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Eine Heiratsurkunde als Pandemie-Trostpflaster

Langsam komme ich in die Phase, in der mir die Pandemie auf die Nerven geht. Bis jetzt hatte ich eigentlich das Gefühl, ziemlich gut durchgehalten zu haben. Arbeiten aus dem Homeoffice? Mache ich eh seit 10 Jahren. Homeschooling? Fällt flach, wir haben Schildkröten. Ausgedehnte Shoppingtrips? Waren auch "vorher" nur die Ausnahme. 

Was mir langsam fehlt, ist der Austausch mit den Forscherkollegen. Und die Besuche in den Archiven! 

Wären dies "normale" Zeiten, denn hätte ich schon längst die Geburten des Jahres 1910 gepinnt und in Werthers Gedächtnis eingearbeitet. Wahrscheinlich würde ich jetzt über den Trauungen von 1940 sitzen und dabei den Ehemännern die Daumen drücken, dass sie aus diesem Scheiß-Krieg heile zurückkommen (was leider oft genug nicht der Fall war, die Randvermerke sprechen da eine deutliche Sprache). 

Aber nein, ich sitze hier und warte, bis der Lockdown mich wieder in der Teeküche des Herrenhauses in Werther arbeiten lässt. Grmpf. Ich kann's ja verstehen. Aber irgendwann brauche ich meinen Fix - "frische" Daten. Es ist nicht so, dass ich hier nichts zu tun hätte (im Gegenteil), aber... das ist wie bei den Kiddies, denen man ein Ü-Ei vor die Nase setzt und ihnen sagt, dass sie noch warten müssen. Nur ohne Schokolade. 

Eine Heiratsurkunde aus dem Jahr 1940 habe ich aber schon: Die von meinen Großeltern, Hermann Peter Heinrich Schwentker und Anna Karoline Anneliese Gehring. Nur, weil die Archive geschlossen sind, heißt das nicht, dass dort nicht gearbeitet wird... 

Hermann und Anneliese haben am 17. Mai 1940 in Werther geheiratet. Um konkreter zu sein: "Der Standesbeamte sprach im Namen des Reiches aus, daß sie nunmehr rechtmäßig verbundene Eheleute seien." Nun denn. 
Hauptsächlich interessierten mich aber zwei andere Dinge: Zum einen die Unterschriften (weil eigenhändig), und zum anderen wollte ich wissen, wer denn die Trauzeugen waren. Ich hatte mir schon gedacht, dass es die beiden Väter sein würden, weil ich wusste, dass beide 1940 noch am Leben waren, aber zwingend war das ja nun nicht. Aber tatsächlich: Da waren die beiden traditionell unterwegs: Uropa Hermann Schwentker musste seine Unterschrift in der dritten Zeile hinter das gerade abgelegte "Gehring" seiner Jetzt-Schwiegertochter quetschen, und "Wilhelm genannt August Gehring" brauchte auch wieder eine ganze Zeile. 

Wenn an diesen Nazi-Urkunden eins gut ist, dann die Tatsache, dass im II. Teil der Urkunde immer so ein kleiner Stammbaum war, so dass man die Daten der Eltern der frischgebackenen Ehegatten auf einen Blick erfassen kann. Mit Quellenangaben. Klar, wir wissen alle, welchem höllischen Zweck das diente, aber dem Familienforscher erleichtert das die Sache ungemein. 

Die Seiten drei und vier der Urkunde lasse ich hier mal weg, außer dem Vermerk, dass Hermann und Anneliese "deutschblütig" waren (bei dem Wort schüttelt es mich immer noch) und Hermann nach Annelieses Tod nochmal geheiratet hat, finde ich dort "nur" noch den Eintrag, dass mein Vater geboren worden ist. Keine weiteren Kinder, weder von Hermann, noch von Anneliese, aber das hätte mich auch sehr überrascht. 

Gut, das ist jetzt zwar noch kein richtiger Fix, aber immerhin ein Trostpflaster. 

(PS: Ja, ich weiß, dass ich als direkte Abkömmlingin der beiden Ehegatten die Sperrfrist nicht hätte abwarten müssen. Aber ich wollte immer erst andere Baustellen abarbeiten.) 


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