Der wahre Grund, weshalb es bei "Werthers Gedächtnis" nicht so richtig weiter ging
"Werthers Gedächtnis" ist ein Langzeitprojekt. Eins, das mich nun schon gut eineinhalb Jahrzehnte begleitet und das sich in dieser Zeit öfter mal ge- und verändert hat. Aber so ist das halt mit Langzeitprojekten wie diesem: Sie sind im Fluss. Mal gefällt einem das Layout nicht mehr und man fängt an, etwas zu ändern. Dann entscheidet man sich, das Ganze auf digitale Beine zu stellen, weil man die Reihe von schwarzen Aktenordnern im Schrank irgendwie nicht mehr sehen kann und weil man es einfach für praktikabler hält. Quellen werden verfügbarer und man stellt fest, dass andere Leute an ähnlichen Projekten arbeiten. Mal hat man mehr Zeit und Lust, sich hinzusetzen und über alten Zeiten zu brüten, mal weniger. Und dann verreckt einem auch noch das Notebook, mit dem Jahre lang gearbeitet hat und auf dessen Tasten die Finger so trainiert sind, dass man beim Tippen nicht mehr ans Tippen denken muss.
Das alles ist mir passiert, und nichts hat dazu geführt, dass ich die Lust an diesem Projekt verloren habe. Im Gegenteil.
Irgendwann kam bei mir aber der Punkt, dass ich es als anstrengend empfand. Aber warum?
Im Moment arbeite ich immer noch mit einer Hybrid-Version, soll heißen: Es gibt Sammlungen von Familien, die in digitaler und in analoger Version vorliegen. Und diese beiden Versionen sind nicht 100%ig deckungsgleich, was vor allem bei den Fußnoten etwas verwirrend sein kann, weil die Numerierung eine andere ist. Und ich Wahnsinnige hatte mich ja irgendwann entschieden, dass es mir wichtig ist, mit Fußnoten zu arbeiten, wenigstens für Geburts-, Trau- und Sterbedaten...
Es kam also, wie es kommen musste: Ich stellte fest, dass ich schon lange nichts mehr an Werthers Gedächtnis editiert hatte. Das ist übrigens mein persönlicher Fachterminus für den Übergang vom Analogen zum Digitalen: Editieren.
Und als ich dann beim letzten Mal in Werther im Stadtarchiv saß, fiel es mir auf einmal merkwürdig schwer, die Schrift zu entziffern. Lag aber nicht an der Schrift...
Ich ging also in mich. Manchmal muss man das. Auch wenn ich erstaunlich lange dafür gebraucht habe...
Das Ergebnis dieser Selbst-Reflektion befindet sich nun mitten in meinem Gesicht: Ich brauchte eine Brille. Mit 52 Jahren hat es mich jetzt also doch noch erwischt, wobei es in genetischer Hinsicht ein kleines Wunder war, dass es so lange gedauert hat..
(Nein, das Original-Selfie werde ich nicht von mir posten. Dazu finde ich es dann doch zu schrecklich. Aber ich gebe gerne zu, dass ich ChatGPT mal gebeten habe, jenes Selfie von mir so umzugestalten, als hätte Vincent van Gogh es gemalt. Den Gag habe ich mir gemacht, obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass es bei Vincent anders ausgesehen hätte. Er hätte wahrscheinlich einen Hintergrund genommen, der auf den ersten Blick einfarbig ausgesehen hätte. So finde ich die "Starry Night" doch etwas zu klischeehaft...)
Jetzt bin ich also dabei, mich daran zu gewöhnen, die Welt ein bisschen anders zu sehen, jedenfalls dann, wenn ich etwas lesen muss bzw. will. Ich kann auch meine eigene Schrift bei den Fußnoten wieder wesentlich besser entziffern.
Werde ich in diesem Jahr also noch mit der Digitalisierung von Werthers Gedächtnis fertig werden?
Kann ich noch nicht sagen, sind noch ein paar Hundert Seiten. Und ab und an macht mir die Brille Kopfschmerzen, wenn ich nicht gerade vergesse, sie überhaupt aufzusetzen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist merklich gestiegen.

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