Das Problem bei vielen Vorfahren ist ja, dass man relativ leicht ihre Vitaldaten finden kann, aber etwas über ihren Charakter herauszufinden, ist dann schon wesentlich schwieriger. Es gibt aber auch Vorfahren, von denen etwas mehr überliefert ist als Geburts- und Sterbedaten. Einer davon ist Friedrich Wilhelm Kleine Fronemann.
Wenn ich so etwas wie "Lieblingsvorfahren" habe, dann gehört er dazu. Schon alleine, weil er nicht immer gemacht hat, was von ihm in gesellschaftlicher Hinsicht erwartet wurde. Die Anmerkung in seinem Sterbeeintrag kann durchaus darüber hinweg täuschen, dass er öfter auch mal seine eigenen Regeln aufgestellt hat:"Ein durch seltene Geistesgaben eben so ausgezeichneter, als unterrichteter, braver und anständiger Mann, der seit 12. Januar 1840 ein Mitglied unseres Kirchenvorstandes war, und in allgemeiner Geltung gestanden hat."
Okay. Ich lese daraus eine überdurchschnittliche Intelligenz, bin mir gleichzeitig aber auch sicher, dass er nicht immer von allen Pastoren als "anständig" in deren Sinne bezeichnet worden ist. Aber fangen wir mal am Anfang an.
Wilhelm wurde am 23.08.1770 nicht als "Kleine Fronemann" geboren, sondern als "Fronemann". Sein Vater war Jobst Henrich Peters, der Catharina Maria Fronemann, die Erbin des Hofes Fronemann in Hörste Nr. 6, geheiratet hatte, und dadurch der Colon Fronemann geworden war. Zu der Zeit gab es zwar mit der Nr. 37 auch schon einen zweiten kleineren Fronemann-Hof in Hörste, aber zur Zeit Wilhelms Geburt waren beide Höfe in einer Hand (das war nicht immer so, und es würde auch nicht immer so bleiben), so dass das Kirchenbuch auch konsequent Hörste Nr. 6 als Adresse angibt.
Wilhelm war nicht das einzige Kind seiner Eltern, und er war auch nicht der einzige Sohn. Der am 09.04.1780 geborene Caspar Henrich war als jüngster Sohn der Anerbe. Demzufolge war Wilhelm "draußen" und hätte sich eigentlich nur noch auszahlen und als Heuerling verdingen können.
Das war nicht so ganz sein Plan.
Hier kommen dann zwei Faktoren ins Spiel, das heißt, eigentlich drei.
Zum einen hatte sich Wilhelm verliebt. In Marie Elisabeth Brüggenkoch.
Dann gab es da ja noch den Hof Nr. 37. Wilhelm fand, dass er ja zumindest den bewirtschaften sollte, und zwar nicht nur als reines Anhängsel zu Nr. 6.
Und dann war da noch seine Schwägerin, Johanne Friederike Fronemann geb. Mattlage, Caspar Henrichs Frau...
Wenn sich Wilhelm einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog er das auch durch.
Seine Auserwählte, Marie (manchmal auch Maria) Elisabeth Brüggenkoch, war insofern nicht standesgemäß, weil sie unehelich geboren worden war. Sie kam am 20.01.1776 in Hörste Nr. 42 zwar auf dem Hof Brüggenkoch zur Welt, aber halt nicht als Tochter des Colons, sondern als Tochter der Colonstochter Anna Maria Brüggenkoch. In ihrem Taufeintrag ist aber immerhin auch ihr Vater angegeben: Johann Friedrich "Gropps in der Halle". Also Groppe in Halle. Und der war Wirt.
Oha.
Es sah also erstmal so aus, also wäre Marie Brüggenkoch dazu bestimmt, ebenso eine uneheliche Mutter zu werden wie ihre eigene. Und das passierte auch:
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| Kirchenbuch Hörste |
Das hier ist der Taufeintrag des ersten Kindes der beiden: Catharina Maria, geboren am 11. Mai 1804 in Brunes Kotten in Hörste Nr. 24. Unehelich. Aber natürlich steht Wilhelm als Vater im Kirchenbuch. Ist ja auch seins. Nicht "angeblich", nicht "vielleicht". Würde in der sechsten Spalte von links nicht "unehel." stehen, dann fiele das gar nicht weiter auf.
Wilhelm machte halt gerne Nägel mit Köpfen. Und nicht nur einmal.
Das zweite Kind kündigte sich an, und es wurde geheiratet. Am 6. Januar 1807 im Pfarrhaus in Hörste. Bräutigam und Braut waren da immerhin schon 37 bzw. 31 Jahre alt, für damalige Verhältnisse also wirklich nicht mehr die Jüngsten. Die kleine Marie Catharine kam dann auch keine zweieinhalb Monate nach der Hochzeit am 15. März 1807 zur Welt. Und zwar als Tochter des Colons Kleine Fronemann in Hörste Nr. 37.
Wilhelm hatte sich durchgesetzt und war auf die Leibzucht gezogen, wie er später angab, mit der Einwilligung seines Vaters. Und weil die Leibzucht Nr. 37 auch schon in früheren Generationen als eigener Hof geführt worden war, wurde er damit zum "Colon Kleine Fronemann". Eigentlich logisch.
Im Grunde hätte nun alles gut sein können. Wilhelms kleine Familie wuchs und gedieh; unter anderem kam am 10.07.1815 die Tochter Johanne Friederike zur Welt, die einmal meine Ur-Ur-Ur-Großmutter werden sollte.
Friederike wurde aber nicht gerade in eine familiäre Idylle hineingeboren. Im Gegenteil. Es war alles kompliziert.
Da war zunächst mal die große Politik, also Napoleon mit seinen Expansionsplänen. Zwischen den beiden Höfen Nr. 6 und Nr. 37 lag bis vor kurzem (und wenn auch nur für ein paar Jahre) eine Staatsgrenze - die einen Fronemanns gehörten nun zu Frankreich, die anderen zum Königreich Westphalen unter Napoleons Bruder Jerome. Napoleon und Jerome hatten Wilhelm und sein jüngerer Bruder Caspar überstanden, aber den Eltern der beiden ging es nicht mehr gut. Seit dem Herbst 1813 war ihre Mutter Catharine Marie nicht nur seit 1809 bettlägerig, sondern musste laut Randbemerkung bei ihrem Sterbeeintrag auch "wie ein kleines Kind gewartet" werden. Sie starb am 12. Februar 1816 in Nr. 6 an Gicht, und der Pfarrer schrieb: "Für sie war Sterben Gewinn."
Es dürfte für alle nicht leicht gewesen sein.
Diejenige, die ab 1812 den Haushalt in Nr. 6 geschmissen hatte, war Johanne Friederike Fronemann geb. Mattlage, Caspar Henrichs Ehefrau. Ja, auch der Anerbe hatte irgendwann geheiratet und war seinerseits dabei, die Familie zu vergrößern. Ich finde den folgenden Satz über sie: "Johanne Friederike Mattlage scheint eine tüchtige und ausgezeichnete Frau gewesen zu sein, allerdings mehr durch Willensstärke und Intelligenz ausgezeichnet als durch Liebenswürdigkeit und Güte." Klingt jetzt eher respekteinflößend als sympathisch, aber man kann halt nicht alles haben.
Jobst Henrich Peters genannt Fronemann war am 20. Mai 1817 gestorben. Und dann ging der Streit richtig los.
Fortsetzung folgt.


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