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Schwiegermuttergift (Sterben in den 1950ern, Teil 2)

Für den geneigten Familienforscher ist es ja hilfreich, dass in den 1950ern durchgängig die Todesursachen (samt eventueller Nebendiagnosen) angegeben wurden. Außerdem kann man gleichzeitig noch seine Kenntnisse in Chemie, Medizin- und Kriminalgeschichte erweitern. 

Bei diversen Todesfällen fiel mir die Bezeichnung "E 605" auf. Mein Hirn, das sich im Grunde noch immer gegen jegliches Begreifen naturwissenschaftlicher Vorgänge sperrt (nach dem Motto, "ich weiß, dass Schwerkraft existiert, ich muss sie nicht auch noch erklären können") führte mich zunächst auf die falsche Spur. Mit E-Nummern, die wir heute als "Lebensmittelzusatzstoffe" kennen, hatte E 605 nämlich nur sehr periphär etwas zu tun, und dann auch noch in einem anderen Sinn. 

E 605 ist ein anderer Name für Parathion, ein hochwirksames InsektizidDas bedeutet, dass man Pflanzen damit behandeln kann, ohne dass sie absterben; die Insekten, die man loswerden will, bezahlen diese Aktion allerdings mit ihrem Leben. Entwickelt wurde E 605, das man entweder flüssig oder als "Staub" erwerben konnte, übrigens von Gerhard Schrader, einem deutschen Chemiker, der auch für das Nervengift Sarin verantwortlich zeichnete. Ab 1947 konnte man es in den USA kaufen, u.a. von Monsanto, und ein Jahr später kam es auf den deutschen Markt, vertrieben von Bayer. 

Der menschliche Organismus kann mit Parathion extrem schlecht umgehen; selbst das Einatmen kleinster Mengen kann schon zu schwersten Gesundheitsschädigungen führen, selbst wenn man draußen mit dem Zeug arbeitet und Blätter einstäubt. Darauf wurde auch ab 1949(!) auf den Verpackungen hingewiesen. 

Hinzu kommt, dass E 605 in seiner Reinform durchsichtig und fast völlig geruchslos ist, also perfekt, wenn man jemanden ohne seine Kenntnis ins Jenseits befördern will. Das dachte sich auch eine gewisse Christa Lehmann aus Worms, die sich auf diese Weise zuerst im September 1952 ihres eigenen Mannes (die Beziehung war wohl schon vorher von Alkohol und gewissen Gewalttätigkeiten geprägt) und dann im Oktober 1953 auch noch ihres Schwiegervaters entledigte. Zunächst dachte man noch, die beiden Herren seien eines natürlichen Todes gestorben. Auch die Mutter ihrer Freundin Annie Hamann mochte Frau Lehmann wohl nicht, denn Februar 1954 brachte sie den Hamanns Schokopilze vorbei, die eben nicht nur mit Likör, sondern auch mit E 605 gefüllt waren. Die alte Frau Hamann hatte, wie sich später herausstellte, dankend auf die Kalorienbombe verzichtet, aber Annie Hamann und ihr Hund starben qualvoll unter Krämpfen. Da hatte es die Falschen erwischt. Nun wurde auch die Polizei misstrauisch, die beiden Lehmänner wurden exhumiert, und Christa Lehmann wurde zu dreimal lebenslanger Haft verurteilt. Ungefähr 1977 wurde Frau Lehmann dann wieder auf freien Fuß gesetzt und bekam eine neue Identität. 

E 605 hatte mit diesem "sensationellen" Fall einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. Man kannte es auch als "Wormser Gift" oder als "Schwiegermuttergift". Es wurde deshalb - später auch unter dem Namen E 605 forte - zu einem beliebten Mittel zur Selbsttötung. Das änderte sich auch nicht, als man beschloss, es fortan nur noch eingefärbt und mit einer starken Knoblauchnote versehen zu verkaufen. Aber so war immerhin die Tauglichkeit zum Mordwerkzeug erheblich eingeschränkt. 

Wie gesagt, in Werther habe ich einige Leute gefunden, die ihr Leben mit E 605 beendet haben, und zwar quer durch die Bank vom Polsterlehrling bis zur gestandenen Hausfrau mit Wechseljahrsmelancholie. Meine Mutter kann sich noch an eine Nachbarin meiner Großmutter in Halle erinnern, die eines Abends bei ihr vorbeischaute und sich danach vergiftete. Es war also ein Abschiedsbesuch gewesen, ohne dass meine Großmutter es gewusst hatte. Auch das könnte gut E 605 gewesen sein, zumindest würden die Symptome passen, und aus der Erzählung weiß ich, dass es ein fürchterlicher Tod gewesen sein muss. 

Heute ist E 605 in der EU verboten. Richtig so. Früher war eben nicht alles besser. 

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