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Politisch und menschlich nicht korrekt (Sterben in den 1950ern, Teil 3)

Schön an den Sterbeeinträgen aus den 1950ern ist, dass meist nicht nur die eigentliche (=konkrete) Todesursache eingetragen ist, sondern auch noch die Nebendiagnosen und chronische Zustände, an denen die Leute mitunter ihr ganzes Leben lang gelitten haben. Damit wird ein Lebenslauf immer ein bisschen "runder". 

Es gibt aber auch Einträge, über die man heute den Kopf schüttelt, weil man ihre Worte so nicht mehr wählen würde. Über so einen Eintrag bin ich im Jahr 1951 gestolpert; ein zweijähriger Junge war gestorben, was für die Eltern mit Sicherheit schon schlimm genug war. Als "Todesursache" waren genannt: 

"Herzfehler, Blausucht, Mongoloider Idiot." 

Diese letzte Formulierung würde man heute nicht mehr hinschreiben; sie klingt einfach nur rüde und abfällig. Und wenn man sich dann nochmal verdeutlicht, dass es hier um ein Kleinkind ging, dann findet man es nochmal doppelt schlimm. Um mal im Bild zu bleiben: Heute würden nur noch Idioten so reden. Aber damals hatte sich der Begriff "Trisomie 21" wohl noch nicht durchgesetzt. 

Auf der einen Seite erstaunt mich diese Harschheit, denn Werther liegt ja nur ungefähr elf oder zwölf Kilometer von Bethel entfernt, wo schon seit dem 19. Jahrhundert Menschen mit geistigem Handicap behandelt und beschäftigt wurden. Andererseits aber darf man nicht vergessen, dass die Nazi-Zeit mit ihrem menschenverachtenden T4-Programm gerade mal erst sechs Jahre her war, und sechs Jahre vergehen verflixt schnell. So schnell, dass mit Sicherheit noch so mancher alten Vorstellungen anhing. 

Ein Grund mehr, dass ich froh bin, heute zu leben, auch wenn die Welt komplizierter geworden ist. Ich verstehe diese ganze Debatte um "political correctness" auch nicht wirklich: Wenn sich Menschen durch manche Formulierung herabgesetzt fühlen, dann habe ich kein Problem damit, das Wort "Paprikasoße" zu verwenden oder bei bestimmten Süßigkeiten einfach den Markennamen. So schwer ist es ja nicht. Wenn das Scheinargument "Das haben wir aber schon immer so gemacht" mehr als ein Scheinargument wäre, dann würden wir heute noch in Höhlen wohnen. Und letztlich ist es ja keine politische, sondern schlicht und einfach menschliche Korrektheit. 

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