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Die Geschichte von Heinrich und Johanne

Darf ich vorstellen?


Dieser junge schnauzbärtige Mann ist mein Urgroßvater Heinrich August Sickendiek.

Heinrich wurde am 8. Februar 1892 in Hörste 11 geboren. Seine Eltern waren der Heuerling Heinrich Wilhelm Sickendiek und dessen Frau Marie Charlotte geb. Flagmeyer. Heinrich war ihr ältestes Kind. Als er am 21.02.1892 in Hörste getauft wurde, waren seine beiden Großväter seine Paten.

Heinrich wuchs mit seinen jüngeren Geschwistern in Hörste auf. Er wurde Bauarbeiter.

Am 9. Februar 1912, also genau einen Tag nach seinem 20. Geburtstag, heiratete er Johanne Marie Catharine Ahlemeyer aus Oldendorf. An Oldendorf erinnert in Halle heute im Grunde nur noch der Straßenname "Oldendorfer Straße" (früher "Viehstraße"); Oldendorf selbst ist ziemlich in Vergessenheit geraten. Johanne war zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit immerhin schon 25 Jahre alt. Vielleicht hätten die beiden nicht - oder zumindest nicht so schnell - geheiratet, wenn Johanne nicht schwanger gewesen wäre: Am 09.05.1912, auf den Tag genau drei Monate nach der Eheschließung, kam nämlich auch schon das erste Kind zur Welt: Eine Tochter namens Paula.

Ihr folgte am 13. Juli 1914 mein Großvater Wilhelm. Noch bevor Wilhelm drei Wochen alt war, brach der Erste Weltkrieg aus. Ich stelle mir vor, wie Heinrich und Johanne an seiner Wiege gestanden und sich einige Sorgen gemacht haben dürften, in was für eine Welt ihr Söhnchen denn da hineingeboren worden war. 

Wie sich herausstellen sollte, waren diese Sorgen berechtigt.

Das nächste, was ich von Heinrich weiß, ist, dass er am 11. September 1915 als Musketier in der Nähe von Wilna gefallen ist. Er war 23 Jahre alt. Sein Grab befindet sich in der Kriegsgräberstätte in Puoriai.

Das Foto oben ist im Original winzig und stammt aus einer Collage von Bildern aus der Heimatstube in Hörste, die die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zeigt. Ich danke Herrn Rutz, der guten Seele der Heimatstube, dass ich es abfotografieren durfte.

Obwohl ich seit 1997 an meiner Familie forsche, hatte ich bis vor nicht allzu langer Zeit kein einziges Bild von Heinrich. Das mag auch daran liegen, dass Johanne, die sich ja mit nur 29 Jahren als Witwe mit zwei kleinen Kindern wiederfand, nach Heinrichs Tod wieder geheiratet hat. Allerdings hat sie sich mit ihrer Wiederheirat über 13 Jahre, nämlich bis Anfang 1929, Zeit gelassen.

Trotzdem war ich zunächst irritiert. Dieser schnauzbärtige Herr sollte tatsächlich mein Uropa sein?

Im ersten Moment konnte ich so gar keine Ähnlichkeit mit Wilhelm erkennen. Hatte ich den "falschen" Heinrich Sickendiek erwischt?

Zu Hause habe ich das Foto erst einmal auf meinen Rechner gezogen, den Bildausschnitt angepasst und so vergrößert, dass ich mir Heinrich zum ersten Mal genauer anschauen konnte. Was mich irritierte, war vor allem die Mundpartie mit dem dunklen Schnäuzer. Aus alten Fotos weiß ich, dass Wilhelm in diesem Alter eher hellere Haare hatte.

Alle Zweifel waren aber in dem Moment beseitigt, als ich die Mundpartie einfach mit der Hand zugehalten habe. Plötzlich guckte mich Wilhelm an!

In der Heimatstube fand ich noch ein zweites Foto, auf dem Heinrich zu sehen ist: 



Er war augenscheinlich Mitglied im Radfahrerverein "Einigkeit" Hörste, denn dies ist der Ausschnitt des betreffenden Gruppenfotos, dessen Entstehung laut Rückseite des Bildes auf die Jahre zwischen 1910 und 1914 geschätzt wird. Wenn man Heinrich so sieht, dann kann man wohl davon ausgehen, dass 1914 das realistischere Datum ist. Es wird also eines der letzten Fotos gewesen sein, auf denen Heinrich ohne Uniform zu sehen ist. 

Wenn ich an Heinrich denke, dann geht mir immer wieder dieselbe Frage im Kopf herum:  
Wie um Himmels Willen konnte es nur soweit kommen, dass dieser radfahrende junge Bauarbeiter, der nie großartig aus seinem Dorf herausgekommen ist, mit nur 23 Jahren einen bestimmt nicht schönen Tod sterben musste und in einem Grab in Litauen beerdigt wurde, anstatt zu Hause bei seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern zu sein?!

Wenn ich Heinrichs Geschichte schon gekannt hätte, als ich in der Schule war, dann hätte ich den Geschichtsunterricht vielleicht nicht so dröge gefunden...

Johanne hat Heinrich um 40 Jahre überlebt; trotzdem habe ich sie nicht mehr kennen gelernt. Wir haben uns um 18 Jahre verpasst. Es gibt einige Dinge, die ich sie gerne gefragt hätte.




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