Direkt zum Hauptbereich

Die Verknüpfungslust des Genealogen

Im Moment schlafe ich jeden Abend über einer neuen Biografie ein, die jemand namens Frank Schäfer über Henry David Thoreau geschrieben hat und die ich hier in Halle in der Bücherei gefunden habe. Normalerweise halte ich ja einen gewissen Abstand, wenn ein Deutscher meint, einen Amerikaner analysieren zu können, aber hier hat immerhin der Suhrkamp-Verlag sein Geld investiert, so dass ich dachte, es könne ja nicht schaden, wenigstens mal ins Buch hineinzuschauen - zumal es mich nichts kostet. Bei Biografien ist es ja Standard, auch ein paar Worte über die Vorfahren, zumindest aber über die Eltern des zu Biografierenden, zu verlieren. Das macht Herr Schäfer auch: 200 Jahre werden auf einer knappen Seite (nämlich auf Seite 23 von 242) abgehandelt.

Auf dieser einen Seite bin ich über einen Satz gestolpert:

"Man muss bei genealogischen Kausalzusammenhängen vorsichtig sein - sie beweisen ja vor allem die Verknüpfungslust des Interpreten -, aber es ist doch zumindest bemerkenswert, dass einige der charakteristischen Merkmale Thoreaus (...) auf die eine oder andere Weise in seiner Ahnenreihe bereits präfiguriert zu sein scheinen." 

Ich war baff: Ich wusste noch gar nicht, dass es genealogische Kausalzusammenhänge gibt! Ich dachte immer nur, es gibt entweder Kausalzusammenhänge oder aber es gibt keine, und jetzt auch noch genealogische! Wieder was gelernt!

Und mal ganz abgesehen davon: Nur weil ein Ereignis ohne ein anderes, zeitlich davor liegendes, nicht eingetreten wäre, bedeutet das noch lange nicht, dass dieses Ereignis komplett davon abhängt. Wenn man so will: Es kann immer gut sein, dass einem das Leben dazwischen kommt. Im Herbst 1993 durfte ich mich ausführlich während meiner ersten Strafrechtsvorlesung mit dieser Thematik auseinander setzen. Ich bin also darauf getrimmt, mich mit Ursache und Wirkung zu beschäftigen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb mir diese sprachliche Ungenauigkeit so dermaßen auf die Nerven gegangen ist, dass ich mich sogar hier darüber auslasse.

Der zweite Punkt, und wahrscheinlich auch der wichtigere, ist doch, dass der liebe Herr Schäfer uns Forschern hier eine gewisse "Wird-schon-so-sein"-Mentalität unterstellt. Und das ärgert mich!

Bei einigen, die nicht sauber arbeiten, dürfte Herr Schäfer durchaus richtig liegen. Das bedeutet aber nicht, dass man hier so verallgemeinern darf. Ich für meinen Fall hoffe jedenfalls inständig, dass ich Zusammenhänge, die ich nicht beweisen kann, aber für durchaus möglich halte, als These kenntlich mache. Und dass ich niemals Fakten übersehen werde, die gegen die Wahrheit dieser jeweiligen These sprechen.

Im Grunde sollte man diesen einen Satz aber auch nicht zu ernst nehmen: Wenn man ihn nämlich bis zu Ende liest, dann merkt man, dass sein Verfasser hier seiner eigenen Verknüpfungslust nicht widerstehen konnte. Ich glaube jedenfalls nicht, dass die Tatsache, dass Thoreaus Vorfahren im Jahr 1685 als Hugenotten aus Frankreich vertrieben worden waren, etwas mit seinem betriebswirtschaftlichen Desinteresse, mit seinem Hang, sich in seinen Texten zu verfransen und seiner Tendenz, die Überarbeitung seiner Essays teilweise um Jahre aufzuschieben, zu tun hat...

Inzwischen habe ich etwas mehr als die Hälfte des Buches geschafft und bin schon ungefähr zehn Mal darüber eingeschlafen. Ich weiß noch nicht, ob ich es zu Ende bringen werde; wahrscheinlich werde ich anfangen, querzulesen. Das liegt aber nicht nur daran, dass Herr Schäfer meint, seine Ausführungen immer wieder durch den Gebrauch von den Textfluss erheblich störenden Fremdwörtern aufwerten zu müssen (das "präfiguriert" im Zitat oben ist ein schönes Beispiel dafür).  Mich stört eher, dass nichts durch Quellen untermauert wird und im Anhang auch nur ein paar Gesamtdarstellungen als Sekundärliteratur angeboten werden).

Mir fehlt da einfach was... wahrscheinlich werde ich mir heute Abend also mal wieder Thoreau selbst schnappen. Über "Walden" bin ich nämlich auch schon einige Male ins Land der Träume herübergeschlummert...!




Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Als Hörste unabhängig wurde

Seit geraumer Zeit tendiert man ja dazu, Orte zusammenzulegen und einzugemeinden. Sinn und Zweck dieser Übung ist, wohl, sie besser verwalten zu können, wobei ich mir nicht immer sicher bin, ob das auch so klappt, wie es einmal beabsichtigt war. Und weil immer mehr Menschen aus den beiden großen Hauptkirchen austreten, passiert in diesem Bereich genau dasselbe: Pfarreien werden zusammengelegt. Vor etwas mehr als 300 Jahren, nämlich im Jahr 1707, konnte man die umgekehrte Entwicklung in Hörste beobachten: Hörste nabelte sich von der Haller Kirchengemeinde ab und wurde selbstständig!  Das Geld für den Kirchenbau hatte man übrigens durch eine Lotterie zusammenbekommen... Zu dieser Zeit lebten auch Vorfahren von mir in Hörste, zum Beispiel ein Teil meiner Fronemann-Sippe: Gerhard Hinrich Fronemann , Colon in Hörste 6, und seine Frau Anne Catharine geb. Heitmann . Beide waren im Jahr 1671 geboren worden und heirateten dann 1701. Die entsprechenden Eintragungen finden sich also im K...

Hilfe vom Sofa aus

Im Moment arbeite ich mal wieder etwas weniger an meinen eigenen Sachen, was aber nicht bedeutet, dass ich untätig bin. Vergrippt, ja, mitunter, aber untätig? Nee...  Bei den Arolsen Archives kann ich mich auch vergrippt und vom Sofa aus nützlich machen: Die Ausländermeldekartei des ehemaligen Amtes Halle (Westfalen) steht online, und es warten noch Tausende von Karten darauf, transkribiert zu werden. Hier ist der  Link .  Das Schöne ist: Man braucht kein Benutzerkonto , um mitzumachen. Das einzige, was man braucht, ist ein bisschen Zeit - und es könnte nicht schaden, wenn man Kurrent und Sütterlin lesen kann.  Man muss sich auch keine Sorgen machen, dass man etwas falsch macht, denn es gilt das Sechs-Augen-Prinzip . Soll heißen: Wenn nicht wenigstens drei Leute unabhängig voneinander dasselbe gelesen haben, wird die Angabe im Endergebnis nicht frei gegeben. Das finde ich persönlich jetzt mal sehr beruhigend, vor allem, wenn es um die Namen und Herkunftsorte der oft...

Der Arbeitskreis Familienforschung Steinhagen

... trifft sich wieder, und zwar am    Samstag, dem 21. Juni 2025,  um 14.30 Uhr  in der Alten Feuerwehr in Steinhagen-Amshausen.    Ja genau, das ist der Samstag zwischen dem Fronleichnams-Brückenfreitag und dem Sonntag des letzten langen Wochenendes dieses Halbjahrs. Mit den ganzen Feiertagen kann man ja nur durcheinander kommen...    ;-)