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Willys Zweiter Weltkrieg

Einer der Punkte auf meiner To-Do-Liste für dieses Jahr war ja, die Meldekartei für Halle durchzugucken. Und diesen Punkt konnte ich inzwischen zumindest teilweise abhaken, denn ich habe diverse meiner Verwandten dort gefunden, und das auch noch teilweise mit einigen Überraschungen verbunden.  

Die Haller Meldekartei friert quasi den Wohnungsbestand im Jahr 1953 ein. Nach Ortsteilen und dann Straßen, und dann innerhalb der Straßen nach Hausnummern, findet sich für jeden Haushalt eine Karteikarte. Auf dieser Karte ist dann die Meldehistorie aufgelistet.

Meinen Urgroßvater Willy Hauffe und seine Frau Lina Ortmeyer gehörten zu den ersten, die ich gefunden habe, und zwar in Oldendorf Nr. 61

Die Karteikarte beginnt mit dem 04.02.1918. Damals meldete sich Willy vom "Militär" kommend in Oldendorf Nr. 61 an, als Lina dort schon (zusammen mit ihren Eltern) wohnte. Das war wohlgemerkt immerhin sieben Monate vor ihrer Hochzeit... und noch ein Dreivierteljahr vor dem Ende des Ersten Weltkriegs.

Ich hatte mich ja schon immer gefragt, wie lange Willy denn nun schon in Halle war. Die Familienlegende besagte, er wäre hier in Halle als Soldat untergebracht gewesen, hätte dabei Lina kennengelernt, und als die merkte, dass sich meine Großmutter Martha ankündigte, hätte sie ihn quasi aus Berlin zurückholen müssen, damit gerade noch vor der Geburt dieses ersten Kindes geheiratet werden konnte. Der Artikel zur Goldenen Hochzeit im Haller Kreisblatt vom 04.09.1968 erwähnt dann, dass Willy schon 1916 "im Kreis Halle" gewesen sein soll, was rechnerisch nicht so ganz mit der Geschichte von der stürmischen Romanze zusammenpasst, denn dann wäre es Anfang 1918, also Oma Martha entstanden sein muss, schon eine längere Beziehung gewesen, auch wenn man sich kriegsbedingt wohl zwischendurch nicht sehen konnte. 

Offiziell mit Wohnsitz gemeldet war Willy in Halle also im Februar 1918. Damit hatte er seine Soldatenzeit hinter sich gebracht. 

Hätte man meinen können.  

Ist ein Krieg nicht genug? 

Für den Zeitraum vom 18.04.1919 bis zum 04.03.1920, also rund zwei Jahre, ist Willy wieder beim "Militär". Genauer gibt es die Karteikarte leider nicht her. Dafür habe ich nun aber die Erklärung gefunden, weshalb es so lange dauerte, bis Martha ein Geschwisterchen bekam. Ist halt schwierig, wenn der Mann nicht da ist. 

1935 zog die inzwischen gewachsene Familie dann von Halle nach Gartnisch, das inzwischen ja längst eingemeindet wurde. Von Gartnisch aus hat sich Willy dann wieder abgemeldet, nur, dass kein konkretes Datum angegeben ist, sondern ein 

?. 

Und wo war Willy abgeblieben?  

Bei der Wehrmacht. Ja, er ist nochmal gezogen worden

Rechnen wir mal.

Willy war am 27.05.1896 in Burg geboren worden, also war er bei Beginn des II. Weltkrieges 43 Jahre alt. Hat er da wohl schon geahnt, dass er nochmal Uniform tragen würde? Als Vater von einem halben Dutzend Kinder? 

Vielleicht. Vielleicht hat er sich aber auch von den "Erfolgen" der Wehrmacht blenden lassen und gedacht, das ginge alles so weiter. Ich habe das Wort "Erfolge" hier in Anführungsstriche gesetzt, weil man es aus heutiger Sicht wohl kaum einen Erfolg nennen kann, wenn man in einem Angriffskrieg halb Europa überrennt. 

Am 8. Mai 1945, also heute vor 80 Jahren, war Willy dann 48 Jahre alt. Drei Jahre jünger, als ich jetzt bin (was erschreckend genug ist). Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er sich wesentlich älter gefühlt haben muss. Wer zwei Weltkriege mit eigenen Augen sieht... 

Wo genau Willy eingesetzt war, ist noch ein Rätsel. Auch, wann genau er zum Volkssturm - denn der musste es ja sein - gezogen wurde.  

Als Arbeiter gehörte er wahrscheinlich zum Aufgebot I, das alle "tauglichen und waffenfähigen Männer" der Jahrgänge 1884 bis 1924 umfasste. So ein Volkssturmbataillon des Aufgebots I konnte auch außerhalb des "Heimatgaus" eingesetzt werden, und zwar bis zu sechs Wochen lang, wie mir wikipedia erklärt. Was ich nicht erkennen kann ist, ob man nur einmal eingezogen werden konnte oder ob man eventuell auch mehrmals antreten musste, wenn man denn die ersten sechs Wochen überlebt hatte. Hauptsächlich wurden diese Volkssturmbataillone in Richtung Osten eingesetzt, weil es seit ihrer Bildung im Herbst 1944 relativ wenig Sinn machte, sie gen Westen zu schicken, weil die Amerikaner im September 1944 ja schon die Grenze bei Aachen überschritten hatten. Das grenzt auch zeitlich etwas ein, wann Willy abkommandiert wurde. Dass auf der Karteikarte nur ein Fragezeichen zu finden ist, spricht eigentlich dafür, dass es relativ spät war oder zumindest doch zu einem Zeitpunkt, als die Bürokratie schon nicht mehr so 100%ig funktionierte. Und das will ja schon weiß heißen, damals wie heute. 

Am 13.06.45 meldete sich Willy wieder in Gartnisch Nr. 51 an. Damit hatte er auch seinen Zweiten Weltkrieg überstanden. 

Dass Willy nochmal gezogen werden konnte, hatte ich bislang gar nicht so auf dem Schirm gehabt, obwohl ich es eigentlich auf dem Schirm hätte haben müssen. Trotzdem, als ich da in Halle im Archiv saß und auf diese Karteikarte starrte, dachte ich nur, "Ach du Sch...". Der zweite Gedanke ging direkt zu Oma Martha, die damals in dieser für mich unvorstellbaren Situation war, dass nicht nur ihr Mann eingezogen war, sondern auch ihr Vater. 

Beide sind zurückgekommen.  

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