein Wunder: Da denkt man, dass man jemanden hat, der das eigene (wenn auch kleine) Unternehmen weiterführt, und dann kommt so ein verdammter Krieg und ändert alles. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Uropa August damals schon ahnte, dass der Beruf des Müllers sowieso ein aussterbender war und dass im Jahr 2018 Mühlen höchstens nur noch an Sonntagen zu Schauzwecken für die späteren Generationen mahlen würden...

Was wäre also gewesen, wenn es den Russlandfeldzug (oder besser den gesamten Krieg, oder am allerbesten: das ganze verdammte Nazi-Regime) nicht gegeben hätte? 

Helmut hätte wahrscheinlich noch um einiges länger gelebt, die Mühle in Häger übernommen und vielleicht eine Familie gegründet. Seine Eltern und Geschwister hätten nicht um ihn trauern müssen. Mein Vater hätte nicht Helmut geheißen, sondern wahrscheinlich Hermann, und vielleicht hätte er ein paar Cousins mehr zum Spielen gehabt...

Diese Vorstellung ist jedenfalls um einiges idyllischer als die Wirklichkeit.

Schade.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Als Hörste unabhängig wurde

Seit geraumer Zeit tendiert man ja dazu, Orte zusammenzulegen und einzugemeinden. Sinn und Zweck dieser Übung ist, wohl, sie besser verwalten zu können, wobei ich mir nicht immer sicher bin, ob das auch so klappt, wie es einmal beabsichtigt war. Und weil immer mehr Menschen aus den beiden großen Hauptkirchen austreten, passiert in diesem Bereich genau dasselbe: Pfarreien werden zusammengelegt. Vor etwas mehr als 300 Jahren, nämlich im Jahr 1707, konnte man die umgekehrte Entwicklung in Hörste beobachten: Hörste nabelte sich von der Haller Kirchengemeinde ab und wurde selbstständig!  Das Geld für den Kirchenbau hatte man übrigens durch eine Lotterie zusammenbekommen... Zu dieser Zeit lebten auch Vorfahren von mir in Hörste, zum Beispiel ein Teil meiner Fronemann-Sippe: Gerhard Hinrich Fronemann , Colon in Hörste 6, und seine Frau Anne Catharine geb. Heitmann . Beide waren im Jahr 1671 geboren worden und heirateten dann 1701. Die entsprechenden Eintragungen finden sich also im K...

Hilfe vom Sofa aus

Im Moment arbeite ich mal wieder etwas weniger an meinen eigenen Sachen, was aber nicht bedeutet, dass ich untätig bin. Vergrippt, ja, mitunter, aber untätig? Nee...  Bei den Arolsen Archives kann ich mich auch vergrippt und vom Sofa aus nützlich machen: Die Ausländermeldekartei des ehemaligen Amtes Halle (Westfalen) steht online, und es warten noch Tausende von Karten darauf, transkribiert zu werden. Hier ist der  Link .  Das Schöne ist: Man braucht kein Benutzerkonto , um mitzumachen. Das einzige, was man braucht, ist ein bisschen Zeit - und es könnte nicht schaden, wenn man Kurrent und Sütterlin lesen kann.  Man muss sich auch keine Sorgen machen, dass man etwas falsch macht, denn es gilt das Sechs-Augen-Prinzip . Soll heißen: Wenn nicht wenigstens drei Leute unabhängig voneinander dasselbe gelesen haben, wird die Angabe im Endergebnis nicht frei gegeben. Das finde ich persönlich jetzt mal sehr beruhigend, vor allem, wenn es um die Namen und Herkunftsorte der oft...

Der Arbeitskreis Familienforschung Steinhagen

... trifft sich wieder, und zwar am    Samstag, dem 21. Juni 2025,  um 14.30 Uhr  in der Alten Feuerwehr in Steinhagen-Amshausen.    Ja genau, das ist der Samstag zwischen dem Fronleichnams-Brückenfreitag und dem Sonntag des letzten langen Wochenendes dieses Halbjahrs. Mit den ganzen Feiertagen kann man ja nur durcheinander kommen...    ;-)